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Kultur Von Liedern angeflogen
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17:45 07.08.2014
 Nach der Trennung kam für Anna Depenbusch die musikalische Befreiung. Quelle: Goldwerk Photography
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Flensburg

Damals vor vier Jahren, als die Liedermacherin und ihre Band schon monatelang keine Konzerte mehr gespielt hatten und die finanziellen Nöte immer schwerer auf dem zierlichen Geschöpf lasteten. „Ich war wie gelähmt“, erinnert sich die Sängerin. „Die Trennung war dann wie eine Befreiung – ab da konnte etwas Neues beginnen.“

Das Ergebnis hieß erst Die Mathematik der Anna Depenbusch und dann Sommer aus Papier: ihre beiden letzten Alben, die die 36-Jährige wie schon den Debüt-Vorgänger Ins Gesicht in Eigenregie komponiert und getextet, ja bis in die vielen bezaubernden künstlerischen Ideen auf Cover und Booklet selbst gestaltet hat. Denn die Hamburgerin besitzt nicht nur eine im Jazzgesangs-Studium geschulte, ungemein ausdrucksstarke Stimme sowie eine unglaubliche poetische Kraft und Klarheit in ihren deutschen Texten, sondern vor allem einen unbändigen Willen. Und so wie das „Vollblut-Herbstkind“ schon früh wusste, sie würde einmal Musikerin werden, hat sie eben auch diese Alben ganz nach ihren Vorstellungen produziert – irgendwo zwischen Balladen, Chansons, Streicher-Arrangements mit Klassik-Flair und Singer/Songwriterin; Jazz und Soul gegenüber ebenso offen wie Country, lateinamerikanischen Einflüssen oder der Ukulele, in die sich die Künstlerin vor zwei Jahren verliebte und die mit ihr sogar die Schlafstatt teilen durfte ...

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Vor allem aber mit ebenso zärtlichen wie wortstarken Texten, in denen sie nicht nur ihre Seele offen legt, sondern die auch Offenbarung für andere Seelen sind. Fraglos ist Anna Poetin genug, um sich in ihren kleinen Lied-Geschichten nicht in Banalitäten oder abgedroschenen Formulierungen zu verlieren. Weshalb ihre Texte auch tief berühren, ihre Songs mit einer Intelligenz und Strahlkraft daherkommen, die selten geworden sind im schnelllebigen, krawallig-lauten Musik-Business. Und die mit 105 Music sogar ein erfolgreiches Musik-Label (bei dem Hamburger Unternehmen veröffentlichen auch Ina Müller, Annett Louisan oder Stefan Gwildis) gefunden hat, das sie in ihrer Eigenwilligkeit hat machen lassen.

Tat sich trotz aller Unterstützung doch mal eine (finanzielle) Grenze auf – etwa, als Depenbusch die Idee hatte, einige Songs im Orchestergewand zu arrangieren – dann hat die Macherin die Realisierung eben selbst in die Hand genommen, Förderanträge geschrieben und am Ende die Lieder tatsächlich mit Orchester aufgenommen. Wobei trotz allem üppigen Sound für die Güte einer Komposition letztlich entscheidend sei, dass das Lied auch „ganz reduziert funktioniert: Das Lied muss für sich stehen können – erst dann kann ich schauen, was ich daraus mache“, formuliert die Künstlerin ihren Anspruch.

Dass diese Reduktion funktioniert, ja sogar noch viel mehr berührt, beweist ihre „Schwarz-Weiss“-Version des Albums: Ganz allein am Klavier hat Anna Depenbusch die Songs da noch einmal eingespielt, sich dabei bisweilen gar von den Freiheiten des Jazz treiben lassen. Und dabei solche Erfüllung gefunden, dass sie nun wieder einmal solo auf Tour ist und im Rahmen des SHMF auch nach Flensburg und Wotersen kommt – „in schwarz-weiß“.

Eine ganz neue Freiheit, zumal sie dieses Mal nicht die Verantwortung für ihre Musiker trägt. Was nicht nur ihre (finanzielle) Unabhängigkeit erhöht, sondern ihr zudem erlaubt, sich auch jenseits des Auftritts ganz auf ihre Musik zu konzentrieren. Etwa mitten in der Nacht einfach aufzustehen, sich ans Klavier zu setzen und ihren Inspirationen freien Lauf in Wort und Klang zu lassen. Genauer gesagt: Sich von den Liedern „anfliegen“ zu lassen, ist doch das zierliche Geschöpf überzeugt: „Es schwirren unendlich viele Songs umher, die noch gar nicht entstanden sind – und wenn sich dann einer für mich entschieden hat, findet er seinen Weg durch meine Gefühle und Harmonien.“ Und sie dabei selbst für ein diffuses und geschichtlich nicht ganz unbelastetes Gefühl wie Heimat eine wunderbar schlichte, lyrische Form: „Weil ich hier hergehöre, ob ich will oder nicht, ich habe keine Wahl, sie hat mich, ganz egal wo ich bin.“

Für Anna liegt diese Heimat noch im szenigen Hamburger Schanzenviertel. Doch gut möglich, dass es ihr „eines Tages hier zu eng, zu laut, zu dreckig“ wird und die Sehnsucht nach einem Häuschen in der Einsamkeit sie in die Weiten Schleswig-Holsteins zieht. Zumal sich dort dann auch einer ihrer vielen Träume erfüllen ließe: Nachts laut Schlagzeug zu spielen und singend nackt durch den Garten zu laufen.

Von Christoph Forsthoff