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Hamburg Bei Mühlen drehen sie auf
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11:00 09.11.2014
Von Cornelia Müller
Norddeutschlands größte Kaffeemühlensammlung: Karsten und Detgard Schmidt kommen auf Umdrehung, wenn es um die Kaffeemühle geht. „Mit dieser großen Gutsmühle konnte man den Kaffee für eine große Gesellschaft frisch und auf einen Rutsch mahlen“, erzählen sie. Quelle: Cornelia D. Mueller
Schwedeneck

Nur das Museum fehlt noch, in dem sie eine Auswahl zeigen und Kaffeegeschichte(n) erzählen können.

Wer das Haus der Kaffeemüller betritt, traut seinen Augen nicht: Große Exemplare auf dem Fußboden, wie man sie einst auf großen Höfen benutzte, erzählen Gutsgeschichte. Auf Regalen, Borden, Schränken thronen filigrane Blickfänger und würfelförmige Schoßmühlen aus Großmutters Küche. Am Treppenaufgang ist die Wand bis unter die Decke mit Porzellanwandmühlen zum Kurbeln gespickt. „Manchmal kommen wir mit dem Staubwischen nicht nach“, sagt Karsten Schmidt. „Wir nutzen ja jeden Fleck für die Mühlen.“ Wohl wahr. Im Wintergarten hocken sie koboldgleich auch auf Simsen, Balken, unter Palmen. Die Ehefrau lächelt und schickt voraus: „Es gibt da auch noch andere Räume und den Dachboden...“

 Wie kommt man zu solch einem Mühlenimperium? „Zufall“, antwortet Schmidt. „In den 80er Jahre fing es an, noch in der DDR. Mit der alten Holzkaffeemühle meiner Mutter.“ Aus Wismar stammt das Paar. Sie arbeitete auf der Werft. Er war Fischer, wurde Kapitän und ist heute Kanalsteuerer in Kiel. Und er interessierte sich immer für Technik. Das stählerne Werk jener alten Mühle mit dem Schublädchen für pulverisierte Bohnen hatte es ihm angetan. „Zusätzlich hatten wir eine elektrische Schlagwerkmühle. Wir waren stolz darauf, denn in der DDR war sie unfassbar teuer. Nur der Kaffee daraus schmeckte nie.“ Konnte er auch nicht, fand er heraus. „Weil das Schlagwerk auf dem Motor sitzt und heiß wird, verflüchtigen sich ätherische Öle. Zurück bleibt ausgelaugtes Pulver.“

 „Die Neugier war noch nicht befriedigt“, ergänzt Detgard Schmidt. „Selbst wenn Karsten kein großer Kaffeetrinker ist, musste er es ganz genau wissen.“ Welchen Unterschied macht es, wenn das Mahlwerk oberständig oder unterständig ist, so dass man zur Einstellung des Mahlgrads im Inneren herumfingern muss? Als er entdeckte, dass im 18. Jahrhundert Schmiede die Kaffeemühlen fertigten, wuchs seine Leidenschaft noch.

 Freunde schenkten dem Paar bald Kaffeemühlen. Flohmärkte wurden besucht, in Archiven geforscht. „Dann zogen wir vor 20 Jahren nach Schwedeneck und hatten Platz. Das Übrige tat das Internet mit Ebay. Aber wenn ein Stück neu hinzukommt, muss ein anderes weg. Es gibt noch einige andere Sammler in Deutschland. So haben wir Abnehmer.“ Von Sammelsurium kann also keine Rede sein. Peugeot als großer Kaffeemühlenhersteller Frankreichs hat Extra-Regale. Systematisch aufgebaut sind holländische und belgische Exemplare mit Zelluloiddekor. Deutsche und tschechische Handmühlen, deren Produzenten teils in Sachsen und Thüringen zu Hause waren, zeigen sich detailverliebt. Und für die DDR-Handmahlkultur, die über Bakelit zum Plastedesign fand und bunte Blüten sozialistischer Konsumgüterproduktion trieb, haben die Schmidts ein großes Herz. Ältestes Stück ist eine holländische Reisekaffeemühle aus der Zeit um 1750. Der Sammler: „Messingintarsien zeigen, dass das Mahlwerkszeug dem teuren Kaffee ebenbürtig sein musste. Auf dem Lande aber wurden Bohnen und Kaffeeersatz noch lange im Handmörser zerstoßen.“ Die 100 Jahre ältere Holzmörsermühle mit Rolle aus Schweden ist der Beweis. Bis ins 20. Jahrhundert war „die Mühle fürs Leben“ sogar Traugeschenk: Hochzeitsmühlen mit Scherenschnittdekor fanden reißenden Absatz.

 Nach der Besichtigung von 260 Metern Regal- und 60 Quadratmeter Wandfläche hat der Besucher nur noch eine Frage. Mit welcher Mühle mahlt Ehepaar Schmidt? Beide lachen. „Wir lassen im Geschäft mahlen. Wir könnten uns gar nicht entscheiden.“