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Kultur Bühne frei: Zehn Wochen Kulturschock
Nachrichten Kultur Bühne frei: Zehn Wochen Kulturschock
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20:00 02.06.2020
Von Kerstin Tietgen
Videoreporterin Kerstin Tietgen hat die Künstler gefilmt. Quelle: Ulf Dahl, Frank Peter, Thomas Eisenkrätzer
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Kiel

"Lass es funktionieren, lass es funktionieren, lass es funktionieren", wie ein Mantra wiederhole ich diesen Satz, während ich zwei Scheinwerfer, den KN-Aufsteller und unsere Spiegelreflex-Kamera in der Kundenhalle hin und her räume. Eine improvisierte, digitale Bühne auf unbestimmte Zeit, 15 bis 30 Minuten Programm, die Leser können spenden.

Lampenfieber ohne Publikum

Während Festivals und Vorstellungen überall abgesagt wurden und sich Kulturfans im ganzen Norden nach Unterhaltung sehnen, bekomme ich täglich Privatvorstellungen. Am Ende sind es 40 Shows. Wenn die Kamera läuft, sind der Kulturreporter und ich die einzigen Zuschauer neben den wenigen Passanten, die hin und wieder durch die Schaufenster spähen. Eine Intimität, mit der nicht jeder umgehen kann. Nicht nur ich, sondern auch die gestandenen Künstler macht dieses Setting nervös. Da hilft nur Wasser trinken, Witze machen und hinter der Kamera viel lächeln.

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Vielleicht verboten

Ist Feuerwerk in der Kundenhalle eigentlich erlaubt? Eine von diesen Fragen, von denen ich nicht gedacht hätte, dass ich ich sie mir stellen würde. Wir sind 15 Minuten in Horst Stenzels Aufführung des Barons von Münchhausen, als er das Feuerzug an die kleine Fontäne hält. "Also ich unterbreche den jetzt nicht und handel' mir seinen Unmut ein", denke ich. Halb besorgt, halb begeistert lasse ich also die Kamera laufen. Die Daumen gedrückt, dass nicht doch der Feuermelder los geht.

Der Welpe von Katharina Maria Kagel ist zu klein, um verboten zu sein, entscheide ich spontan. Was anderes bleibt uns auch nicht übrig, denn der Hundesitter ist abgesprungen. Während Volontär Jonas Bickel filmt, bespaße ich den quirligen Hundewelpen. Fotograf Uwe Paesler avanciert zum Hundeprofi und zaubert ein Hasenohr hervor. Klein Wauz kaut glücklich auf dem zugegebenermaßen ein bisschen ekligem Ohr. Frauchen kann endlich singen.

Alle Künstler im Best-of-Video

Spiel gegen die Zeit

Sieben. Minuten. Barockgitarre. Ich erstarre und traue mich kaum zu atmen, als Michael Freimuth die Saiten zupft. Wenn das Telefon aus dem benachbarten Reisebüro klingelt, sind wir alle geliefert. Wir sind schon im zweiten Durchlauf. Im ersten hatten sich die empfindlichen Saiten aus Naturdarm verstimmt. Wir mussten von vorne beginnen. Für eine dritte Runde fehlt uns die Zeit. Erst Sekunden, nachdem der letzte Ton verklungen ist, traue ich mich, die Aufnahme zu beenden. Herr Freimuth nickt zufrieden. Puh.

Pannen und Pralinen

Geklappt hat natürlich trotzdem nicht alles. In dem Moment, als ich bemerkte, dass der gesamte Ton des Konzerts von Alexandra Brüntrup fehlt, schrumpfe ich um zwei Zentimeter, mindestens. Schauspieler Lasse Wagner bewegt sich bei seiner Performance so unvorhersehbar, dass ich kaum hinterher komme, bei Musiker Charly Beutin wackelt das ganze Stativ, wenn er energisch mit dem Fuß mitstampft. Und Christoph Peters sprengt mit Dudelsack und Tröten fast das Aufnahmegerät.

Und trotz oder gerade wegen der Unvorhersehbarkeit eines jeden Auftritts war die KN-Bühne ein schöner Kulturschock.

Diese Künstler standen schon auf der KN-Bühne - zu den Videos: