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Hamburg Gruppenreise zum IS nach Syrien
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20:52 25.04.2018
Die Angeklagten hatten sich im April 2017 auf den Weg nach Syrien begeben, um sich dem IS anzuschließen. Quelle: Christian Charisius
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Hamburg

Deutschland gilt bei ihnen als ein „Land des Unglaubens“, in dem sie sich diskriminiert fühlen. Eine Gruppe junger deutscher Muslime macht sich darum auf den Weg nach Syrien, um für den Islamischen Staat zu kämpfen. Das Landgericht Hamburg hofft auf Läuterung der Angeklagten. Am Mittwoch sind vier Männer zu Haftstrafen verurteilt worden.

Selbstmordattentäter seien sie nicht gewesen, aber sie seien bereit gewesen, für die Terrormiliz zu töten, sagte die Vorsitzende der Strafkammer am Landgericht, Anne Meier-Göring. Die Reise endete mit Polizeikontrollen und Festnahmen in Österreich und Bulgarien.

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Bewährungsstrafen für drei Angeklagte

Drei Angeklagte im Alter von 18, 21 und 26 Jahren erhielten Bewährungsstrafen, die von eineinhalb Jahren bis zu einem Jahr und zehn Monaten reichen. Das Strafmaß für einen vierten Angeklagte lautete ebenfalls ein Jahr und zehn Monate, allerdings soll der 17-Jährige die Haft verbüßen. Er habe bis zuletzt nicht eingesehen, dass ihm etwas Strafbares vorzuwerfen sei, sagte Meier-Göring zur Begründung.

Nach Überzeugung der Strafkammer haben sich die vier Männer zusammen mit zwei weiteren, bereits zu Bewährungsstrafen verurteilten Angeklagten der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat schuldig gemacht. Alle sechs hatten sich im April 2017 gemeinsam auf den Weg nach Syrien begeben, um sich dem IS anzuschließen.

Mit dem Interrail-Ticket zum IS

Die Gruppe habe sich gemeinsam Interrail-Tickets und Handys mit SIM-Karten gekauft sowie Pässe besorgt. Dann seien sie mit dem Zug von Hamburg in Richtung Istanbul abgereist. Der IS sei zu dem Zeitpunkt schon so geschwächt gewesen, dass sie ihr Ziel womöglich gar nicht erreicht hätten. „Wären Sie nicht vor einem Jahr verhaftet worden, wären Sie inzwischen tot“, sagte Meier-Göring an die Adresse des 17-Jährigen.

Alle vier Angeklagten stammen aus Einwandererfamilien, sind aber in Deutschland geboren und aufgewachsen. Jeder von ihnen habe sich in einer Lebenskrise befunden und sich als Muslim in Deutschland diskriminiert gefühlt. Salafistische Prediger wie der in Celle vor Gericht stehende Abu Walaa und Propaganda hätten ihnen Angst vor dem Leben in Deutschland, einem „Land des Unglaubens“, gemacht. Versager waren die Angeklagten nicht. Einer von ihnen studierte Webdesign, ein anderer hatte einen Ausbildungsplatz, den er allerdings vor der Ausreise verloren hatte. Keiner der Angeklagten war vorbestraft.

Angeklagter wurde von Schule suspendiert

Ein dritter Angeklagter, der 18-Jährige, wurde vor seiner Ausreise wegen Bedrohung einer Lehrerin von der Schule in Gifhorn (Niedersachsen) suspendiert. Zuvor war er aber Klassensprecher gewesen. Sein älterer Bruder war schon 2015 zum IS gegangen und hatte der gesamten Gruppe ein Empfehlungsschreiben versprochen, mit dem die Terrormiliz sie aufnehmen würde. Kurz vor der Ausreise der Gruppe sei er bei einer Bombenexplosion in der Türkei getötet worden.

Die jungen Männer hatten sich zuvor immer mehr radikalisiert. Den Anstoß zur Verwirklichung der Reisepläne habe ein Polizeieinsatz am 3. März 2017 auf St. Pauli gegeben. Die Gruppe habe zum wiederholten Male in militärischer Kleidung auf einem Privatparkplatz in einem Hinterhof gebetet. Anwohner hätten die Polizei gerufen.

Männer wurden bei Gebet kontrolliert

Die fünf Beamten hätten mit einer Personenkontrolle begonnen, noch während die Männer ihr Gebet sprachen. Die Lage sei eskaliert. Die Angeklagten hätten zum Teil Widerstand geleistet, die Beamten bedroht und laut „Allahu akbar“ gerufen. „Das zeigt auch, wie schlecht Polizisten auf solche Situationen vorbereitet sind“, kritisierte die Vorsitzende Richterin. Die Beamten seien rabiat vorgegangen, die Kontrolle zur Gefahrenabwehr sei aber berechtigt gewesen, stellte die Richterin fest.

Die Angeklagten hätten sich zutiefst diskriminiert gefühlt und darum nun unter Sunniten im Gebiet des Islamischen Staates leben wollen. „Wie unglaublich verquer ist das eigentlich?“, fragte Meier-Göring. In keinem Land der Welt würden Menschen so sehr diskriminiert wie im Gebiet des Islamischen Staates. Die Terrormiliz bringe Schiiten und Christen allein wegen ihres Glaubens um.

Von dpa

25.04.2018
25.04.2018
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