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Kultur So war die 30. Ausgabe des Festivals
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16:23 04.08.2019
Von Kai-Peter Boysen
Ein letztes Mal jubeln auf dem 30. Wacken Open Air. Nun heißt es wieder ein Jahr warten. Quelle: Michael Kaniecki
Wacken

Ruhe ist nun eingekehrt, der letzte Becher ist geleert: Das internationale Metal-Familientreffen Wacken Open Air ist beendet, Schleswig-Holstein hat sich als guter Gastgeber gezeigt, die Organisatoren haben wieder Großartiges geleistet. So wurde die Zwangsunterbrechung am Freitag durch geschickte Programmverschiebungen bis zum späten Abend wieder ausgeglichen.

Eine halbe Stunde später als geplant standen die US-Thrasher Anthrax auf der Faster Stage. Der Fünfer gehört zu den „Big Four“ des Subgenres und erlangt seine Besonderheit durch stilistische Einlassungen mit Rap und Punk, die sich in abgehackter Rhythmik und metalwuchtigen Coverversionen von etwa Joe Jacksons „Got The Time“ niederschlagen.

Crowdsurfen bei Anthrax

Sänger Joey Belladonna prägte die erfolgreichste Zeit in den späten Achtzigern und ist seit 2010 wieder im Line-Up. Der Mann wuselt unaufhörlich von einer Bühnenseite zur anderen, um wirklich jeden zu erreichen. Die Crowdsurfer rollen nicht nur beim Klassiker „Indians“ unaufhörlich nach vorn, die Security ist schwer damit beschäftigt, die auf Händen Getragenen in Empfang zu nehmen. Aber die Reise lohnt sich offensichtlich: Alle Crowdsurfer verlassen den Bühnengraben mit einem breiten Grinsen.

Das Konzert von Anthrax wird übrigens am Bühnenrand von der Gebärdendolmetscherin Laura Schwengber begleitet, das heißt sie übersetzt die Texte und lässt während der wortlosen Phasen den Kopf kreisen. Inklusion à la Wacken.

Waisenkinder aus Kambodscha spielen

Und man macht sich noch mehr Gedanken: In der Wacken Future Factory gibt es Gesprächsrunden dazu, wie man das Festival in Zukunft gestalten will, was man vor allem in puncto Nachhaltigkeit verbessern kann. Da fallen die Zehn-Zylinder-Motoren der Fahrzeuge in der Wasteland-Area nicht ins Gewicht, da sie eh nur einige Meter fahren; das aber mit für Lärmverwöhnte beachtlichem Sound.

Auf der dortigen Bühne wird am Abend für die Band Doch Chkae ein Traum wahr: Die vier Waisenkinder aus Kambodscha spielen, finanziell unterstützt durch die Veranstalter, in Wacken. Und das Publikum feiert die Jungs, die in den Slums von Phnom Penh durch Metal einen Lebenssinn gefunden haben. Sie spielen einen rohen Death-/Thrashmetal, der verständlicherweise noch weit entfernt ist von der Präzision, mit der die schwedische Band Meshuggah zu (Uhr-)Werke geht. Da dürfen die Gitarren gern zehn Saiten haben, dann hat man mehr zu spielen auf dem Weg durch komplexe Rhythmen und für Blues- und Rockohren ungewohnte Tonskalen. Nur Eingeweihte schaffen es, die Mähne im korrekten Grundrhythmus durch die spannenden musikalischen Pfade der Männer um Sänger Jens Kidman zu schütteln. Wem das alles viel zu verkopft ist, vergnügt sich derweil bei den Veteranen Uriah Heep und dem Engtanzklassiker„Lady In Black“.

Letzter Festivalgig von Slayer in Deutschland

Am späten Abend strömen gefühlt alle 75000 Besucher zum Konzert von Slayer; die kalifornischen Thrasher nähern sich der Rente und spielen ihren letzten Festivalgig in Deutschland. Kurz vor Konzertbeginn dann die Überraschung für die versammelte Fotografenschar: Keine Fotos! Vielleicht hat man Angst, dass Sänger/Bassist Tom Araya beim Lächeln erwischt wird. „When it’s over, it’s over“ ermahnt der die Gemeinde, noch einmal alles zu geben. Es folgt ein Abriss im blutigen Rotlicht mit Klassikern wie „Raining Blood“, „South Of Heaven“ oder „Angel Of Death“.

Erkenntnis des Sonnabends: Wacken kann auch Hip-Hop! Das gilt zumindest für den Großteil der Zuschauer, die die Prophets Of Rage abfeiern. Mitglieder von Rage Against The Machine plus B-Real von Cypress Hill sowie Chuck D von den Polit-Rappern Public Enemy bringen die Kuttenträger nicht nur zum Hüpfen und Handwippen, sondern sogar Hinhocken und Aufspringen. Tätigkeiten, die der Metalhead eigentlich meidet wie alkoholfreies Bier. Diese wirre Erfahrung kann man später bei Parkway Drive oder den Altmeistern Saxon wieder aus dem Kopf schütteln.

Friedlichen Wacken-Festival

Fast vergisst man zu sagen, dass auch dieses Mal wieder alle Familienmitglieder friedlich miteinander feierten und dass es den Veranstaltern erneut gelungen ist, alle, ob privat oder dienstlich vor Ort, gut zu betüddeln.

Das Wacken Open Air 2020 findet vom 30. Juli bis 1. August 2020 statt, der Vorverkauf startet in der kommenden Nacht um 0.00, also um Mitternacht auf dem Portal www.metaltix.com Die ersten Bands stehen fest: Judas Priest feiern „50 Heavy Metal Years“, Amon Amarth kommen und vor allem Mercyful Fate mit Kreischsäge King Diamond. Und: Das ganze Festival bekommt laut Veranstalter einen neuen Anstrich und soll nicht nur im Look in die Kulturen der Maya und Azteken eintauchen…

So war der letzte Tag des 30. Wacken Open Air

 

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