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Hamburg Selten so viel Einheit
Nachrichten Hamburg Selten so viel Einheit
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08:00 04.10.2014
Von KN-online (Kieler Nachrichten)
25 Jahre nach dem Mauerfall geriet das Fest zur deutschen Einheit in Hannover gestern besonders heiter, und nicht nur Bundeskanzlerin Angela Merkel genoss die Feier offensichtlich. Niedersachsens Ministerpräsident Stefan Weil sagte über den Herbst 1989: „Wer das erlebt hat, vergisst es seinen Lebtag nicht.“ Quelle: dpa
Hannover

Das Brandenburger Tor, an diesem Freitag direkt am Maschsee gelegen, verlockt zum Durchlaufen. Ein paar Jugendliche machen sich einen Scherz daraus, drehen immer noch einmal um und passieren dann erneut, jedes Mal ein bisschen schneller als zuvor. Bei dieser nur gut drei Meter hohen Nachbildung aus Gips und Pappe geht das auch ziemlich rasch, und eine Gruppe älterer Bürger schaut amüsiert zu. Gute Laune regiert an diesem warmen Oktobertag in der niedersächsischen Landeshauptstadt, und so zieht das Fest zum Tag der deutschen Einheit Zehntausende an. Hannover lässt sich nicht lumpen: Das Festgelände erstreckt sich über 300000 Quadratmeter, 4,4 Millionen Euro beträgt das Budget.

 Warum diese Dimensionen? Stephan Weil (SPD), niedersächsischer Ministerpräsident, versucht eine Erklärung. In seiner Rede während des offiziellen Festaktes, zu dem die Spitzen der Republik im Kuppelsaal des Kongresszentrums zusammenkommen, erwähnt er die „beiden Anlässe“ für das Gedenken. Rein formal ist es der 24. Tag der deutschen Einheit. „Aber alle denken jetzt an den Herbst vor 25 Jahren, an diese bewegenden Tage und Wochen der friedlichen Revolution in der DDR“, erklärt Weil. Wie viele andere Westdeutsche habe auch er die Ereignisse des Jahres 1989 „erst voller Staunen und Bewunderung, dann mit immer mehr Bewunderung und Hochachtung“ aufgenommen. Die Ostdeutschen hätten „entschlossen und friedlich ihre Freiheit gefordert und auch durchgesetzt“. Wer dies erlebt habe, vergesse es seinen Lebtag nicht.

 Einige Gäste aus Leipzig, Bürgerrechtler von einst, werden an diesem Tag besonders begrüßt. Und der niedersächsische Ministerpräsident erwähnt auch zwei Leipziger Ereignisse unter den wichtigsten Daten dieses Herbstes 1989: Am 4. September zogen die ersten Montagsdemonstranten über den Leipziger Ring. Erst waren es noch 1200, dann von Montag zu Montag mehr. Der 9. Oktober markierte den „Umschlag“: Militär und Polizei standen bereit, doch die Demonstranten waren zu zahlreich gekommen, um von den Sicherheitskräften ohne größeres Blutvergießen zur Seite gedrängt werden zu können – es waren 70000. An diesem Tag entschied die Partei- und Staatsführung, nicht einzugreifen. Damit war das Ende der SED-Diktatur in der DDR besiegelt.

 Da der 9. Oktober nur sechs Tage vom 3. Oktober entfernt ist, gerät der Festakt fast zur leicht vorgezogenen 25-Jahr-Feier zum Sturz des SED-Regimes. Im großen Kuppelsaal kommen gefühlvolle Momente auf. Erst spielt das Jugendsinfonieorchester den „Somernachtstraum“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy, dazu werden auf einer großen Leinwand Bilder von den Montagsdemonstrationen gezeigt, den Trabis, den vielen Menschen, die auf der Berliner Mauer tanzten. Zeitzeugen der Bürgerbewegung werden eingespielt, wie sie über ihre Träume und Wünsche und über ihre in der DDR beschränkte Freiheit sprechen. Man sieht, wie nahe das manchen geht. Der frühere Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher lächelt froh und glücklich, Bundespräsident Joachim Gauck hält die ganze Zeit die Hand seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt, er ist sichtlich ergriffen. Kanzlerin Angela Merkel sieht sehr zufrieden aus, immer wieder plauscht sie kurz mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten.

 Die Rede der Kanzlerin spannt den weiten Bogen von der DDR-Bürgerbewegung über die guten Wirtschaftsdaten in West wie Ost bis hin zum „Seuchen-, Kriegs- und Terrorjahr 2014“ und zur Missachtung des Völkerrechts in der Ukraine, wo das starke Russland einen Nachbarstaat als „Einflusssphäre“ ansehe. Sanktionen gegen Moskau seien richtig, betont Merkel, „aber kein Selbstzweck“. Auch im Kalten Krieg seien „die Gesprächskanäle immer offen geblieben“. Ob das ein Zeichen an Putin sein soll? Immerhin hat sich Russlands Präsident mit einer Grußbotschaft an die Deutschen zum Tag der Einheit gemeldet und seinerseits Dialogbereitschaft unterstrichen.

 Als kurz darauf der Festakt endet, erheben sich alle zum Singen der Nationalhymne. Doch die dritte Strophe dieses Liedes der Deutschen wird dann noch in die Länge gezogen. Der Mädchenchor Hannover wiederholt den Vortrag – und auch die vielen Offiziellen, die aufgestanden waren, um eigentlich schon Richtung Ausgang zu gehen, bleiben stehen und singen noch mal mit. Die Stimmung ist derart harmonisch und freundlich an diesem Tag, dass viele der Anwesenden „Einigkeit und Recht und Freiheit“ gar nicht oft genug anstimmen mögen.

 Draußen ist ebenso viel Optimismus und Leichtigkeit angesagt. Dicht an dicht drängeln sich die Menschen an der „Ländermeile“, wo jedes Bundesland sich präsentiert – vorwiegend mit den touristischen Attraktionen, manchmal auch mit kulinarischen Leckerbissen. Ob das alles zu kommerziell ist, zu sehr auf Werbung ausgerichtet? Der Leipziger Bürgerrechtler Uwe Schwabe, der als Gast in Hannover dabei ist, macht so eine Andeutung, als er danach gefragt wird. Aber auch wenn ihm die Darstellung einiger Sponsoren auf diesem Fest nicht so recht passen mag, eines sagt Schwabe dann trotzdem: „Was die Menschen mit ihrem Wirken 1989 in der DDR verändert haben, das lasse ich mir nicht schlecht reden – auch nicht von den Nörglern.“ (Von Klaus Wallbaum)