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Hamburg Geisterfahrer sah Gespenster
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07:52 01.11.2013
Von Thomas Geyer
Das Fahrzeug des Geisterfahrers im Vordergrund war mit einem Mercedes (hinten im Bild) frontal zusammengestoßen. Am Donnerstag hat der Prozess gegen den Unfallverursacher begonnen. Quelle: J. Krüger (Archiv)
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Kiel

Vor dem schweren Autobahnunfall am 16. April auf Höhe der Anschlussstelle Neumünster-Süd, bei dem gegen 9 Uhr ein weiterer Autofahrer erheblich verletzt wurde, war der vor Gericht sensibel und zurückhaltend wirkende Mann im Pkw seiner Eltern mindestens zehn Minuten lang auf falscher Fahrbahn in Richtung Norden unterwegs. Mit 100 bis 110 km/h befuhr er den Standstreifen, berichtete am Donnerstag ein Augenzeuge (38).

Über die ganze Strecke zwischen Bad Bramstedt und Neumünster beobachtete der ebenfalls (aber auf der richtigen Seite) nach Norden fahrende Außendienstler den Geisterfahrer, hielt sein Tempo, hatte während der bizarren Parallelfahrt über 15 Kilometer sogar Blickkontakt. Gleichzeitig informierte der Zeuge über Handy laufend die von ihm alarmierte Polizei.

„Als der Geisterfahrer bemerkte, dass ich ihn beobachte, schrie er etwas in meine Richtung und gestikulierte wild“, sagte der Zeuge. Aggressiv habe der Mann gewirkt. Dann kam vor Neumünster die Polizeisperre mit quergestellten Fahrzeugen und Blaulicht in Sicht. „Im nächsten Moment“, so der Zeuge weiter, „zog er sein Fahrzeug plötzlich in den Gegenverkehr.“

Der Pkw des Geisterfahrers knallte frontal in einen Mercedes und überschlug sich. Der andere Fahrer erlitt Rippenbrüche, eine Schlüsselbeinfraktur, blutende Wunden und Hämatome am ganzen Körper, sagte Staatsanwalt Timo Beck bei der Verlesung der Antragsschrift. Der mögliche Tod des Zufallsopfers sei dem zur Tatzeit schuldunfähigen Falschfahrer gleichgültig gewesen.

Ist der laut Gutachten an einer Psychose leidende Mann eine Gefahr für die Allgemeinheit? Das war der 48-Jährige während der Geisterfahrt mit Sicherheit. Inzwischen nimmt er in einer Klinik in Neustadt jene Medikamente gegen seine Wahnvorstellungen, deren Einnahme er seit 1996 hartnäckig verweigert hatte. Damals fiel er erstmals mit einer schweren psychotischen Krise auf, drohte an, sich ein Messer in den Hals zu stoßen.

Über den „Mist“, den er früher erzählt habe, will der Beschuldigte vor Gericht nicht reden. Seine Diagnose verdrängt er, an eine Krankheit will er nicht glauben. „Mir geht es ganz gut“, beteuert er. Die Medikamente nehme er nur auf Forderung der Ärzte. Eine Einstellung, die ihm das Gericht als mangelnde Krankheitseinsicht auslegen könnte.

Wegen seines schweren Asthmas war der Beschuldigte schon im Vorschulalter das Sorgenkind seiner Eltern. Nach dem Abitur in Wik auf Föhr und dem Zivildienst als Rettungssanitäter studierte der leidenschaftliche Hobbysegler in Hamburg Schiffbau. Ohne Abschluss brach er nach drei Jahren ab, zog in eine Land-WG, jobbte bei der Post.

Seit 15 Jahren lebt er weitgehend unauffällig und isoliert unter der Obhut seiner Eltern im Raum Schleswig. Dort fühlte er sich erst von den Nachbarn, dann vom ganzen Dorf gemobbt. Nach seiner Festnahme berichtete er der Polizei von einer Bedrohung durch den Verfassungsschutz, sprach von Schallkanonen und Bestrahlung.

Vor der Geisterfahrt, sagt er vor Gericht, sei er eigentlich nur aufgebrochen, um „einfach mal ein paar Tage Urlaub“ zu machen. Dazu nahm er auch 2000 Euro Ersparnisse in Goldmünzen mit.

Für das Sicherungsverfahren hat die 8. Große Strafkammer zwei weitere Verhandlungstage angesetzt.