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Kultur „Alice“: Zwischen den Bildern
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17:34 09.02.2020
Von Ruth Bender
»Alice« nach Lewis Carrolls »Alice im Wunderland« Musik und Gesangstexte von Tom Waits und Kathleen Brennan Text von Paul Schmidt, Regie, Design und Visual Concept der Originalproduktion von Robert Wilson Deutsch von Wolfgang Wiens Inszenierung Malte C. Lachmann Musikalische Leitung Willy Daum. Quelle: Kerstin Schomburg
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Lübeck

Bedenklich nah rückt ihr das Zoom-Objektiv der Kamera, verlängert sich mit jedem neuen Foto-Klick, reckt sich ihr unanständig entgegen. Ein hässlich-komisches Hasch-mich-Spiel, bis das Mädchen, in die Enge getrieben, mit lautem Krachen aus der Szene fällt. Hinein in die Welt von Alice im Wunderland.

Alices Abenteuer und das richtige Leben

Ein so spielerisches wie bedrohliches Bild, das die Frage, wie unschuldig das Interesse des Mathematiktutors Charles L. Hodgson, der als Lewis Carroll (1832-1898) für die Tochter seines Dekans in Oxford unsterbliche Nonsens-Geschichten erfand, an der zehnjährigen Alice denn nun war, gleich zu Beginn des Abends im Theater Lübeck eindeutig beantwortet.

So bedrückend geht es aber nicht weiter in Malte C. Lachmanns Inszenierung. Der Regisseur, der in der Spielzeit 2018/19 in Lübeck schon mit einer rasanten Dreigroschenoper begeisterte, setzt vor allem auf die Macht der Fantasie. Und Wilson hat ja auch die meisten von Alices Abenteuern eingebaut, mit der ihres Verehrers verstrickt und die Heldin dazwischen auf Identitätssuche geschickt.

Bilder, so flüchtig wie eben erdacht

„Wer bin ich? Und wo bin ich?“, fragt sie immer wieder. Eine Frau gewordene Alice spielt Astrid Färber, die naiv staunend und furchtsam ratlos in ihre Erinnerung blickt. Die Bühne bietet dafür den Weißraum, leer wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Darauf lässt Bühnenbildnerin Luisa Wandschneider Wurzeln und Blumen segeln, mit schnellem Strich comichaft skizziert.

Sie baut die Umrisse perspektivisch aus der Spur gelaufener Möbel und Mauern in den Raum, die Tür ins Wunderland. Alles flüchtig wie eben erdacht; und auch die Figuren werden gern mit rasch gezeichneten Utensilien effektvoll verfremdet. (Seit den Comic-Opern weiß man, wie das geht.)

Schöne schräge Fantasie-Gestalten

Überhaupt sieht man die schönsten schrägen Gestalten, von Kostümbildnerin Tanja Liebermann fantasievoll eingekleidet. Schwül bauschen sich Rüschen und Luftballonketten um die sprechenden Blumen. Die Herzkönigin (Susanne Höhne) mit ihrer „Kopf ab!“-Parole zeigt sich im erotischen Latex-Look. Henning Sembritzki ist eine fett glitzernde Raupe und ein großartiges, sich selbst bestrickendes Schaf, Will Workman ein hübsch ausgestopfter und zwischen Hochnäsigkeit und Unsicherheit changierender Humpty Dumpty. Tweedledee (Heiner Kock) und Tweedledum (Workman) kommen als herzallerliebst gestreiftes Paar, das in seiner Beschreibung der Unschlüssigkeit der Welt auch mal Beckett’sche Dimension erreicht. Und über jeder Szene verkündet ein goldgerahmtes Foto der jeweils Beteiligten: Die Bilder hinter den Bildern erzählt die Bühne.

Eine feine Feier von Fantasie und Nonsens, garniert mit Comic und Kabuki, schön choreografiert von Tiago Manquino und getragen vom Ensemble. Das agiert mit Lust am höheren Blödsinn und zeigt, befeuert von der jahrmarktsscheppernd aufspielenden Band um Willy Daum Sinn für Waits‘ kratzig-melancholische Balladen.

Wie Alice und ihr Schöpfer zu Randfiguren werden

Warum aber will der Abend dazu trotzdem so recht nicht in Gang kommen? Das mag an der Schnipselhaftigkeit des Stücks liegen, aber auch daran, dass das Ringen um die eigene Identität und mit dem Ausgeliefertsein so weihnachtsmärchenhaft überspielt werden. Und neben all den witzigen Solitären der Kopfgeburten werden die beiden menschlichen Figuren zu Randfiguren, die keine eigene Aktion entgegenzusetzen haben.

Am Ende sind die Kopfgeburten verschwunden

Astrid Färbers Alice ist zwar ständig präsent, bleibt aber verhaltene Beobachterin in ihrer eigenen Seelenwelt und trotz raumfüllender Singstimme als Missbrauchsopfer eher zerstört als aufbegehrend. Andreas Hutzels Dodgson/Carroll schwankt dazu als Andy-Warhol-Lookalike zwischen blockierter Künstlerfigur, Nerd und fehlgeleiteter Verehrung, geht aber auch als gequälter Alter durch, der in seinem Fotoatelier von den alten Zeiten mit der jungen Alice träumt und dazu dadaistische Wortschnipsel herausbricht.

Zu harmlos, um die starke Eröffnung ernsthaft weiterzudrehen. Am Ende ist die Geschichte erzählt, sind die Kopfgeburten verschwunden. Was bleibt, ist eine leere Welt, die Alice auch nicht weiterhilft.

Theater Lübeck. 13. Februar, 7., 21. März, 17., 19. April. Kartentel. 0451/399 600,  www.theaterluebeck.de

Mehr über die regionale Kultur lesen Sie hier.

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