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Hamburg Dieses Grab ist eine Fundgrube
Nachrichten Hamburg Dieses Grab ist eine Fundgrube
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19:17 07.08.2014
Von Annemarie Heckmann
Archäologische Ausgrabungen im "Westlichen Oldenburger Graben" in Farve bei Wangels Quelle: bos
Wangels

„Dank moderner Technik können wir immer tiefer in die Vergangenheit blicken“, sagt Grabungsleiter Dr. Martin Hinz, während er unter hohen Buchen am Rande einer Sandgrube steht. Vor sich hat er LA 69, ein Langbett, Schnitt 3 – anders gesagt: ein steinzeitliches Megalithgrab, datiert um 3500 bis 3300 v. Chr. am westlichen Oldenburger Graben. Seit drei Jahren graben dort im Sommer Forscher der Kieler Universität. 16 Studierende umfasst das Team von Hinz. Sorgsam sondieren sie den Boden. Das Kratzen der Maurerkellen ist zu hören, ebenso das Rauschen der Blätter, in das sich Radiomusik mischt. Noch bis zum 15. August haben sie Zeit, um sich durch die Erdschichten zu arbeiten.

Genau das ist die klassische Vorstellung von der Arbeit der Ur- und Frühgeschichtler und Archäologen: Da denken die meisten sofort an die Suche nach Keramik, alten Werkzeugen und Grabbeilagen – schließlich sei das „Buddeln“ ihre Profession. Das war gestern. Heute wird mit (geo)physikalischen, chemischen und biologischen Analysen viel mehr entdeckt, als eine Kelle, ein Sieb oder geschlämmte Erde hervorbringen können.

 Studenten der Christian-Albrecht-Universität Kiel bei archäologischen Ausgrabungen im "Westlichen Oldenburger Graben" in Farve bei Wangels.

Martin Hinz verweist beispielsweise auf eine Henkelschale, deren Fragmente mit einem dunklen Belag bedeckt sind. Hier kommt die Makrobotanik zum Zug – so sind in diesen Rückständen beispielsweise Proteine zu finden, die Aufschluss über die Ernährung geben. Ebenso können winzigen Pollen aus den unterschiedlichen Sedimentschichten Einblicke in die damalige Botanik geben. Frühe Getreidesorten lassen sich so ebenso analysieren wie Daten über Umwelt und Klima. Und längst haben digitale Techniken Zentimetermaß und Zeichenblock abgelöst. Und gerade LA 69, dieses Grab im Wald, sei ein Glücksfall für die Forscher. Sie können in Ruhe über Jahre ihre Untersuchungen fortsetzen. Inzwischen verdichtet sich ihr Bild der Vergangenheit. 40 mal 20 Meter misst diese Anlage, 1,60 Meter tief. Das Langbett bestand aus den aufgestellten Steinen, abgedeckt mit Steinplatten und mit einem Grashügel überwölbt. Grabbeigaben wie Keramik, Klingen, Beile belegen dies. Nicht Führer oder Gottheiten wurden dort bestattet, sondern die gesamte Dorfgemeinschaft, ist die These von Martin Hinz. Das Grab haben die Siedler gemeinsam gebaut – das hat sie auch als Gruppe zusammengeschweißt. Ob es wegen seiner Höhe ein Orientierungspunkt in der flachen Landschaft war? Das ist noch unklar. Noch wird untersucht, ob es auch früher dort dichten Wald gab. Auch werden Sedimente, botanische Funde ausgewertet und die Daten verglichen, um die Anlage noch genauer zu datieren.

Die Grabungsarbeiten sind Teil des DFG-Schwerpunktprogramms „Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung“ der Kieler Uni, das Martin Hinz koordiniert. Mit Hilfe der Megalithanlagen in Ostholstein wollen die Forscher eine Vorstellung über Größe, Funktion und Ökonomie der Siedlungen aus der Zeit um 3500 bis 2700 v. Chr. gewinnen (trichterbecherzeitliche Siedlungen). Diese wiederum werden mit anderen Siedlungen dieser Epoche im Norden sowie in anderen Orten in Deutschland und Europa verglichen. Warum dieser Aufwand? Hinz verweist auf aktuelle Diskussionen über die Folgen der Digitalisierung, der Globalisierung, der Industrialisierung. Mit einer abwinkenden Handgeste macht er klar: „Das ist nichts im Vergleich zu diesem Umbruch damals, als aus Jägern Siedler wurden.“ Vieles aus dieser Zeit sei noch rätselhaft. Dazu zählt auch die Frage, wie die Menschen es geschafft haben, die Steine für die Grabanlage zu bewegen. Antworten wollen die Forscher im kommenden Jahr finden – indem sie selbst versuchen, mit alten Methoden LA 69 in Kiel nachzubauen. Das ist eine der Attraktionen zum Festjahr des 350-jährigen Bestehens der Christian-Albrechts-Universität. Neugierige können außerdem schon jetzt einen Grabungsblog verfolgen: Auch das ist eine Neuerung für die Archäologen.