Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Hamburg Messerangriff auf 93-Jährige war Mordversuch
Nachrichten Hamburg Messerangriff auf 93-Jährige war Mordversuch
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:26 25.03.2019
Eine 40-jährige ehemalige Altenpflegeschülerin aus Hamburg wurde wegen eines Überfalls mit Todesfolge auf eine 93-jährige Seniorin zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Quelle: dpa/Symbolfoto/Olaf Malzahn
Anzeige
Hamburg

Als es gegen 8.45 Uhr an ihrer Tür in einer Hamburger Seniorenwohnanlage klingelt, ist eine 93-Jährige völlig arglos. Die ehemalige Lehrerin öffnet einer freundlich wirkenden Frau, die sie wegen ihres schlechten Sehvermögens für ihre Physiotherapeutin hält. Sie habe etwas vergessen, sagt die Frau mit den kurzen schwarzen Haaren, die blaue Einmalhandschuhe trägt. Die Seniorin dreht sich um und will mit ihrem Rollator ins Wohnzimmer vorgehen. Plötzlich umklammert die Fremde sie von hinten und sticht mit einem Messer wuchtig zu - wieder und wieder.

"Wo ist das Geld?", will die Räuberin wissen. "In der Garderobe", sagt die Seniorin. Doch die 105 Euro reichen der Täterin nicht. Sie sticht weiter mit der 7,5 Zentimeter langen Klinge zu. Um kurz nach 9.00 Uhr flüchtet die Fremde mit 400 Euro und einer EC-Karte des Opfers. Mit letzter Kraft drückt die 93-Jährige den Notrufknopf, den sie um den Hals trägt.

Anzeige

Nach einem sechsmonatigen Prozess mit 37 Verhandlungsterminen ist das Hamburger Landgericht überzeugt, dass eine ehemalige Altenpflegeschülerin die Tat vom 10. März 2018 verübt hat. Die Strafkammer verurteilt die 40-jährige Deutsche am Montag zu einer lebenslangen Haftstrafe. Die Angeklagte habe sich des versuchten Mordes, des besonders schweren Raubes, der gefährlichen Körperverletzung und weiterer Straftaten schuldig gemacht. Der inzwischen auf einer Pflegestation lebenden Seniorin muss die Angeklagte ein Schmerzensgeld von 30 000 Euro zahlen.

"Die Tat war von einem absoluten Vernichtungswillen getragen"

Die Vorsitzende Richterin Petra Wende-Spors spricht von einer "unfassbar brutalen Tat". Es grenze an ein Wunder, dass die Seniorin überlebt habe. Über 20 Stiche hätten Brust, Hals und Bauch getroffen. Ihr Herzbeutel sei geöffnet worden, eine Schlagader verletzt, Rippen gebrochen. Die zur Abwehr gehobenen Hände seien mit weiteren Stichen übersät gewesen - insgesamt sind es 32 Stich- und Schnittverletzungen. "Ein solches Verletzungsbild findet man sonst nur auf dem Sektionstisch wieder", zitiert die Richterin eine Rechtsmedizinerin. Die Wucht der Stiche zeige: "Die Tat war von einem absoluten Vernichtungswillen getragen."

Die Beweislast gegen die Angeklagte sei erdrückend. Die Seniorin selbst hatte sich an zahlreiche Details erinnern und als Zeugin vor Gericht präzise Angaben machen können. Überwachungskameras der Wohnanlage im Stadtteil Poppenbüttel hatten die Angeklagte vor und nach der Tat erfasst und eine Öffentlichkeitsfahndung der Polizei ermöglicht. Bei ihrer Festnahme wenige Tage später in Norderstedt (Kreis Segeberg) fanden die Beamten nach Angaben der Richterin die Tatkleidung mit Blutspuren des Opfers.

Täterin informierte sich vorher bei Google

Vor Gericht habe die 40-Jährige ihre Aussagen "wie ein Chamäleon" an die Beweislage angepasst. Sie habe mit allen Mitteln versucht, das Gericht zu täuschen. Zunächst erklärte sie über ihren Verteidiger, sie habe die Seniorin unter dem Einfluss von Drogen mit dem Messer überfallen, aber nicht töten wollen. Als ein Haargutachten keine Spuren von Drogen zeigte, habe die Angeklagte eine neue Version aufgetischt: Sie habe die Stimme eines Mischwesens halb Tier halb Mensch gehört. Das Wesen habe sie aufgefordert, ein Opfer zu bringen, damit das Tier in ihr nicht wiedergeboren werde. Diese Einlassung sei "völliger Humbug", sagt die Richterin. Die Darstellung passe nicht zu einem psychosekranken Menschen, wie ein Gutachter festgestellt habe. Auch eine dritte Version, sie sei medikamentenabhängig gewesen, habe ein weiteres Haargutachten widerlegt.

Die Angeklagte habe zwar eine Borderline-Störung, habe sich lange mit ihrem weiblichen Geschlecht nicht wohlgefühlt und in einer konfliktbeladenen Beziehung zu einer Frau gelebt. Das alles habe ihre Steuerungsfähigkeit aber nicht beeinträchtigt. Die 40-Jährige habe ohne Einkünfte gelebt und sei verschuldet gewesen. Bei der Tat aus Habgier sei sie zielgerichtet und hinterlistig vorgegangen. In den Wochen davor habe sie bei Google verschiedene Suchanfragen eingegeben, darunter: "Wo lagern alte Leute Geld in der Wohnung?" oder "Menschen töten leicht gemacht".

Die Seniorenwohnanlage war der Angeklagten vertraut, weil sie dort ihre später abgebrochene Altenpflegeausbildung begonnen hatte. Sie habe gewusst, dass in dem Haus der 93-Jährigen rüstige Alte wohnten, bei denen nur selten Pflegepersonal sein würde. Die 40-Jährige habe ihr Opfer jedoch nicht gekannt, sondern am Klingelschild zufällig ausgewählt. Nach der Tat sei sie davon ausgegangen, die Seniorin tödlich verletzt zu haben. Bereits fünf Stunden später habe sie gegoogelt: "Tote Rentnerin Wohnung Hamburg".

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Darstellung des Gerichts sei völlig einseitig, sagt der Verteidiger. Er kündigt einen Antrag auf Revision an.

Von dpa

25.03.2019
25.03.2019
25.03.2019