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Kultur Im Wellengang der Stimmungen
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18:27 24.06.2019
Von Thomas Bunjes
Setzten auf der Main Stage einen fabelhaften Schlussakkord mit Partystimmung: das senegalesische Orchestra Baobab und das deutsche Arne Jansen Trio. Quelle: Axel Nickolaus
Timmendorfer Strand

Bevor gleich zum „Avslut“ am Sonntag The Party Animals um Nils Landgren im Jazz Club die Nachtschicht der Jazz Baltica einläuten, herrscht schon Partystimmung vor der Mainstage. Das Publikum im aufgeheizten Saal des Maritim Seehotels tanzt ausdauernd zu den üppigen Grooves, die das senegalesische Orchestra Baobab und das Arne Jansen Trio da ein ums andere Mal abfackeln. Ein würdiges Finale.

Arne Jansen Trio erst solo

Erst spielt das Trio um den in Kiel geborenen Gitarristen allein zwei Stücke. Die melodischen "Still Learning" und "Klingsor’s Last Summer" erinnern ein wenig an Pat Metheny wie auch Jansens Spiel auf der halbakustischen Gitarre. Robert Lucaciu steuert am Bass feinvervige Läufe bei, Moritz Baumgärntners intuitives Schlagzeugspiel weist ihn einmal mehr als einen der besten deutschen Jazz-Drummer aus.

Mit Orchestra Baobab kommt Partystimmung auf

„Bon soir! Merçi!“ In den lauten Jubel herein entert das Orchestra Baobab für die „Afro Salsa Night“ die Bühne, Westafrikas berühmtestes Tanzorchester, nur für dieses eine Konzert angereist. Erstmal sortieren da oben, Setlists organisieren – und los geht’s! Der prickelnde Mix aus Offbeat, High Life, Salsa und Rumba fährt dem Publikum in die Beine. Drei fabelhafte Sänger, abwechselnd oder auch gemeinsam, stramme Bläsersätze, zwei starke Gitarristen, ein ganz relaxt fingerfixer Bassist sowie – unermüdlich die Chose auf Kurs haltend – ein Schlagzeuger und ein Perkussionist. Das Zusammenspiel mit dem Trio klappt fabelhaft, man kennt sich schon von gemeinsamen Konzerten im Senegal. Jansen und der Baobab-Leadgitarrist liefern sich wohldosiert freundliche Saitenduelle. Irgendwann stößt Nils Landgren mit seiner roten Posaune hinzu, der sich so ein Happening natürlich nicht entgehen lässt, und lässt das Blech glühen mit Orchester-Gründer Seydou Norou Koite am Saxofon und Posaunist Wilfried Zinzou, der sich mit dem Schweden danach freudig abklatscht. Rund anderthalb Stunden hinterlassen sie im Publikum viel Schweiß und strahlende Gesichter.

Rymden schlossen Klangräume auf

Ein köstliches Menü aus ihrem Debütalbum „Reflections & Odysses“ fahren am Sonntagmittag Rymden auf. Ein vor innerer Spannung vibrierendes Set voller eleganter und sportiver Ad-hoc-Rhythmus- und Stimmungswechsel, das sich aus Jazz, Fusion, Rock, Klassik, Folk und Funk speist. Bassist Dan Berglund schlägt die Saiten seines Kontrabasses zeitweise heftig wie die einer E-Gitarre, Bugge Wesseltoft zaubert aus den Tasten mal überirdisch schöne Akkorde hervor, dann fällt er mit knarzigen Elektro-Attacken über die Tracks her, und Magnus Öström gewittert derart variabel und kreativ in seinem üppigen Drumset herum, dass man sich manchmal staunend fragt, wie er just diesen Sound nun wieder kreiert. Am Ende fragt Öström, ob‘s ein Nachschlag sein soll. Denn die Band will noch und rennt im überkochenden Saal offene Türen ein. Und so werden es sogar zwei Stücke mehr. 

Mare Nostrum sanft und luftig

Beglückt hatten bereits am Sonntagnachmittag Mare Nostrum ihre Zuhörerschaft, aber aber mit deutlich sanfteren Mitteln. Der italienische Trompeter Paolo Fresu, der französische Akkordeonist Richard Galliano und Pianist Jan Lundgren lassen musikalische Elemente ihrer Heimat in die luftigen Lieder fließen, meist getragen, manchmal dezent poppigen Kompositionen einfließen, bauen in den Schönklang aber auch mal gezielte Dissonanzen ein, etwa in den Standard "Windmills Of Your Mind". Manchmal wird’s auch bluesiger wie bei Lundgrens "Ronneby". Nach drei gemeinsamen Alben herrscht blindes Verständnis unter diesen drei herausragenden Musikern, die nach der Zugabe stehende Ovationen ernten.

Avantgardistische Klangkonstrukte von KUU!

Die gab’s auch für KUU!, was gar nicht sicher war. Denn genrebezogen öffnet sich das Festival mit dem Quartett aus Berlin höchst löblich und unbedingt vorbildlich. Der Sound, den KUU! anrichten, ist ein brodelndes Gebräu aus Jazz, Fusion, Wave, Hard-Rock und auch mal Reggae und Funk. Der mal sinnliche, mal exaltierte, immer kraftvolle Gesang der serbisch-stämmigen Jelena Kuljić, Frank Möbus aggressives Gitarrenspiel und das eher bassig begleitende des Finnen Kalle Kalima sowie die bretternden, synkopensatten Drums von Christian Lillinger erschaffen avantgardistische Klanggebilde, deren lose Strukturen immer wieder auseinanderbrechen und so durchgängig spannend bleiben. Furios!

