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Hamburg Keim-Krise hatte nur einen Erreger
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15:49 17.02.2015
Von Deutsche Presse-Agentur dpa
Der fatale Kieler Keim wurde erstmals 2009 im Raum Dortmund nachgewiesen. Quelle: dpa/Carsten Rehder
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Kiel

Der Befall von 31 Patienten in Kiel mit einem multiresistenten Keim geht nach wissenschaftlichen Analysen auf eine einzige Person zurück. Es sei gelungen, das Erbgut des Ausbruchsstamms Acinetobacter baumannii zu entschlüsseln, betonte Professor Andre Franke vom Institut für Klinische Molekularbiologie der Kieler Universität. Alle Besiedelungen und Infektionen im Dezember und dann wieder im Januar gingen auf denselben Erregerstamm zurück. In Kiel starben von den 31 Patienten 13 - 10 den Ärzten zufolge aber nicht am Keim, sondern an ihren vorher bestehenden Erkrankungen.

Der Keim ist gegen fast alle Antibiotika resistent und hat, wie Forscher in Kiel und Gießen jetzt herausfanden, zudem eine Veranlagung zur Resistenz auch gegen das wegen schwerer Nebenwirkungen nur noch ungern genutzte alte Antibiotikum Colistin. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis der 4MRGN-Stamm auch gegen Colistin resistent werde, sagt Professor Trinad Chakraborty vom Institut für Medizinische Mikrobiologie, Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH. Als letzte Option stünde dann gegebenenfalls noch das ebenfalls veraltete Antibiotikum Tobramycin zur Verfügung, ergänzten Franke und Professor Helmut Fickenscher, Direktor vom Institut für Infektionsmedizin des UKSH.

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Der nachgewiesene Keim ist weltweit verbreitet. Als Infektionsquelle in Kiel gilt ein deutscher Urlauber, der nach einem Unfall zunächst in einem Krankenhaus in der Türkei behandelt und im Dezember nach Kiel verlegt wurde. Das türkische Krankenhaus hatte laut UKSH mitgeteilt, der Mann habe keine gefährlichen Keime. Dennoch sei ein Screening (Untersuchung) gemacht worden. Da der Patient aber notoperiert werden musste, konnte das UKSH das oft nach mehreren Tagen erst vorliegende Ergebnis nicht abwarten. Auf der Intensivstation war zudem kein Einzelzimmer frei.

Test geht in Erprobung

Als eine Konsequenz aus dem Kieler Fall halten die Kieler Experten engmaschigere Screenings (Untersuchungen) für sinnvoll, wenn Patienten ins Krankenhaus kommen. Laut Franke wurde das Verfahren für einen neuen, effizienteren und schnelleren Test gegen multiresistente Keime entwickelt, nun gehe der Test in die Erprobung.

Das typische bisherige Testverfahren beschrieb Fickenscher: Zunächst wird ein Abstrich gemacht. Nach 48 Stunden lasse sich ausschließen, dass dieser Erreger vorliege. Der Keimnachweis sei dagegen meist schon nach 24 Stunden möglich. Wenn ein entsprechender Erreger identifiziert worden ist, folgten weitere Untersuchungen. Es dauere dann noch einmal 24 Stunden, bis das Ergebnis vorliege. „In dieser Zeit würde man Patienten gern isolieren, aber viele Kliniken haben zu wenig Einzelbetten.“

Ein ungelöstes Problem sind die Kosten für Screenings. „Die Kliniken erhalten sogenannte Fallpauschalen für jeden Patienten, Screenings sind darin aber nicht gesondert eingerechnet“, sagte Fickenscher. Insofern könnten die Krankenhäuser in Deutschland ein ausgeweitetes Screening nicht selber finanzieren.

Resistenz wird immer größeres Problem

Immer größer werde auch das Problem, dass Bakterien bei Patienten gegen Antibiotika resistent seien. „Die großen deutschen Pharmakonzerne haben sich aus der Erforschung neuer Antibiotika praktisch zurückgezogen“, sagte Fickenscher. Denn es lohne sich wegen der geringen Fallzahlen für Firmen finanziell nicht, neue Antibiotika zu entwickeln, gegen die Keime nach gewisser Zeit wieder Resistenzen entwickeln. In der Diskussion sei, ob die Erforschung neuer Antibiotika als gesundheitspolitische Aufgabe von der öffentlichen Hand selber übernommen oder zumindest finanziell unterstützt werden müsse.

Die Deutschland Stiftung Patientenschutz hielt dem Kieler Uniklinikum Versagen vor. Beide Infektionswellen im Dezember und Januar gingen nach den neuen Erkenntnissen auf den Keim ein und desselben Patienten zurück. „Die Annahme des Klinikums, nach dem Abklingen der ersten Welle alles im Griff zu haben, war falsch.“ Es habe sich der Verdacht erhärtet, dass sich die zweite Welle nur entwickeln konnte, weil das Hygiene-Management wohl versagt habe. „Das hat Menschenleben gekostet“, meinte Vorstand Eugen Brysch.