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Hamburg Gestalter einer virtuellen Welt
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12:00 13.10.2013
Von Felix Haas
Gute Laune: Jimdo-Mitarbeiter feiern den Start ihrer App. Quelle: jimdo.com
Hamburg

Die Szene hat schon etwas Kurioses. Da steht ein 31-jähriger Mann, den die Bild-Zeitung mal den „Steve Jobs von Hamburg“ genannt hat, inmitten einer riesigen lichtdurchfluteten Bürohalle voller Monitore und Laptops, vor denen Programmierer hocken, die sich den ganzen Tag lang mit Webseiten beschäftigen. Und der Typ sagt allen Ernstes: „Manchmal fühle ich mich wie der Opa des Internet.“

 Christian Springub leitet das Hamburger Unternehmen Jimdo. Die Firma bietet eine Software an, mit der man sich einen eigenen Internetauftritt zusammenstellen kann. Wenn Springub in T-Shirt, Jeans und bunten Sneakern durch die Räume seiner Firma führt und die Fakten herunterbetet: mehr als acht Millionen Kunden weltweit, mehr als 160 Mitarbeiter in vier Büros, in Hamburg, San Francisco, Shanghai und Tokio – dann hat man nicht den Eindruck, einen Internet-Opa vor sich zu haben. Eher einen Mann in seinen besten Jahren. Und doch ist Springub kein Internet-Jungspund mehr. Mit Jimdo hat er viel erlebt: Die Geschichte seines Unternehmens ist die klassische Geschichte eines digitalen Startups. Sie handelt vom Kampf gegen das Scheitern, von Fehlern, von Mut. Und von Erfolg.

 Am Anfang stand – na klar – eine Idee. 2007 setzten sich Springub und seine Freunde Fridtjof Detzner und Matthias Henze zusammen. Sie waren sich sicher: Der Welt fehlt ein einfaches Programm, mit dem jeder im Handumdrehen seine eigene Webseite bauen kann. Das Programm war nicht das Problem. Springub hatte schon vorher Webdesigns für Business-Kunden angeboten. „Die zentrale Frage war: Wie bekommen wir eine Kundenbasis?“

 Springub lässt sich in einen Bürostuhl im Konferenzraum plumpsen, lehnt sich zurück, muss lachen als er von der Anfangszeit erzählt. Da sah die Kundenakquise so aus: Die drei Gründer setzten Werbeschreiben auf, adressierten sie an Winzer in Süddeutschland. „Wir dachten, die brauchen bessere Homepages“. Sie packten die Schreiben hundertfach mit Visitenkarten in Briefumschläge, klebten Briefmarken drauf, brachten alles zur Post. Viel Aufwand. Sollte ja alles perfekt sein. Zurück kam ein einziges Antwortschreiben. Henze fuhr Richtung Süden, präsentierte dem möglichen Kunden das Programm. „Hat sich aber am Ende nicht gelohnt. Der wollte auch nicht“, sagt Springub. Er lacht wieder.

 Die drei stellten Pläne auf, wollten kalkulieren. Wie viele Kunden sie bräuchten, damit sich das irgendwann rechnet. Nach drei Monaten, nach sechs, nach neun: „Hat nie hingehauen, die Kalkulation.“ Irgendwann kamen die ersten Kunden dann doch. Weil Springub, Henze und Detzner auf Partys den Bekannten von ihrem Programm erzählten. Da wussten sie: „Am wichtigsten ist die Mund-zu-Mund-Propaganda. Nichts ist so gut wie eine Weiterempfehlung von einem Freund.“

 Die Flüsterpost hat es in sechs Jahren um die ganze Welt geschafft: bis hin zu kolumbianischen Busunternehmen, Kirchengemeinden in Indonesien, Backpackern in Australien. Jimdo gibt es heute in 12 Sprachen, die interne Kommunikation läuft nur noch in Englisch. Die Büros in Altona platzen aus allen Nähten. Alle paar Monate werden neue Räume dazugekauft. Die genauen Umsatzzahlen will Springub zwar nicht an die Öffentlichkeit geben. Aber: Es klingt alles nach einem märchenhaften Aufstieg.

 Und doch kam der Moment für Springub, an dem er sich alt fühlte. 2010 müsse das gewesen sein, schätzt er. Jimdo betreute da schon ein paar Millionen Kunden, war gerade von den Lesern des Online-Fachmagazins Gründerszene.de zum beliebtesten Startup-Unternehmen des Jahrzehnts gekürt worden. Da veränderte sich das Internet – mal wieder. Plötzlich hatte jeder ein Smartphone. Und ein Tablet. Und irgendwie mussten die Homepages anders werden, mussten auf den kleineren Geräten richtig dargestellt werden. Und die Leute wollten ihre eigenen Seiten von unterwegs designen. Mit Fotos bestücken, Texte einstellen. Es musste etwas passieren.

 Das Problem: Springub kannte sich mit mobilen Inhalten kaum aus. Also stellte er neue Leute ein – „Experten“, sagt er. Jimdo gründete ein Team, das sich nur um mobile Inhalte kümmerte. Erst die Jimdo-Homepages Handy-tauglich machen. Dann eine App entwickeln, mit der man von überall aus – mit Smartphone und Tablet – die eigene Homepage verändern kann.

 Und so, sagt Springub, musste sich Jimdo ein Stück weit neu gründen. Wieder mit einem Plan am Anfang. In drei Monaten sollte die App fertig sein. Klappte wieder nicht. Mehr als ein Jahr dauerte die Entwicklung. Erst vor wenigen Wochen saßen sie dann um 4.30 Uhr in der Früh zusammen in der Firma. Knapp 40 Mitarbeiter. Es gab selbstgebackene Waffeln und Kaffee. Da wurde die App für Apple-Geräte freigeschaltet. 70000 Downloads in der ersten Woche. Top-Platzierungen in App-Stores in 25 Ländern. Später schmiss Springub eine Party für alle Mitarbeiter.

 Klar, dass er wieder lacht, als er davon erzählt. Wer etwas zu feiern hat, dem geht es meistens gut. Fast beiläufig geht Springub dann zur Bestandsaufnahme über: „Der Umgang mit dem Internet ändert sich rasend schnell. Fast täglich gibt es neue Plattformen, neue Technik. Wer nicht voraus geht oder zumindest Schritt hält, der fällt zurück.“ In solchen Momenten wirkt er tatsächlich wie ein erfahrener Manager, ein alter Hase. Das mit dem Opa vom Internet ist wohl doch gar nicht so abwegig.

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