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Hamburg Curvy ist sexy: Zwei Erfolgsbeispiele
Nachrichten Hamburg Curvy ist sexy: Zwei Erfolgsbeispiele
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08:00 28.03.2015
Von Tanja Köhler
Angelina Kirsch aus Neumünster startet als Curvy-Model durch: Für Aufträge bekommt sie teilweise mehr Honorar, als ein normales Model. Quelle: Sonja Paar
Neumünster/Schleswig

Wenn Christin Thomsen durch das beschauliche Schleswig spaziert, drehen sich immer wieder Leute nach ihr um. Die 33-Jährige trägt zum marsalafarbenen Leoprint-Shirt einen weinroten Tüllrock und eine schwarze Lederjacke – ein Outfit, das auf den jüngsten Fashion-Weeks häufig zu sehen war. Nur eben nicht an einer Größe 54, sondern in den Größen 32 bis 36. „Ich falle lieber mit Klasse auf statt mit Masse“, sagt die taffe Projektassistentin, die ihre Rundungen gerne betont. „Nur weil ich dick bin, muss ich mich nicht hinter sackähnlicher Kleidung verstecken.“

Wird nicht nur als Plus-Size-Model gebucht, sondern auch als Styling-Expertin: Christin Thomsen aus Schleswig. Foto: Sonja Paar

Auch Angelina Kirsch aus Neumünster möchte sich dem strengen Diktat der Modebranche nicht unterwerfen. „Wenn Frauen älter werden, haben sie nun einmal Kurven“, sagt die 26-jährige Studentin. Sich auf eine 36 herunterzuhungern käme ihr deshalb auch nicht in den Sinn. Sie fühlt sich in Konfektionsgröße 44 wohl – und ist damit sehr erfolgreich. Wie Christin Thomsen wird sie regelmäßig als Plus-Size-Model gebucht. Jüngst war sie das Gesicht von H&M, C&A und Adler. „Es läuft gerade ziemlich gut bei mir.“

Werbebranche merkt: Curvy ist sexy

Vor zehn Jahren wären Angelina Kirsch und Christin Thomsen vermutlich nicht so erfolgreich gewesen. Damals wurde die Werbung von Models in den Größen 32 bis 36 dominiert. Erst mit der „Initiative für wahre Schönheit“ von Dove im Jahr 2005 rückten Plus-Size-Models in den Fokus der Werbetreibenden. Einen weiteren Impuls setzte das Frauenmagazin „Brigitte“ im Jahr 2010 mit dem Versuch, auf professionelle Models zu verzichten. Es sollten nur noch Frauen und Männer gezeigt werden, die „mitten im Leben stehen“. Knapp zweieinhalb Jahre hielt die Redaktion an dem Konzept „Attraktivität hat viele Gesichter“ fest. Ende 2012 dann der Rückzug vom Vorstoß: Man wolle wieder mit professionellen Models zusammenarbeiten. Size Zero bleibe aber weiterhin tabu.

So mutig wie Dove und „Brigitte“ sind aber längst nicht alle in der Werbe- und Modebranche. Plus-Size-Models stellen in Magazinen und Zeitschriften immer noch die Ausnahme dar – und das in einer Zeit, in der die Durchschnittsdeutsche Kleidergröße 42 trägt. „Als ich in der Märzausgabe der ‚Bild der Frau‘ zu sehen war, war das eine Premiere“, sagt Christin Thomsen. Nie zuvor hatte die Zeitschrift ein Model mit Konfektionsgröße 54 für ihre Modestrecke gebucht. Dabei können kurvige Frauen Mode genauso gut präsentieren wie schlanke Models. „Wir müssen allerdings mehr auf unsere Posen und Konturen achten. Wenn wir uns lässig hinsetzen, kommt die Mode nicht zur Geltung“, sagt Angelina Kirsch.

Die Fashion Weeks in Berlin, London, Paris, Mailand und New York sind mit ihren Curvy-Schauen schon einen Schritt weiter: Frauen in Kleidergröße 38 bis 60 zeigen hier regelmäßig die aktuellen Frühjahr-/Sommer- sowie Herbst-/Winter-Kollektionen – und Dessous. „Wir wollen unten drunter schließlich auch hübsch aussehen“, sagt Christin Thomsen. Hemmungen, sich einem breiten Publikum in BH und Slip zu zeigen, habe sie nie gehabt. „Ich präsentiere in dem Moment Mode.“ Angelina Kirsch sieht es ähnlich professionell: „Wer mit soviel nackter Haut ein Problem hat, soll wegschauen. Ich stehe zu meinem Körper“, sagt sie.

Hungern kommt nicht in Frage

Gegenüber den klassischen Models haben die beiden Schleswig-Holsteinerinnen einen entscheidenden Vorteil: Sie müssen nie hungrig zu ihren Kunden kommen und können auch vor dem Lauf über den Catwalk noch genüsslich in einen Müsliriegel beißen – was bei Skinny-Models nicht immer auf Begeisterung stößt: „Eine hatte dafür überhaupt kein Verständnis und fragte mich, ob das wirklich sein müsse“, erinnert sich Angelina Kirsch an einen Vorfall in der Maske. Ihre Antwort fiel eindeutig aus: „Ja, muss es. Ich werde schließlich fürs Essen bezahlt.“ Gesunde Ernährung und Bewegung vernachlässigen dennoch beide nicht. Neben Christin Thomsen ausladendem Schuhregal stehen Walking-Stöcke griffbereit, Angelina Kirsch geht dreimal die Woche ins Fitnessstudio. Denn ohne Kondition wird es schwer, sich im Job zu behaupten. Mit Sport können sich die beiden aber auch mal Chips, Schokolade oder Ofenkäse gönnen.

