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Hamburg Premiere : "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?"
Nachrichten Hamburg Premiere : "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?"
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18:35 20.01.2019
Foto: Die Schauspieler Maria Schrader (r) als Martha und Devid Striesow als George stehen auf der Bühne im Schauspielhaus. 
Die Schauspieler Maria Schrader (r) als Martha und Devid Striesow als George stehen auf der Bühne im Schauspielhaus.  Quelle: Christian Charisius/dpa
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Hamburg

Es ist ein Kampf, der ihnen alles abverlangt. Nach rund zwei Stunden Spielzeit sieht man den vier Darstellern auf der Bühne des Deutschen Schauspielhauses ihre körperliche Erschöpfung förmlich an, die brachiale Darstellung der Beziehungsschlacht zweier amerikanischer Intellektueller scheint kurzzeitig ihren Tribut zu fordern. Es war eine angekündigte Eskalation, ein Abend voller "lebensgefährlicher Mengen Alkohol, expliziter, nicht gendergerechter Sprache und der Darstellung häuslicher Gewalt", wie das Programmheft ankündigte.

Es ist die perfekte Beschreibung für das, was sich in der Folge auf der Bühne des Hamburger Traditionshauses entfalten sollte. Intendantin Karin Beier lieferte eine gelungene Neuinszenierung von Edward Albees weltberühmter Ehesatire "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" von 1962, in der sich die Protagonisten George und Martha, ironischerweise nach dem ersten US-Präsidenten George Washington und seiner Frau benannt, auf Kosten eines anderen Paares ein skrupelloses Ehegefecht liefern. 

Bereits leicht alkoholisiert kommen der Geschichtsprofessor George und seine sechs Jahre ältere Frau Martha gegen zwei Uhr morgens von einer Feier nach Hause. Dort eröffnet Martha, die Tochter des Dekans, ihrem Mann, noch ein junges Paar auf einen Absacker zu sich geladen zu haben: den neuen Biologieprofessor Nick und seine Frau "Süße". Vor vollendete Tatsachen gestellt, beginnt George einen Streit mit ihr, der jedoch mit dem Eintreffen der Gäste vollends aus dem Ruder läuft. Was folgt, sind wahre Sternstunden psychologischer Kriegsführung.

Überfordert mit dem Umgangston

Gänzlich ungeniert verspotten und erniedrigen sich die beiden Eheleute gegenseitig vor dem jungen Paar, das anfangs mit dem rauen Umgangston völlig überfordert zu sein scheint. Dabei wird schnell deutlich, dass Martha ihren Mann für einen gescheiterten Versager hält, der "in der Abteilung für Geschichte versumpft", statt etwas aus seinem Leben zu machen - und dass die Gäste bereits unfreiwillig Teil eines perfiden Gesellschaftsspieles geworden sind, das von den beiden bellizistischen Routiniers augenscheinlich nicht zum ersten Mal orchestriert wird. 

Mit fortschreitendem Alkoholexzess weitet sich die Woge brodelnder Animositäten auch auf Nick und seine "Süße" aus, ein "Engelsfötzchen ohne Hüfte", wie George konstatiert. Nachdem Nick schließlich als prätentiöser Versager entlarvt wird, der seine Frau bloß wegen des Vermögens ihres Vater und einer eingebildeten Schwangerschaft geheiratet hat, werden die Gäste endgültig zu Spielbällen degradiert, die im Zuge hitziger Verbalattacken und Handgreiflichkeiten durch die Gegend geschleudert, angegriffen oder verführt werden.

In zahlreichen Situationen stellt sich dabei die Frage, wo bei dem tief zerrütteten Paar die Grenzen der Verwundbarkeit liegen, wie weit sich die Kluft noch vertiefen lässt. Wie verwundete Tiere flüchten sie auf offener, spartanisch eingerichteter Bühne nach jedem Schlagabtausch mit einem Glas Brandy in der Hand in ihre Ringecke zurück, nur um beim nächsten "Glockenläuten" wieder aufeinander losgehen zu können. Dass ihnen bei all der Wortgewalt das Fragile nicht verloren geht, liegt vor allem an der gelungenen Darbietung von Devid Striesow und Maria Schrader.

Ohne einander geht es auch nicht

Fulminant und aufgeweckt inszenieren die Beiden den gnadenlosen Geschlechterkampf, bei dem sie sich gegenseitig an den Trümmern ihrer Beziehung, ihrer Kinderlosigkeit und ihrer Perspektivlosigkeit hochziehen, nur um sich im nächsten Moment mit eben diesen Trümmern erneut bewerfen zu können. Sie ergeben sich ihrem Schicksal, manchmal beinahe wehmütig, wie Sonne und Mond, die im wiederkehrenden Rhythmus um die Herrschaft ihrer Machtsphäre konkurrieren, ohne den jeweils anderen jedoch nicht existieren können.

Dabei profitieren die Darsteller auch davon, dass Karin Beier bei ihrer Inszenierung auf Pausen verzichtet und den auf gut drei Stunden ausgelegten Stoff in Teilen gekürzt hat. So kann sich der Sog der Figurenkonstellation deutlich schneller entfalten, obgleich es dem Stück im Umkehrschluss auch einen Teil seiner Interpretationsfläche raubt. Letztendlich lohnender Kompromiss, der das Stück zweifellos unterhaltsamer und kurzatmiger anmuten lässt.

Im finalen Akt zerbricht dann die Illusion, in die sich George und Martha über die Jahre geflüchtet haben. In einer letzten Geste der Grausamkeit tötet George den "fiktiven Sohn", der ihnen über die Jahre als Grundpfeiler ihres von eskapistischen Träumen und Wunschvorstellungen durchzogenen Ehekonstruktes gedient hat. Ein Weg zurück zur dyadischen Selbsttäuschung, so scheint es, ist den Beiden nicht mehr möglich. 

Was in der Wirklichkeit zurückbleibt, sind vier Schauspieler, die in den richtigen Momenten tatsächlich die Fußstapfen zu füllen vermochten, die seit der oscarprämierten Verfilmung des Stückes mit Elizabeth Taylor und Richard Burton mit dem wohl prominentesten Ehestreit der modernen Theatergeschichte einhergehen.

Von dpa

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