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Kultur Stimmwunder im Audimax
Nachrichten Kultur Stimmwunder im Audimax
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00:21 18.11.2014
Von Jörg Meyer
 Art de Chor begeisterte die Zuschauer im Audimax in Kiel. Quelle: Björn Schaller
Kiel

Zwar sei es die 25. ACP, aber Silberhochzeit könnten die diesmal 14 Kieler Ensembles eigentlich erst 2015 feiern. Solche spitzfindigen Zahlenspiele tun der Begeisterung des Publikums keinen Abbruch, denn Party-Stimmung verbreiten die Kieler Stimmwunder am Freitag und Sonnabend auch in ihrem zeitlich noch nicht, aber stimmlich allemal vollendeten 25. Jahr.
  
 Tatsächlich erst im nächsten Jahr feiern Jazzica Silberhochzeit – als gereifter Klangkörper in Bobby McFerrins „Say Ladeo“, einem experimentellen Chorsatz, der sich mit dem Verhältnis von Sprache und Musik auseinandersetzt. Wem das zu viel der polyphonen Stimmkunst ist, für den zaubern die rund 40 Damen jenes Stück aus den Annalen, mit dem sie 1991 bei der ACP debütierten: Eurythmics’ „Sweet Dreams“. Das Publikum fordert auch noch Leonard Cohens „Hallelujah“, aber das ist dem Frauenchor Lauschangriff vorbehalten, wo man die ein oder andere Stimme aus Jazzica wiederentdeckt. Aber nicht nur sanfte Hymnen können die stimmreichen Sieben, auch ihr Beach-Boys-Medley bringt den Saal zum Surfen. Mit solcher Frauenpower kann das neu gegründete „gemischte Quintett mit deutlichem Maennerueberschuss“ und sich daher so nennend nicht ganz mithalten. Logisch, dass sie bei so einem Namen nicht an Herbert Grönemeyers „Männer“ vorbeikommen, zumindest als etwas schräg intonierte Persiflage. Da ist noch gehörig Luft nach oben für die nächsten 25 Jahre. Aber dabeisein ist schon mal alles, denn mit Ganz Schön Feists Comedy-Song wissen sie: „Es ist gut, wenn du weißt, was du willst.“ Der richtige Flow kommt dann ganz von allein.

Die 25. A-cappella-Party im Audimax zeigte schon am Freitag, wie vielfältig die Kieler A-cappella-Szene ist.

Wundervoll, wie nah die Stimmen vom Chor InTakt wirken, wenn er sich von dem ganz und gar nicht platten Land ins Alpenglühen begibt, um Hubert von Goiserns „Weit, weit weg“ zu zelebrieren – und zu parodieren. Beides, die Stimmkunst zu feiern, etwa im Adele-Cover „Rolling In The Deep“, wie sie gewitzt komödiantisch zu persiflieren, macht den Glanz nicht nur der Intakten aus. Etwa beim Quartettrapack, das den Schlagern von gestern und heute die scharfen Sporen gibt – namentlich Helene Fischers nicht bloß gecovertem, sondern durch süßesten Kakao gezogenen „Atemlos“, in dessen Refrain das Publikum ebenso freudig wie mit dem Quartett augenzwinkernd einstimmt.
  
 Denn Kieler A-cappella-Gesang geht nicht atemlos durch diese zwei Novembernächte, vielmehr mit dem bezaubernden Atem des Mädchenchors Sotto Voce vom Ernst-Barlach-Gymnasium – die Überraschungsgäste. Unfassbar, wie präzise bereits die Jüngsten Polyphonie, Body-Percussion und Choreografie beherrschen und uns davon betört in die Pause schicken. Aus der holen uns Multiple Voice mit Ennio Morricones – nein, nicht der berühmten gepfiffenen Melodie aus „Spiel mir das Lied vom Tod“, sondern der zu Tränen rührenden Aria. „Geil!“ ruft eine Zuhörerin spontan in die Stille vor dem brandenden Applaus. Ganz großes Kieler Stimmkino, könnte man treffend ergänzen.
  
 In solchem Film sind auch KielStimmig. Der 11-köpfige Frauenchor hat sich erst vor wenigen Monaten gegründet, seine eigenwillige Auswahl aus „ernsten“ Chorstücken von Max Reger, Hugo Distler, Hanns Eisler und schließlich dem „Lullaby Of Birdland“ in eigenem Arrangement überzeugt dennoch davon, wie vielfältig die Kieler A-cappella-Szene im 25. Jahr ist. Dem können eigentlich nur vier befrackte Herren ein i-Tüpfelchen aufsetzen: Das Quartett Komplett feierte schon vor einem Jahr seine Silberhochzeit. Betagt ist also diese „Ehe“ des in Deutschland ältesten noch in ursprünglicher Besetzung singenden A-cappella-Quartetts. Frisch, äffisch besoult und bärig swingend wie nie führen sie uns indes durch den Soundtrack zum „Dschungelbuch“ und lassen den „Drunken Sailor“ durch alle vier Stimmen torkeln. Am Ende des zweiten Abends steht ein noch älteres A-cappella-Urgestein: Take Four schauen auf 28 Jahre Close Harmony zurück und könnten „ihr eigener Großpapa“ sein, so ein Scherz-Lied über eine erstaunliche Genealogie. Dass dessen Stimmbänder noch immer Spannkraft haben, beweisen die Meister des Barbershop-Gesangs mit den gewiss am längsten ausgehaltenen Schlussakkorden der ACP unter anderem im 60er-Klassiker „Hello, Mary Lou“. Unschlagbar auch die musikalische Selbstvorstellung der „bekennenden Rampensäue“: „Nimm nicht eins, zwei oder drei, sondern Take Four!“
  
 Oder gleich zwei Chöre statt einem. Axel Riemann leitet sowohl Hello Music als auch DeKiela Sunrise. Ersterer ein Meister des chorischen Swingens, letzterer mit seinem Pop-Singspiel „Elements“ im Sommer im Werftpark ganz weit vorne, vereint sie Riemann zum fast 100-köpfigen Ensemble, um mit Queens „Bohemian Rhapsodie“ ein opulentes Stimmfest zu bieten. Es geht freilich noch größer, wenn, so seit 24 Jahren Tradition, am Ende alle beteiligten A-cappellisten sich zum Abschiedsständchen zusammenfinden. Rammsteins „Engel“ bietet dafür die himmlische Stimmsphäre.