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Kultur Aus dem Nebelmeer der Erkenntnis
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12:56 29.10.2018
Der großartig gestaltende Bariton Christian Gerhaher als Faust im Assoziationsgerümpel mit Friedrichs kopflosem "Wanderer über dem Nebelmeer". Im Hintergrund hinter dem Gazeprospekt Orchester und Chor unter Kent Nagano. Quelle: Monika Rittershaus
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Hamburg

Das eigenwillig geniale Oratorium zwischen Sünde und Seligkeit bebildert er auf der Vorbühne über dem geschlossenen Orchestergraben mit seinem üblichen Requisitenrepertoire aus dem vorigen Jahrtausend: schwarz verhüllte und geschminkte Bühnenarbeiter tragen in Zeitlupe geometrische Körper und Zeichen, ein Uhr ohne Zeiger, selbstleuchtende Stangen, Puppen, Masken und eine gebastelte Kathedrale umher. Der Teufel hat natürlich rot blinkende Hörner, Engel haben Flügel. Gretchen schwenkt unschuldig das Handtäschchen und ruiniert mit ihren Tränen ihr Pierrot-Makeup.

Wieder grandios: Bariton Christian Gerhaher

Faust torkelt erst lebenstrunken dann blind durch diese halbszenische Geisterbahn, schnüffelt an der Blauen Blume der Romantik. Meist aber starrt er singend hinterm Rednerpult in eine unbekannte Ferne. Dort, wo er nicht ist, ist das Glück. Das hat sein Gutes: Der Bariton Christian Gerhaher, schon auf Einspielungen unter Harnoncourt und Harding grandios, kann sich so auf seine exzeptionelle Interpretation der Titelpartie konzentrieren.

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Das Ewigweibliche zieht ihn hinan

Mit betörendem Schmelz bezirzt er Christina Ganschs stimmlich flammende Grete, mit Attacke gibt er den Weltverbesserer und lyrisch entrückt lässt er nach seinem Faust-II-Tod das himmlische Alter ego Doctor Marianus von Maria schwärmen. Das Ewigweibliche zieht ihn hinan …: Ob Goethe damit wirklich nur den urmütterlichen Uterus gemeint hat, den Freyer am Schluss bedeutungsschwanger auf den Unterleib von Caspar David Friedrichs am Rednerpult immer präsenten Wanderer über dem Nebelmeer projiziert, darf diskutiert werden. Ansonsten bleibt im Ungefähren der Inszenierung den Zuschauern wohl nur der Austausch von Eindrücken. In den etwas ratlosen Premierenbeifall mischen sich bei Freyers Auftritt ein paar Buhs. Dem Hamburger Haus geht es somit mit Schumanns Werk nicht viel besser als der Berliner Staatsoper vor einem Jahr bei ihrer Wiedereröffnung.

Orchester auf Distanz, aber reich flirrend

Auf der Hauptbühne hinter einem Gazevorhang, leider akustisch spürbar auf Distanz, tut sich musikalisch dafür einiges. Kent Nagano dirigiert eine durchweg lebendig nervöse Aufführung voller Schumann-Lichtblitze und -Vorahnungen des Impressionismus. Da fallen dann im fesselnden Flirren ein paar kleine Wackelkontakt wirklich nicht ins Gewicht. Opernchor und Alsterspatzen (Einstudierung: Eberhard Friedrich und Jürgen Luhn) schlagen sich achtbar, auch wenn sie nicht die Leuchtkraft und Sprachmächtigkeit erreichen, die Matthias Janz jüngst beim Schumann-Schwerpunkt des SHMF seinen Hobbysängern aus Hamburg und Flensburg zu entlocken verstand.

Gute Sängerbeiträge in weiteren Partien

Bei den weiteren Soli fällt Franz-Josef Seligs profunde bedrohlicher Mephisto-Bass als Einspringer mehr ins Gewicht als der etwas verquollen eingeengte Ariel-Tenor von Norbert Ernst. Vokale Glanzlichter setzt die ebenfalls eingesprungene koreanische Sopranistin Narea Son, auch wenn ihre Sorge vielleicht noch nicht fies genug in Fausts Seele dringt.

Staatsoper Hamburg. Termine am 31. Oktober, 18 Uhr, sowie am 3., 6., 9., 14. und 17. November, jew. 19.30 Uhr. Karten: 040 / 35 68 68. www.staatsoper-hamburg.de

Von Christian Strehk

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