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Hamburg Ein Herz für historische Bauwerke
Nachrichten Hamburg Ein Herz für historische Bauwerke
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07:49 05.01.2015
Von Deutsche Presse-Agentur dpa
Hans Kuretzky zeigt beschädigte Fliesen des Elbtunnels. Quelle: M. Scholz/dpa
Borstorf/Hamburg

Hexenküche steht in geschwungenen Lettern über der Tür: Der Eingang zur Werkstatt, in der Hans Kuretzky die Glasuren für verschiedenste Keramik mischt. In seinem gemütlichen Haus in Borstorf (Kreis Herzogtum Lauenburg) lebt und arbeitet der Fliesenexperte gemeinsam mit seiner Frau Heidrun - einer Kalligraphin. Ein Stück Hamburger Architektur wiederersteht in dem Dorf bei Mölln: Der 63-Jährige restauriert die historischen Relieffliesen des alten Elbtunnels — ein besonderer Schatz.

Seit rund 30 Jahren arbeitet der 63-Jährige als selbstständiger Keramiker: Nach einem Designstudium mit dem Abschluss als Diplom-Ingenieur lebte und arbeitete er auf Jamaica. Dann lernte er Heidrun kennen und ließ sich in dem beschaulichen 270-Seelen Dorf nieder. Dort stellt er unter anderem Geschirr und Kachelöfen her, brennt Fliesen und plant größere Sanierungsprojekte.

Historische Bauwerke zu bewahren, liegt ihm am Herzen. Die Wand- und Relieffliesen an der U-Bahn Haltestelle St. Pauli und die Wandfliesen der U-Bahn Haltestelle Hallerstraße stammen aus seiner Werkstatt. Auch der Eingangsbereich der Hamburger Justizbehörde und die Mosaikfliesen an der Fassade der Baubehörde wurden von Kuretzky nach historischer Vorlage rekonstruiert. Die Herausforderung hier: die alten Farbtöne und Texturen müssen exakt so aussehen wie die historischen Originale.

Seinen bisher größten Auftrag erhielt er 2001 mit der Restaurierung der historischen Fliesen im alten Elbtunnel. Der Experte berät bei der Wiederherstellung der alten Wandfliesen die Hamburg Port Authority (HPA) und ist Bindeglied zwischen Bauherr, Denkmalschutz und Industrie. „Es ist schön, einen Bau zu begleiten und das wachsen zu sehen“, sagte Kuretzky. Er bewundert das alte Wahrzeichen und seine Finessen: „So ein schönes Ding habe ich selten gesehen — die haben wunderbar gearbeitet damals.“

Allein mit seinem phänomenalen Farbgedächtnis, seiner Erfahrung und einem ausgeklügelten Karteisystem mit Glasur-Rezepten kommt der Tüftler der richtigen Mischung auf die Schliche — das kann auch mal Jahre dauern. Zunächst ermittelt er Mattigkeit, Farbe, Lichtbrechung, Transparenz und Oberflächenspannung mit dem bloßen Auge und ordnet sie grob ein — dann nähert er sich durch Experimente dem richtigen Gemisch aus Mineralmehlen immer weiter an. Die Wellenlänge mit einem Spezialgerät zu messen, funktioniert nicht: Die Glasur kann nicht „zurückverfolgt“ werden, denn die Lichtbrechung innerhalb der Fliese ist je nach Umgebungslicht unterschiedlich: die Oberfläche und Farbe sehen anders aus.

Delfine, Aale, Seehunde und Ratten: Rund 14 verschiedene Tiere tummeln sich auch über 100 Jahre nach dem Bau des Tunnels unter der Elbe. Rund die Hälfte der Dekorfliesen wurden beschädigt, als sie zu Beginn der Sanierung entfernt wurden — kaputte Stücke können nicht repariert werden — mit Gipsformen baut der Experte die fehlenden Fliesen neu. Für die grau-blauen Wandfliesen, die grünen Dekorfliesen und die hellbeigen Gewölbefliesen hat er die Glasur so entwickelt, dass sie den über 100 Jahre alten Originalen gleichen.

Um den 1911 eröffneten Elbtunnel langfristig zu erhalten, sind umfangreiche Sanierungsarbeiten notwendig. Seit 20 Jahren wird das Bauwerk saniert, da bei den Arbeiten immer neue Schäden festgestellt wurden.

Nachdem eine etwa fünf Meter breite Probefläche angefertigt wurde, sollen am Montag die Fliesenleger damit beginnen, die insgesamt 426,5 Meter lange Oströhre mit Fliesen zu bekleben. Bis 2016 soll sie fertig sein, wie die HPA mitteilte. Bis dahin wird Kuretzky erden noch einige Glasuren in seinem „Labor“ mischen. Zwar ist das Projekt Elbtunnel dann fertig, langfristig sucht Kuretzky aber noch einen jungen Nachfolger, dem er sein besonderes Handwerk beibringen kann.