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Hamburg „Polizei braucht mehr Schlagkraft“
Nachrichten Hamburg „Polizei braucht mehr Schlagkraft“
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00:19 25.03.2013
Von Bastian Modrow
Hans-Werner Rogge geht kommende Woche in den Ruhestand. Quelle: vr
Kiel

KN: Sie sind sehr früh zur Polizei gekommen, haben schnell Karriere gemacht…

Hans-Werner Rogge: Ich habe bereits mit 18 Abitur gemacht, war nach der Ausbildung mit 21 schon Kriminalkommissar. Wir waren damals nur zwei Kommissare, das war der gesamte Nachwuchs für den gehobenen Dienst.

KN: Zwei?

Rogge: Ja. Und wir sind beide aufgrund des dringenden Bedarfes sofort in die Mordkommission Kiel gekommen. Wir wurden beide sofort in die Sachbearbeitung eingebunden. Das war prägend und eine hoch spannende Zeit.

KN:  Aber was machte damals überhaupt den Reiz aus, zur Polizei zu gehen – und dann auch noch Kriminalpolizei?

Rogge: Das war mein Onkel, der mit Leib und Seele Polizist war und mir schon als Schüler erzählt hat, wie interessant dieser Beruf ist. Ich habe es nie bedauert.

KN: Mit 32 sind Sie Leiter der Kriminalpolizei in Kiel geworden. Sind Sie so ein knallharter Karrierist?

Rogge: Ich hab mich nie als solcher gesehen, aber ich hatte hervorragende Vorgesetzte, die mich gefördert und gefordert haben. Entsprechend schnell war ich qualifiziert für den höheren Dienst. Ich war jüngster Absolvent der Deutschen Hochschule der Polizei und bin bereits mit 29 Jahren Kriminalrat geworden.

KN: Über die Stationen als stellvertretender  Kripo-Chef in Flensburg und als Abteilungsleiter für Personal beim LKA  wurden Sie schließlich Leiter der Ermittlungsabteilung…

Rogge: Das war immer mein Wunschziel. Da wollte ich hin – Ermittlungsbereich Rauschgift, Organisierte Kriminalität, Falschgeld, Waffen, Auswertung und Analyse. Auch dort war ich übrigens wieder einmal der jüngste leitende Kriminaldirektor – mit 42 Jahren.

KN: Sie sind jetzt elf Jahre Leiter des Landeskriminalamtes: Worauf sind Sie besonders stolz?

Rogge: Lange Zeit ist bei der Polizei diskutiert worden, ob wir eine Operative Fallanalyse benötigen. Das Konzept der sogenannten Profiler war zunächst in Bayern und Baden-Württemberg entwickelt worden. Ich war anfangs anderer Auffassung und dachte, wir hätten supertolle Mordkommissionen, die sehr engagiert und in der Regel auch erfolgreich jeder Spur nachgehen. Doch ich habe mich von Mitarbeitern überzeugen lassen, es doch auszuprobieren. Viele arbeiten heute noch in der Operativen Fallanalyse, weil die Erfahrungen zeigten, dass heute noch viele alte Mordfälle unaufgeklärt wären. Es ist eine Erfolgsgeschichte geworden – nicht nur in Schleswig-Holstein, sondern in ganz Deutschland.

KN: Gleiches gilt für die DNA-Analyse…

Rogge: Richtig. Schleswig-Holstein war eines der ersten Bundesländer, die die Technik eingesetzt und über Jahre kontinuierlich weiterentwickelt haben.  

KN: Auch im Kampf gegen Korruption hat Schleswig-Holstein Maßstäbe gesetzt…

Rogge: Korrekt. Zusammen mit dem ehemaligen Generalstaatsanwalt Rex entwickelte ich unser  „Gemeinsames Konzept zur Bekämpfung strukturell angelegter Korruption“.

KN: Und – für den Laien gesprochen – was verbirgt sich dahinter?

Rogge: Mitarbeiter des LKA und der Staatsanwaltschaft Kiel arbeiten sehr eng zusammen, haben hier im LKA gemeinsame Büros, stimmen sich täglich über die Schwerpunkte und Maßnahmen ab und werden dabei von dauerhaft hierher abgeordneten Fachleuten der Finanz- und Bauverwaltung unterstützt. Dieses „Leuchtturm-Projekt“ ist in Deutschland Vorreiter und hat in einigen Bundesländern Nachahmer gefunden. Die vorzeigbaren Erfolge der letzten 14 Jahre geben uns recht. Auch im Bereich der internationalen Geldwäsche, beim Aufspüren krimineller Gewinne und in der Rauschgiftbekämpfung beschreiten wir diese Wege. So arbeiten in diesen drei Aufgabenfeldern des LKA jeweils Spezialermittler der Zollfahndung gemeinsam mit Kriminalisten an den Fällen.

KN: Wissen Sie eigentlich, wie viel  Stunden Sie pro Woche gearbeitet haben?

