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Hamburg Die Bahn hält wieder auf dem Dorf
Nachrichten Hamburg Die Bahn hält wieder auf dem Dorf
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07:00 02.01.2015
Von Paul Wagner
Saskia Hoefig (links) und Inga Decke freuen sich auf die neue Bahnverbindung. Die beiden Schülerinnen aus Bredenbek besuchen ein Rendsburger Gymnasium und können nach den Ferien morgens länger schlafen. Auch ein schneller Ausflug in die Landeshauptstadt werde durch den stündlichen Pendelverkehr leichter. Quelle: Jörg Wohlfromm
Kiel

Im Rückblick ist es der November 2000, der als Wendepunkt in der jüngeren Eisbahngeschichte des Landes gelten kann, weil er als Vorbild für die Umlandgemeinden diente: Damals wurde der Haltepunkt Felde-Brandsbek wiedereröffnet. Ab dem kommenden Montag halten nun auch wieder wieder bis zu 40 Züge täglich in Schülldorf, Bredenbek, Achterwehr, Melsdorf und Kiel-Russee.

 Das Land, die Bahn und die Gemeinden haben in den vergangenen Monaten etwa neun Millionen Euro in die Strecke investiert, einschließlich neuer Bahnsteige am Kieler Hauptbahnhof und eines Ausweichgleises in Felde. „Nicht zu unterschätzen ist auch die neue Elektronik, die den Betrieb auf der Strecke vom Kieler Stellwerk aus steuert“, sagt Heiko Hoppe. Seit vielen Jahren fährt er täglich auf der Ost-West-Tangente. Als Lokomotivbetriebsinspektor, wie der Job des verbeamteten Lokführers offiziell heißt, kennt er die künftigen Haltepunkte bisher nur aus dem Augenwinkel. Mit etwa 100 Kilometern pro Stunde steuert er den modernen Triebwagen noch an den neuen Bahnsteigen vorbei. Ab Anfang kommender Woche muss er auf die Bremse treten, wo bisher nur Felder und Brachland lagen. 41 Minuten dauert die Fahrt mit den Zwischenstopps an allen 115 Meter langen Bahnsteigen zwischen Rendsburg und der Landeshauptstadt. „Das Mama-Taxi kann künftig wohl öfter in der Garage bleiben“, hofft Inga Decke. Die 17-jährige Schülerin pendelt während der Schulzeit von Bredenbek zum Gymnasium nach Rendsburg – bisher mit dem Bus oder ihren Eltern. Oft kamen sie und ihre Mitschüler wegen der Baustelle im Kanaltunnel zu spät zum Unterricht. Jetzt können die Kinder und Jugendlichen morgens etwa 20 Minuten länger schlafen. Durch den stündlichen Takt der neuen Bahn bis in die Abendstunden werde außerdem der Besuch von Nachmittagsveranstaltungen in der Stadt leichter. Bisher fuhr der letzte Bus um 17 Uhr.

 Bartelt Brouer und Jürgen Liebsch mussten gemeinsam mit ihren Gemeindevertretungen in den vergangenen Jahren „dicke Bretter bohren.“ Die Bürgermeister von Bredenbek und Bovenau haben ihren Haltepunkt mit neuer Erschließungsstraße gemeinsam finanziert, sprechen von einem „historischen Ereignis“ und erhoffen sich mit der Bahn einen Aufschwung für das interkommunale Gewerbegebiet in unmittelbarer Nähe. „Außerdem ist eine eigene Bahnstation für die Käufer von Immobilien interessant“, sagt Brouer.

 Auch ihre Amtskollegin aus Achterwehr, Anne Katrin Kittmann, will am Sonntag bei der Sonderfahrt mit dabei sein. Dabei kennt sie den Haltepunkt in ihrer Heimatgemeinde noch von früher. „Als Kind bin ich noch von Russee nach Achterwehr mit dem Zug gefahren“, erinnert sie sich. Doch zu Beginn der 1980er-Jahre war Schluss mit dem Halt in Achterwehr. Nicht nur die steigende Zahl der Autos gab vielen Bahnhöfen einst den Todesstoß. „Damals gab es ganz andere Rahmenbedingungen“, sagt Verkehrsminister Reinhard Meyer (SPD). „Die Züge konnten nicht so beschleunigen und waren viel langsamer, sodass sich viele Halte nicht lohnten. Hinzu kam, dass vor der Bahnreform die Defizite der Bundesbahn jährlich anwuchsen, sodass vieles, was heute wieder möglich ist, damals einfach nicht finanzierbar war.“ So werden Schranken, Weichen und Signale jetzt von Kiel aus bedient. Und Fahrkarten kommen aus dem Automaten.