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Hamburg Ein gutes Leben trotz Parkinson
Nachrichten Hamburg Ein gutes Leben trotz Parkinson
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13:06 28.11.2014
Von Gabi Stief
Der frühere SPD-Chef Hans-Jochen Vogel machte jetzt seine Parkinson-Erkrankung öffentlich. Weltweit sind nach Angaben der Deutschen Parkinson Gesellschaft rund 4,1 Millionen Menschen an Parkinson erkrankt, rund 280000 sind es in Deutschland. Studien gehen allerdings davon aus, dass sich die Zahl der Patienten bis 2050 weltweit auf 8,7 Millionen verdoppeln wird. Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen, erste Symptome treten meist im Alter zwischen 50 und 60 Jahren auf. Quelle: imago/ dpa

Er ist sich treu geblieben. Nicht nur mit der Pünktlichkeit nimmt er es noch so genau wie vor 25 Jahren, als er mit nüchterner Strenge und pedantischer Ansprache die SPD-Fraktion im Bonner Parlament führte. Den „stern“-Reportern, die Hans-Jochen Vogel jetzt im Münchener Seniorenstift Augustinum besuchten, drückte der 88-Jährige eine seiner legendären Klarsichthüllen samt Lebenslauf in die Hand, bevor er ihre Fragen beantwortete. Anschließend berichtete er, dass er zum Mittagessen im Stift-Restaurant gern Krawatte trägt und dass er sich noch regelmäßig ab neun Uhr in der Früh an den Schreibtisch setzt, um zu lesen und zu schreiben. Und er erzählt erstmals von seiner Erkrankung. „Park in der Sonne“ nennt er sie.

„Das Zittern habe ich noch unter Kontrolle, aber es wird wohl unvermeidlich stärker werden“, sagt er in dem Interview. Andere Symptome zeigten sich schon deutlicher: „Ich fühle permanent eine leichte Benommenheit. Beim Gehen fällt es mir schwer, die Richtung zu halten.“ Er stolpere häufiger, sein Namensgedächtnis sei nicht mehr so gut wie früher, seine Schrift werde kleiner und unvollständiger. Wenn ihm ein Name nicht einfalle, helfe ihm seine Frau. Vogel gibt sich betont sachlich, was seine Krankheit angeht: „Warum soll ich klagen? Es würde ja doch nichts ändern.“ Beim Einschlafen habe er zuletzt an den Tod gedacht. „Plötzlich schoss mir der Gedanke durch den Kopf: Na, wie oft wirst Du wohl noch aufwachen?“ Angst vor dem Tod habe er aber nicht. „Angst ändert ja nichts am Lauf der Dinge. Der Tod kommt trotzdem.“ Er habe gelernt, den Tod als einen selbstverständlichen Bestandteil des Lebens zu akzeptieren.

Vor genau 20 Jahren hat sich Vogel aus der aktiven Politik zurückgezogen. Ohne Wehmut, wie er später einmal sagt. Ohne Wehmut plante er auch sein Leben im Alter. 2006 löste er gemeinsam mit seiner Frau Liselotte seine 160-Quadratmeter-Wohnung in München auf und zog in ein 81-Quadratmeter-Apartment im Altenheim. Journalisten, die verwundert nachfragen, erzählte er stolz, dass er nie aus einem Amt herausgetragen werden musste. Er habe immer rechtzeitig und freiwillig den Platz geräumt. So wolle er es auch im Alter halten. Mit 80 Jahren sei es nun mal Zeit, sich auf den Pflegefall vorzubereiten. Sollten er oder seine Frau Hilfe brauchen, seien sie im Seniorenstift weitaus besser aufgehoben.

Vor ein paar Jahren hat Liselotte Vogel ein Buch geschrieben, das anderen die Angst vor einen Umzug ins Heim nehmen soll. Heute ist der Pflegefall, auf den sie vorbereitet sein wollten, nah. Diesmal ist es Ehemann Jochen, der andere ermuntern will, nicht verzagt zu sein. Er wolle Menschen, die an Parkinson leiden, Mut machen, sagt er. Trotz der Krankheit sei über eine geraume Zeit ein selbstbestimmtes Leben möglich. Sich selbst das Leben zu nehmen, sei für ihn ausgeschlossen. „Das ist nicht meine Zuständigkeit.“ Und danach? Danach werde er wohl vor dem Herrgott ein ernstes Gespräch über sein Leben führen.