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Hamburg Polizeieinsatz vor der Kaffeefahrt
Nachrichten Hamburg Polizeieinsatz vor der Kaffeefahrt
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08:56 21.02.2012
Von Günter Schellhase
Gerd Gosau Quelle: gsc
Kiel

Gerd Gosau ist ein Veteran, wenn es um diese Tagesreisen geht, an deren Ende Verkaufsprediger in abgelegenen Landgasthöfen überteuerte Waren an die Leute bringen wollen. „Mehr als 90-mal war ich bestimmt schon mit, habe anfangs auch etwas gekauft. Jetzt mache ich das nur aus Jux mit“, sagte der 72-Jährige, der sich für diese Tour vorgenommen hatte, die Veranstalter penetrant zu nerven, ihm das avisierte Navi auszuhändigen. „Mir ist klar, dass ich es nie bekommen hätte, aber den Spaß wollte ich mir machen“, sagte er lachend.

 Der Reihe nach: Am ZOB in Kiel stieg nur eine Handvoll Kaffeefahrer in den Bus, an einem Halt in Ellerbek drei Leute, am Preetzer Bahnhof nochmals vier. Und dann kam die Polizei. „Ein besorgter Bürger war mit der Einladung auf die Wache gekommen. Wir haben das zum Aufhänger genommen, die Leute im Bus aufzuklären“, sagte Polizeisprecher Matthias Arends. Ermittlungen hätten ergeben, dass es die Firma gar nicht gebe, strafrechtlich aber auch nichts vorliege. Der Truppe im Bus war das natürlich alles klar. Man fragte sich nur, wer die Polizei verständigt hat. Und hoffte inständig, dass der Veranstalter aus diesem Grund die Reise nicht sofort absagt.

 Aber erstmal ging die Fahrt weiter durch die winterlich karge Landschaft zum letzten Stopp nach Bad Segeberg, wo nochmals einige Senioren in den Bus kletterten. Hier rief der Veranstalter den Busfahrer an und fragte nach der Zahl der Gäste. Offensichtlich waren ihm die 17 potenziellen Käufer nicht genug, so dass er die Weiterfahrt absagte. So erfuhren die Teilnehmer auch gar nicht, wohin es hätte gehen sollen, um sich dort Märchen über Heizdecken, Nahrungsergänzungsmittel oder anderes anzuhören. Ob die dubiosen Händler wegen des Besuchs der Polizei kalte Füße bekommen haben, bleibt im Bereich der Spekulationen.

 „Hab‘ ich schon erlebt, dass die Tour mittendrin beendet wird. Es gab aber auch Veranstaltungen mit weniger Menschen“, sagte Gosau gleichgültig: „Dann trinke ich eben zu Hause noch einen Kaffee und gehe in die Stadt.“ Er schaut sich im Bus um. „Ich kenne viele Gesichter, von denen hätte eh keiner etwas gekauft“, sagt er. Und erzählt, dass noch vor ein paar Jahren deutlich mehr Leute mitgefahren seien. Zeitweise hätten sogar drei Busse die Gäste zum Treffpunkt gekarrt. „Aber immer mehr merken offenbar, dass sie von unseriösen Geschäftemachern betrogen werden. Trotzdem“, so sagt er, „gibt es immer noch Mitfahrer, die sich übers Ohr hauen lassen“.

 Dass es irgendwann gar keine Fahrten mehr gibt, glaubt Gosau nicht, denn zu viele verdienen daran: die Agenturen mit den schmalzigen Einladungsschreiben, die Verkäufer mit ihren überteuerten Produkten, die Gasthöfe durch Mittagessen und Getränke, das Busunternehmen. Während der Woche freuen sich die abgelegenen Wirtshäuser über etwas Absatz, ebenso wie die Fahrer, die sonst keine Touren verbuchen könnten. Bei alldem ist der soziale Aspekt für die meist älteren Menschen von großer Bedeutung: Hier werden sie in Gesellschaft durch das attraktive Schleswig-Holstein gefahren und verbringen einen „unterhaltsamen“ Nachmittag.

 Thomas Hagen von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein spricht von „verbaler Umweltverschmutzung“ bei den Verkaufsgesprächen und warnt davor, etwas zu erwerben. „Ich höre zum ersten Mal davon, dass die Polizei in einem Bus über die Gefahren aufklärt“, sagte Hagen, der erklärt, warum sich keiner Hoffnungen machen sollte, etwas umsonst zu bekommen: „Die Verkäufer sagen, dass sie nur die Veranstaltung ausrichten. Bezüglich der auf der Einladung versprochenen Geldsummen oder Geschenke soll man sich an die im Schreiben angegebene Firma wenden.“ Doch die gibt es nicht. Gerd Gosau weiß das alles: „Aber ich fahre wieder mit und versuche das nächste Mal dann eben beharrlich, das Geschenk zu bekommen – auch wenn die mich rausschmeißen.“