Rogge: Ich kann es nicht sagen, ich habe nie so genau darauf geguckt. Nun ist es aber auch nicht meine Aufgabe als LKA-Direktor, meine Stundenzahl, sondern meinen Auftrag zu erfüllen. Wenn ich die Stunden alle aufgeschrieben hätte, wäre ich aber sicher schon im vergangenen Jahr in den Ruhestand gegangen.

KN: Sie brennen für Ihre Arbeit. Fällt es jetzt schwer, loszulassen?
Rogge: Das weiß ich noch nicht. Ich glaube, dass ich es schaffen werde, mich zurückzuziehen. Nach meinem offiziellen Dienstende werde ich im April noch einmal eine Dienstreise mitmachen, um meinen Nachfolger zu begleiten. Das wird aber eine einmalige Sache bleiben. Ich weiß, dass das Landeskriminalamt in guten Händen ist bei den Abteilungsleitern und bei dem neuen Amtsleiter.
KN: Hat Sie die Entscheidung überrascht, dass Ihr Nachfolger aus den Reihen der Schutzpolizei stammt?
Rogge: Ja, das will ich nicht verhehlen, dass mich das überrascht hat.

KN: Warum?

Rogge: Der Innenminister hat mit seiner Erklärung durchaus recht. Schutzpolizei und Kriminalpolizei haben eine gemeinsame Ausbildung. Das hat viele Vorteile, aber Ausbildung und berufliche Erfahrung in einem sehr speziellen Bereich sind schon sehr unterschiedliche Dinge. Aber ich habe trotz der hohen Anforderungen keine Zweifel, dass er es bewältigen wird.

KN: Wird Ihr Leben künftig freier sein?

Rogge: Ich habe mein Privatleben und meinen Beruf schon in der Vergangenheit streng voneinander getrennt. Ich habe nie den Fehler gemacht, meine persönlichen Interessen soweit zurückzustellen, dass es nur noch die Arbeit gab. Das war mir immer sehr sehr wichtig.

KN: Wofür werden Sie denn fortan mehr Zeit haben?

Rogge: Zeit für kulturelle Dinge – ich gehe gern in die Oper, Schauspiel, Theater. Ich schau mir gern Museen an, Kunstausstellungen, mache Städte- und Radreisen und fotografiere. Kurzum: Es gibt eine Vielzahl von Dingen, die ich tun werde anstatt im Büro zu sitzen, Akten zu wälzen oder Besprechungen zu leiten.

KN: Wie? Es gibt nichts, was Ihnen fehlen wird?

Rogge: Doch, doch. Was mir bestimmt fehlen wird, ist der unmittelbare Kontakt zu langjährigen Vertrauten und qualifizierten Kollegen – viele kenne ich schon seit mehr als 20 Jahren.
KN: Wenn Sie heute noch einmal jung wären, würden Sie Ihren beruflichen Weg noch einmal so einschlagen?

Rogge: Ohne jeden Zweifel: ja! Zumal die Arbeit heute noch viel facettenreicher ist, heute wird länderübergreifend und international zusammengearbeitet. Der Beruf fordert viel, gibt aber auch sehr viel.

KN: Was werden die Herausforderung für die Polizei der Zukunft sein?

Rogge: Die entscheidende Frage wird sein, wie wird sich die internationale Verknüpfung im Bereich des Internets auswirken auf bisherige Formen von Straftaten und neue Kriminalitätsfelder. Fest steht, dass es neue Herausforderungen und Anforderungen an die Qualität der Ermittler, der Auswerter und der Beweisführung geben wird. Es müssen neue Ansätze für die internationale Zusammenarbeit gefunden werden. Das bisherige System des Rechtshilfeersuchens ist zu schwerfällig.

KN: Das heißt?

Rogge: Polizei muss schlagkräftiger und schneller werden – wenn es darum geht, einen Täter zu ermitteln, der in Russland sitzt, aber Server in den USA und Australien nutzt, um eine Person in Plön zu schädigen. Kriminelle müssen durch das Internet nicht mehr selbstständig aktiv werden, um eine Straftat zu begehen – sie machen es vom PC von zu Hause aus.

KN: Gibt es einen konkreten Fall, den Sie gern aufgeklärt hätten?

Rogge: Den gibt es. Es ist ein Mordfall aus Norderstedt, an dem ich selbst noch als junger Sachbearbeiter mitgewirkt habe. Ein junges Mädchen hatte nach dem Besuch des Musikunterrichtes den Heimweg angetreten und war auf einem dunklen Gelände von dem Täter überfallen, mutmaßlich sexuell missbraucht und anschließend getötet worden. Selbst ein sehr markanter Schuhabdruck, den wir damals gefunden hatten, konnte uns nicht weiterhelfen. Leider haben wir den Täter nie ermitteln können – obwohl ich auch noch einmal unsere Operative Fallanalyse und auch die DNA-Abteilung auf den Fall angesetzt hatte.