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19:14 23.09.2019
Von Ruth Bender
Zwischen Konstruktion und Rekonstruktion: Kammerschauspielerin Almuth Schmidt (li.), Rudi Hindenburg und Jennifer Böhm bei der Geschichtsarbeit. Quelle: Olaf Struck
Kiel.

Die Drei auf der Bühne geben sich sich alle Mühe, die Teile zu verbinden. Im aufgeregten Gespräch reden sie sich heiß und zusehends in Rage. Ambitionierte Studenten oder Teilnehmer einer Geschichtswerkstatt könnten das sein. Getrieben vom festen Willen, die Fragmente zur Geschichte zu fügen. Ein rechtes Bild aber will sich nicht ergeben, stattdessen: jede Menge Assoziationen.

Frager und Spurensucher

Lebhaft bis zur Überdrehung setzt Regisseur Josua Rösing das irrwitzig kreiselnde Disputkarussell in Szene. Und Almuth Schmidt, Jennifer Böhm und Rudi Hindenburg spielen die eifrigen Frager und Spurensucher zwischen leise verhaltenem Ton und auftrumpfendem Pathos. Vor einer Bretterwand (Bühne: Michael Lindner), die Lager sein könnte oder Versteck, tauchen sie ab in die Vergangenheit des Hauses, der Vermieterin und des Holocaust und wieder auf in der Gegenwart der Bewohnerin, die im nichtjüdischen Kontext der europäischen Stadt der unausgesetzten Selbstbeobachtung verfällt. Im Supermarkt, beim Gynäkologen oder der Agentin – die Geschichte läuft mit, wie eine Matrize. Stets sieht sich die Figur gespiegelt in der Wahrnehmung der anderen und festgetackert in der jüdischen Stellvertreter- und Opferrolle.

Die Shoah hat die Autorin, die die Überforderung des Immigrantendaseins selbst aus Amsterdam zurück nach Israel trieb, auf wenige Schlüsselworte reduziert. Worte, die sofort die Stereotypenmaschinerie in Gang setzen. Wenn Rudi Hindenburg den Namen „Auschwitz“ spricht, deklamiert, brüllt. Immer wieder, bis er in Übergröße im Raum hängt. Oder „Genozid“ – nach dessen Erwähnung ist die bedeutungsschwangere Pause ohnehin gesetzt.

Erinnerungen und Lesarten

Verstörend intensiv vermittelt sich im Umgang mit Sprache und Geschichte ein Gefühl für die Hypothek, die der Holocaust den Nachgeborenen in Israel und der jüdischen Diaspora aufgebürdet hat. Für die Bilder, die sich daran klammern. Und für den Rassismus, der aus einem kleinen boshaften Gedanken wachsen kann: „Sie denkt, dass er denkt, dass sie ihm den Platz in der Schlange (an der Kasse) wegnimmt.“ Vorläufer für den Gedanken, dass sie zu jenen gehört, die den anderen die Steuergelder „wegschlürfen“. Zur Tat ist es von da nicht mehr weit.

Konstruktion und Rekonstruktion fließen in Erinnerungen, Wahrnehmungen, Lesarten ineinander. Dabei behalten die Schauspieler stets den Blick von außen, schlüpfen höchstens momentweise in die Rolle der erzählten Figur. Ausstatter Michael Lindner hat alle drei in blassfarbige Kleider gesteckt, irgendwo zwischen Lager- und Schuluniform. Dass hier keine eigene Identität festzumachen ist, sieht man auch daran.

Die Last der Geschichte

Im Reden nehmen sie die Bretterwand auseinander, lösen Bohlen, legen Blicke in ein Dahinter frei, das auch nur wieder Gerüst ist. Zu füllen mit neuen Bildern, die womöglich auch nur erdachte sind. Zum Beispiel mit der Geschichte eines so brutalen wie rettenden Verrats, der eine unverhoffte Wende bedeutet. So richtig ganz wird sie nie, die Geschichte, die die Drei zusammenpuzzeln. Soll sie auch nicht. Aber sie vermittelt die bedrückende, immerwährende Last der Geschichte.

Studio im Schauspielhaus. 28. September, 13., 25. Oktober. Karten: Tel. 0431/901 901, www.theater-kiel.de

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