Genussvolles Essen muss auch sein: Denn schon ein paar Kilos weniger auf der Hüfte könnten Angelina Kirsch einige Jobs kosten. Zumal sie von ihren Auftraggebern eh schon ab und an gebeten wird, sich Pads in die Hose zu stecken, um fülliger auszusehen. Aber das lehnt die Studentin der empirischen Sprachwissenschaft und Musikwissenschaft (CAU Kiel) ab. Sie ist eben wie sie ist. Und das stellte sie auch gleich zu Beginn ihrer Karriere klar. „Ich nehme keine 20 Kilo ab, nur um in Ihre Kartei aufgenommen zu werden“, sagte sie dem Inhaber der Agentur Placemodels. Der hatte die Neumünsteranerin bei einem Urlaub in Rom entdeckt und blieb hartnäckig. Er wollte die quirlige Blondine in seiner Kartei – mit Kleidergröße 44 und keinem Gramm weniger.

Christin Thomsen hingegen wartete nicht darauf, entdeckt zu werden. „Mich hat es immer gestört, dass Übergrößen nicht kundenorientiert präsentiert werden“, sagt sie. Also rief bei der Agentur MOS an und stieß auf Zuspruch – denn Models in Konfektionsgröße 54 sind rar. Wenn sie einen Job möchte, zaudert sie generell nicht lange. „Ich habe mich auch schon mal in den Flieger nach London gesetzt, um dort bei den Dessous-Schauen mitlaufen zu können.“ 20 Minuten vor Casting-Ende sei sie angekommen, durfte sich als letzte vorstellen. Der Aufwand hat sich gelohnt: Die Designer wollten sie.

Viele kurvige Frauen bewundern Christin Thomsen und Angelina Kirsch für ihren Mut, über die Laufstege zu laufen und vor der Kamera zu posieren. „Ich bekomme täglich an die 100 Mails von Frauen, die von mir Styling-Tipps wollen oder einfach jemand brauchen, mit dem sie über ihre Figur reden können“, sagt Christin Thomsen. Seit Sat1, RTL und ARD sie regelmäßig als Styling-Expertin in ihre Sendungen einladen, wird sie sogar noch häufiger von Fans angeschrieben. Denn unabhängig von der Kleidergröße haben viele Frauen ein Problem mit ihrem Körper. „Von der Modebranche wird ein großer Druck ausgeübt, wie Frauen auszusehen haben. Smartphones, Häuser, Autos – alles darf größer werden, nur die Konfektionsgröße nicht“, sagt die 33-Jährige. Gegen dieses Unverständnis will Christin Thomsen ankämpfen: Bei einem Curvy-Stammtisch ermuntert sie übergewichtige Frauen dazu, enge Kleider zu tragen, in der Öffentlichkeit zu essen und Spaß am Leben zu haben. Niemand soll sich für seine Figur schämen. Denn glücklich sein könne man auch jenseits der 90-60-90.

Zur Person: Christin Thomsen

Christin Thomsen (33) aus Schleswig läuft bei den Curvy-Schauen in London und Paris mit, gibt Kampagnen von Audi ein Gesicht und organisiert einen Stammtisch für kurvige Frauen. Zusammen mit der Designerin Sandra Mosler-Marien kreierte sie jüngst eine eigene, trendbewusste Kollektion für große Größen (Lexida featuring Christin). Diese wird bei der „Fashion & Dance“-Schau am 28. März im CITTI-Park zu sehen sein. Neben ihren Auftritten als Styling-Expertin im Fernsehen arbeitet Christin Thomsen noch als Projektassistentin beim Windkraftanlagenhersteller Vestas und als medizinische Schreibkraft bei den Helios Kliniken. Schleswig für ihren Job verlassen möchte sie nicht – alleine schon wegen ihrer Familie und der Freunde. Muss sie aber auch nicht: „Bis jetzt hat man mich noch überallhin einfliegen lassen.“

Christin Thomsen informiert auf der Facebook-Seite https://www.facebook.com/ChristinThomsenPlus-SizeModel?fref=ts über ihre Karriere.

Zur Person: Angelina Kirsch

Angelina Kirsch (26) aus Neumünster wollen derzeit alle: „Ich habe jede Woche ein bis zwei Aufträge und kann vom Modeln gut leben“, sagt sie. Für H&M war sie erst kürzlich in Stockholm, in Bologna lief sie für Marina Rinaldi und im Fernsehen ist sie gerade in der Adler-Werbung zu sehen. Demnächst geht es nach Mailand, London und Barcelona. Trotz der vielen Jobs verliert sie ihr Studium nicht aus den Augen. „Meine Bachelorarbeit habe ich größtenteils in Hotelzimmern geschrieben“, sagt sie. Ein Master soll folgen. Ihr größter Traum: Es einmal auf das Cover der Elle, Vogue und Cosmopoliltan zu schaffen. Darauf war bislang noch kein Plus-Size-Model zu sehen. Sollte sie das nicht erreichen, könnte sie den Chefredakteurinnen einen Marsch blasen: Denn Angelina Kirsch spielt Tuba und Posaune im Musikzug von Wittdorf.

Angelina Kirsch teilt auf https://www.facebook.com/angelina.kirsch.9?fref=ts Fotos von ihren Aufträgen.

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