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Hamburg Angriff mit brennendem Spiritus
Nachrichten Hamburg Angriff mit brennendem Spiritus
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18:13 25.06.2019
Der Angeklagte (2.v.r), seine Anwältin Anenette Voges (3.v.r), der Vorsitzende Richter Joachim Bülter (2.v.l) und weitere Prozessbeteiligte stehen zu Beginn eines Prozesstages im Gerichssaal im Strafjustizgebäude. Quelle: Christian Charisius/dpa
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Hamburg

Acht Monate nach einem tödlichen Brandanschlag auf drei Behördenmitarbeiter in Hamburg-Eißendorf hat das Landgericht die dauerhafte Unterbringung des Täters in der Psychiatrie angeordnet. Die Große Strafkammer verurteilte den 29-Jährigen am Dienstag zudem wegen Mordes, zweifachen Mordversuchs sowie gefährlicher und schwerer Körperverletzung zu elf Jahren Haft.

Vermutlich werde er jedoch auf unbegrenzte Zeit im sogenannten Maßregelvollzug bleiben, erklärte der Vorsitzende Richter Joachim Bülter. Bei der Tat sei die Schuldfähigkeit des Angeklagten aufgrund einer schizotypischen Störung erheblich vermindert, aber nicht aufgehoben gewesen.

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Mitarbeiter ahnten nichts von einer Attacke

Nach Überzeugung des Gerichts hatte der Deutsche am 24. September vergangenen Jahres zwei Mitarbeiter des Zuführungsdienstes Altona und seinen Betreuer mit brennendem Spiritus angegriffen. Einer der Behördenmitarbeiter kam bei der Tat ums Leben, sein Kollege erlitt schwerste Brandverletzungen.

Die drei Männer wollten ihn aus seiner Wohnung holen und in eine psychiatrische Einrichtung bringen. Das Amtsgericht hatte die Einweisung angeordnet und dies dem Betroffenen zwei Wochen vor der Tat mitgeteilt. Die Mitarbeiter des Zuführungsdienstes seien nicht davon ausgegangen, dass der 29-Jährige sich oder anderen etwas antun könnte. Sie betraten die Wohnung im dritten Obergeschoss eines Mehrfamilienhauses mit Hilfe eines Schlüssels, den der Vater dem Betreuer des Sohnes gegeben hatte.

Kleidung der beiden Mitarbeiter fing sofort Feuer

Der junge Mann hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen. Als einer der Behördenmitarbeiter die Tür eintrat, habe der Angeklagte eine bereitstehende Metallschüssel mit zwei bis drei Litern brennendem Spiritus ergriffen und sie mit beiden Händen in Richtung der Männer ausgeschüttet, erklärte der Richter.

Die Kleidung der beiden Mitarbeiter im Alter von 50 und 59 Jahren habe sofort Feuer gefangen. Der 50-Jährige rannte durch das Treppenhaus ins Freie und riss sich im Laufen noch die brennende Jacke vom Leibe. Auf dem Rasen vor dem Haus erlag er jedoch seinen schweren Verletzungen.

59-Jähriger kann gerettet werden

Sein damals 59 Jahre alter Kollege löschte seine Kleidung unter der Dusche im Badezimmer und lief dann ebenfalls aus dem Haus. Zunächst schwebte er in akuter Lebensgefahr, konnte aber schließlich gerettet werden. Infolge der schweren Verletzungen im Gesicht und am Oberkörper sei er auf Dauer entstellt. Unter anderem habe sein Gesicht transplantiert werden müssen, nach sechs Operationen stünden ihm noch weitere Eingriffe bevor, sagte Bülter.

Der damals 58 Jahre alte Betreuer war durch die Druckwelle der Verpuffung ins Wohnzimmer geschleudert worden und dadurch schwereren Verbrennungen entgangen. Der Täter sprang aus dem Küchenfenster der brennenden Wohnung und erlitt ebenfalls schwerste Verletzungen.

Angeklagter hatte problematische Kindheit

Der Angeklagte war nach Darstellung des Gerichts bereits als Kind verhaltensauffällig gewesen. Im Alter von anderthalb Jahren sei er beinahe am plötzlichen Kindstod gestorben. Danach habe sich seine Sprachentwicklung verzögert, weswegen ihn seine beiden älteren Schwestern und andere Kinder gehänselt hätten.

Im Alter von drei Jahren sei seine Mutter eine Treppe mit ihm hinuntergestürzt. Nach schweren Kopfverletzung sei das ADHS-Syndrom bei ihm diagnostiziert worden. Weder eine Schule noch eine Ausbildung als Landschaftsgärtner schloss er ab.

Er saß praktisch nur noch vor dem Computer

2014 sei der Angeklagte in eine therapeutische Wohngemeinschaft gekommen und zugleich ambulant psychiatrisch behandelt worden. Weihnachten 2017 kehrte er zu seinem Vater in Eißendorf zurück. Sein Zimmer verließ er kaum noch. Er habe praktisch nur noch am Computer gesessen, und sein Vater habe ihn versorgt, erklärte der Richter.

Einmal habe der Vater eine Flasche mit 40 Litern Stickstoff im Zimmer entdeckt. Weil er vermutete, dass sich sein Sohn damit umbringen wollte, habe er die Flasche entsorgt. An einem Tag im Februar 2018 habe der Angeklagte seinen Computer und Ausweise aus dem Fenster auf die Straße geworfen.

50-Jähriger war an diesem Tag für eine Kollegin eingesprungen

Gut vier Monate vor der Tat kaufte der 29-Jährige zehn Liter Spiritus über das Internet. Wie er selbst erklärt habe, füllte er die Flüssigkeit in drei Gefäße ab, die er mit Folie abdeckte. Er habe geplant, sich damit seiner Einweisung in die Psychiatrie zu widersetzen. Auch ein Messer habe er in seinem Zimmer versteckt.

Von all diesen Vorbereitungen ahnten die Behördenmitarbeiter nichts. Als besonders tragisch bezeichnete es der Richter, dass der 50-Jährige an dem Tag für eine Kollegin eingesprungen sei. Bülter regte an, den Informationsfluss zur Gefährlichkeit der Betroffenen zu verbessern und die Mitarbeiter des Zuführungsdienstes mit Schutzkleidung auszustatten.

Von RND/dpa

24.06.2019
Ulrich Metschies 24.06.2019
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