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Kultur Keimzelle der französischen Grand Opéra
Nachrichten Kultur Keimzelle der französischen Grand Opéra
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18:11 25.04.2019
Erneut ein enorm temperamentvolles Team im Opernhaus: Dirigent Daniel Carlberg und Regisseurin Valentina Carrasco. Quelle: Marco Ehrhardt
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Kiel

„Man merkt gleich, dass das Werk für das damals beste Opernhaus geschrieben wurde: Das ist enorm virtuos für die Violinen, zielt immer auf hohen Effekt eines Klangschaumbades in Champagnerperlen“, schwärmt Kiels Stellvertretender Generalmusikdirektor Daniel Carlberg über François Aubers Partitur. Er sei froh, nach Meyerbeers Hugenotten und Rossinis Wilhelm Tell nun rückwärts die Keimzelle der französischen Grand Opéra dirigieren zu können.

Auber steht Rossini nahe

„Der Hang zum Großen betrifft eher die Ausstattung als die eher noch klassizistische, Rossini nahe stehende Musik.“ Anders als in Dessau vor einem Jahrzehnt sieht er hier die Gesangspartien stilistisch richtig, nämlich „leichtgängig“ besetzt – und nicht übermäßig unter Druck gesetzt von den deswegen einmal mehr „historisch informiert“ spielenden Philharmonikern.

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Schwerelose Stimmen, spannende Melodramen

„Da kann dann der Tenor in seiner anspruchsvollen Arie im vierten Akt tatsächlich schwerelos in das Wiegenlied wechseln.“ Außer der Ouvertüre und dem Duett sei kaum etwas bekannt aus einer Oper, die mit ihrer stummen Titelrolle und den dazugehörigen Melodramen, aber auch mit der immer wieder anrollenden revolutionären Aufmüpfigkeit etwas ganz Besonderes darstelle.

Wegen vieler Chorszenen schwierig zu inszenieren

Schwierig zu inszenieren, findet Valentina Carrasco, „weil die Chormassen, zweigeteilt in die unterdrückten Fischer der Bucht vor Neapel und die spanischen Besatzer, nur in vier Szenen nicht mit auf der Bühne sind“. Die Regisseurin und Choreografin aus dem Umfeld der katalanischen Theatergruppe La Fura dels Baus, die in Kiel szenisch mit Rachmaninows Aleko und Francesca da Rimini begeisterte, sieht das Politische als zentral an, während die Charaktere wenig Raum bekämen.

Kollektiv wichtiger als das Individuum

Das Kollektiv sei wichtiger als das Individuum, folkloristische Effekte, Ballett und Pantomime kämen für die Opulenz hinzu. „Interessanter als das Liebesdreieck finde ich den charismatischen Fischer Masaniello, der für das Prinzip des Revolutionsauslösers steht, ohne das letztlich kontrollieren zu können.“

Gelbwesten wären zu einfach

Das dränge auch die Regie mehr in diese Richtung. Doch Gelbwesten in Frankreich stünden ja nur für Protestgehabe. „Echte Revolutionen sind in ihrer Radikalität nie beständig gut gewesen“, so Carrasco, „man braucht nur auf Russland, die Weimarer Republik oder die Französische Revolution zu gucken: Was ist mit Danton und Robespierre passiert und wie lange hat es gedauert, bis die Franzosen nach der Hinrichtung ihres absolutistischen Königs wieder einen Kaiser am Hals hatten?“

Verlegung in die späte Kolonialzeit

Sie habe die Inszenierung am Anfang des 20. Jahrhunderts angesiedelt und sich zum Thema Unterdrückung durch Kolonisation eine afrikanische Darstellerin für die Fenella gewünscht.

Eine Regisseurin für den Widerstandsgeist

Die Regisseurin, die zuletzt mit Verdis Trovatore im italienischen Fano nahe Pesaro für bewegende Assoziationen bei den Mitwirkenden und im Publikum gesorgt hat, weil sie die an sich so abstruse Handlung sehr schlüssig in die Zeit der Partisanen-Aufstände gegen Mussolinis Faschisten verlegte, sieht darin Widerstandsassoziationen genug.

Die Daten der Aufführung

Premiere in der Oper Kiel am Sa., 27. April, 19 Uhr. Karten: Tel. 0431 / 901 901. www.theater-kiel.de

Von Christian Strehk