Marcin Wasilewski Trio mit melodiesattem Set

Am Sonnabend gegen 13 Uhr dreht Marcin Wasilewski den Klavierhockersitz hoch, zieht seine Jacke aus, setzt sich und schiebt sich tief über seine Klaviatur, zunächst solo und elegisch. Der polnische Pianist mit dem meist weichen Anschlag und seine technisch ebenbürtige Rhythmusgruppe Slawomir Kurkiewicz (Bass) und Michal Miskiewicz (Schlagzeug) offeriert am Sonnabendmittag ein melodiesattes Set. Mal voller Romantik, Melancholie und auch Nostalgie, mal rhythmischer, dynamischer. Dann trommelt Miskiewicz mit den Händen, dann hebt es Wasilewskis Hinterteil mitgerissen vom Hocker. Der Spannungsbogen bleibt immer durchgedrückt, ob getragen oder geschwind, ob bluesig oder latininesk. „Night Train To You“ strotzt vor Rhythmuswechseln, Herbie Hancocks „Actual Proof“ groovt mächtig und funky, das zugebende „What’s Going On“, eine einfühlsam verjazzte Version des Soul-Klassikers von Marvin Gaye, ist eine tiefe Verbeugung auf Augenhöhe.

Spröder Jazz vom Lisbeth Quartett

Kurze Stippvisite beim schleswig-holsteinischen Quartett Cubolumos um Tenorsaxofonist Lasse Golz, das auf der Open-Air-Bühne gerade seine Zugabe spielt, umlagert von vielen liegenden, sitzenden oder stehenden Zuhörern. Drinnen im Saal beim Lisbeth Quartett steht die Bariton-Variante des Saxofons im Mittelpunkt. Charlotte Greve bläst einen kühlen, klaren Ton, der Jazz ist spröder, nicht selten elegisch, manchmal free-jazzig, steckt voller Improvisationen. Achim Kaufmann, am Piano für Manuel Schmiedel eingesprungen, fügt sich nahtlos ein, hält oft Augenkontakt zu Greve. Marc Muellbauer (Bass) und Moritz Baumgärtner (Schlagzeug) sind versierte, ideenreiche Begleiter.

Mathias Eicks famose Familiengeschichten

Ravensburg“ heißt das neue Album des norwegischen Trompeters Mathias Eick, weil dort eine seiner beiden Großmütter gelebt hat. Ein wenig wehmütig klingen phasenweise Tracks wie „Family“, „Children“, „Friends“ oder „August“, dazu passt Eicks klarer Trompetenton ebenso wie sein sauberer lautmalerischer Gesang. Aber wenn er mittendrin mit seinem famos eingespielten Quintett aufdreht, Audun Erliens Bass gelenkig groovt und Håkon Aase quirlig die Geigensaiten sirren lässt, wenn sie packenden Funk oder poppigen Reggae beimischen, ist Feuer unterm Dach. Stehende Ovationen sind am Schluss. Zuvor hatte Eick erzählt, dass die Ostsee hier den optimalen Salzgehalt habe und viel sauberer sei als vor etwa einer Woche vor Athen.

Marylin Mazur‘s Shamania fordert die Sinne

Als Marching Band tröten, hupen und trommeln Marylin Mazur‘s Shamania den Gang entlang zur Bühne. Die US-dänische Weltklasse-Perkussionistin fackelt ein furioses, forderndes Set ab, das so manchen zum vorzeitigen Verlassen des Saals nötigt. Da quirlen und schnattern die Blasinstrumente der weiblich besetzten Band, Mazur paukt auf die Felle, lässt etliche Glöckchen klingeln und Bleche scheppern, mal afrikanisch, mal asiatisch und nicht selten atonal. Schält sich mal ein Rhythmus heraus, zerfällt er bald schon wieder. Höchst ambitionierte experimentelle Klangkonstrukte hat sich Mazur einfallen lassen mit lautmalerischem Gesang und gelegentlichem geschmeidigem Ausdruckstanz (Tine Erica Aspaas). Im Publikum scheint man bei allem dem Irrlichtern manchmal nicht so recht zu wissen, was man davon halten soll, doch am Schluss gibt‘s reichlich Beifall.

Nils Wülkers Sound: Geschmacksache

Den Schlusspunkt am Sonnabend setzt Nils Wülker. Geschmacksache, doch die Werkschau seines aktuellen Albums „Decade“, die Wülker hier auf die Bühne bringt, beweist, dass dieser Sound in die Jahre gekommen ist. Sein poppiger Hip-Jazz krankt an oft zu banalen Melodien wie bei „Dawn“, die die Kitschgrenze mindestens rasieren - selbst die seines rockigen Counterparts Arne Jansen an der E-Gitarre. Technisch sind Wülker und Band allerdings über jeden Zweifel erhaben. Mehr Mut wäre gut, wie wenn sie mal mehr Gas geben, Wülker garstiger bläst. Geschmacksache. Standing Ovations.

So bot auch die jüngste Jazz Baltica wieder ein austariertes Programm bewährter Acts und faszinierender Entdeckungen, von denen es gern ein paar mehr sein dürfen.

ZDF zeichnete sämtliche Konzerte auf den MainStage auf. Die Konzermitschnitte wurden für ZDFkultur produziert und stehen künftig außerdem auf dem YouTube-Channel von JazzBaltica zur Verfügung. Unter dem Titel "'Round Midnight" lud NDR Info-Moderatorin Sarah Seidel Gäste wie Julia Hülsmann, Eva Kruse und Karin Hammar zu später Stunde in den JazzClub ein. Neben den Gesprächen fand auch Live-Musik statt. Das Format Round Midnight wird von NDR Info aufgezeichnet und zeitversetzt gesendet (Sendetermin: 22./23. Juni 2019, jeweils ab 22.05 Uhr auf NDR Info).  

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Thomas Richter 24.06.2019