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Hamburg Raue See und Orientierungslichter
Nachrichten Hamburg Raue See und Orientierungslichter
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09:09 16.12.2014
Von Deutsche Presse-Agentur dpa
Wer auch beim sentimentalsten aller Feste tausende Kilometer von seinem Zuhause entfernt ist, für den ist Gemeinschaft besonders wichtig - Marinepastor Raunig setzt dann auf maritime Elemente. Quelle: Carsten Rehder / dpa
Flensburg

Natürlich, „Es kommt ein Schiff geladen“, das wird immer gerne gehört bei Gottesdiensten auf See oder an Land, in der Marineschule Mürwik in Flensburg, wenn es wieder auf Weihnachten zugeht. Gerade erst war Ernst Raunig, evangelischer Militärdekan, bei Soldaten auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ vor Lissabon. An Bord führten die Männer und Frauen ein Weihnachtsspiel auf, mit Maria und Josef und allem Drum und Dran. „Die hatten Spaß“, sagt Raunig in seinem Büro im Gorch-Fock-Haus auf dem Gelände der Marineschule.

Weihnachten ist etwas Besonderes, auch und gerade für Soldaten fern der Heimat. „Wie ist das, wenn ich am ersten Advent 1500 Kilometer von Zuhause entfernt in Lissabon bin? Wenn die Weihnachtsvorbereitungen laufen, ohne mich?“ Dies sei das Thema des Gottesdienstes gewesen. Ein Offizieranwärter ließ sich taufen, der Schiffstechnikmeister las das Taufevangelium, Angehörige der deutschen Gemeinde in Lissabon und Nato-Soldaten waren dabei. „Kameradschaft darf nicht nur ein Schlagwort sein, sondern wird gelebt“, sagt Raunig.

Für ihn ist Weihnachten — anders als für reine „Zivilpfarrer“ — kein Gottesdienstmarathon, denn dann sind die Soldaten zu Hause. Am 1. Dezember hatten sich alle im Treppenhaus der mehr als 100 Jahre alten Schule versammelt, da wurde der große Weihnachtsbaum quasi eingeweiht. Bei der Jahresabschlussmusterung an diesem Mittwoch wird es eine Weihnachtsfeier mit einem ökumenischen Adventsgottesdienst geben, erzählt Raunig. „Wir werden das Element des Sterns reinbringen, was ist mein Leitstern, was erwartet uns 2015?“ Raunig achtet darauf, dass der Gottesdienst mit der Lebenswirklichkeit der Soldaten zu tun hat, „auf den dienstlichen Alltag anpassen“, nennt er es.

Für die Seelsorge räume die Bundeswehr während des Dienstes bewusst Zeit ein — „das wird nicht nur anerkannt, sondern gefördert“. In den Weihnachtsgottesdiensten werde an die Menschen gedacht, die nicht zu Hause sind, und an die Angehörigen, die beispielsweise ohne den Vater feiern müssen. Die Weihnachtsfeiern, die nicht zu Hause erlebt wurden, hätten einen besonderen Wert. Es werde versucht, das Beste daraus zu machen. „Frühere Feste kommen in der Erinnerung hoch. Wenn sie „Stille Nacht“ singen, vergegenwärtigen sie sich, in welchen anderen Situationen sie das schon gesungen haben“, sagt Raunig.

Viele suchen einen Bezug zur Heimat, ob in Afghanistan — wo auch Raunig schon war -, Dschibuti oder im Kosovo. „Wenn man den Sternenhimmel sieht, da sieht das Sternenbild immer etwas anders aus, ist aber ein- und dasselbe Sternenbild, derselbe Himmel. Das ist eine starke Verbindung nach Zuhause.“ Für die Gottesdienste bedient sich Raunig des „Zeichenvorrats“ der Marine-Angehörigen, also raue See, Anker, Hafen, Orientierungslicht — das habe für sie eine ganz andere Bedeutung.

Reisen, Nicht-Zuhause-sein, das spiegelt sich in der Weihnachtsgeschichte wider — und auch im „Gesangbuch für Soldatinnen und Soldaten“. Da finden sich auch Titel, die man dort eher nicht vermuten würde: „Über sieben Brücken musst du gehen“, „Über den Wolken“ und „I Am Sailing“, das im Oktober beim Großen Zapfenstreich für den scheidenden Marineinspekteur gespielt worden war. Und „Feliz Navidad“ passe einfach gut, wenn die Soldaten mit ihren Fregatten oder Korvetten in südlicher Sonne vor Anker liegen anstatt Winterkälte zu spüren.

Bei seiner Arbeit bezieht Raunig, selbst Vater einer 13 Jahre alten Tochter, die Angehörigen der Soldaten ein, auch für sie ist der Marineseelsorger zuständig. Es gebe viele Menschen, die nicht kirchlich oder konfessionell gebunden sind, erzählt er. „Wir dürfen in keinem Fall zu „churchy“ sein“, sagt Raunig schmunzelnd, „sondern müssen eine Verbindlichkeit mit dem Leben haben.“