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Kultur Eschenbach probt mit Festivalorchester
Nachrichten Kultur Eschenbach probt mit Festivalorchester
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19:00 16.07.2013
Von Christian Strehk
Christoph Eschenbach bei der Mahler-Probe in Büdelsdorf. Quelle: Axel Nickolaus
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Büdelsdorf

Das drei- und vierfache Pianissimo senkt sich sanft und traurig an den Rand völligen Verstummens, auf der Bühne und im Zuschauerraum stockt der Atem. Noch ein Fortissimo-Höllensturz in Triolen und drei trocken endgültige Schlussklänge, dann ist die Mahlers „Todtenfeier“ zu Ende. Es ist ja nur Probe, aber in der ACO-Thormannhalle bricht Jubel aus - und zwar auf der Bühne. „Das waren gerade wir“, scheinen damit die von sich völlig zu Recht begeisterten jungen Musiker der Orchesterakademie sagen zu wollen. Christoph Eschenbach, ihr heiß geliebter „Principal Conductor“, hat begonnen, mit ihnen „den Sinn der Musik herauszumeißeln“, wie er es nennt. „Es ist wunderbar, wenn man gleich ins Detail gehen kann“.

In Gustav Mahlers imposanter Zweiter Symphonie, komponiert zwischen 1888 und 1894 und schließlich auch im Gedenken an den großen Dirigenten Hans von Bülow, sieht Eschenbach nichts übertrieben pathetisch Pompöses, sondern „spirituelle Sphären“. „Das ist ein völlig falscher Vorwurf - genauso wie man lange Mozarts Oper Cosí fan tutte verkannt hat, an der ich gerade für die Salzburger Festspiele arbeite.“ Dabei sei diese Musik ungeheuer „sophisticated“ und ein geradezu philosophischer „Menschenversuch“ rund um das Geheimnis der Liebe. Im Fall Mahler sieht Eschenbach den „Oh, glaube!“-Satz als inständig große Bitte, das Urlicht als Gebet und das „Aufersteh’n“-Chorfinale als eine Vision, die von irgendwoher kommt und deshalb vom Chor zunächst im Sitzen und mit „bocca-ciusa-Technik“, also quasi mit geschlossenem Mündern im fünffachen Pianissimo geraunt werden muss.

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 „Schon einmal gab es eine phänomenale Aufführung von Festivalchor und -orchester unter Eschenbach - aber nur auf Tournee in Granada“, erzählt Rolf Beck, „deshalb wollten wir das unbedingt jetzt noch mal im Festival wiederholen.“ Das Nordkolleg im nahen Rendsburg platzt mit insgesamt 230 Gästen, darunter 86 Choristen aus 30 Nationen, aus allen Nähten. Gegessen werde in Schichten, aber die Stimmung sei bestens - vor allem am späten Abend.

Eschenbach selber bekommt garantiert genug Schlaf, denn er hat als Gast von Familie Ahlmann wieder direkt auf dem Nordart-Gelände im Gartenhaus Quartier bezogen. Deshalb können dem nimmermüden 73-Jährigen auch achteinhalb Probenstunden am Tag genauso wenig ausmachen wie der geballten Jugend an den Pulten. Jetzt lässt er das „Ländler“-Andante entsprechend Mahlers Anweisungen „sehr gemächlich“ und „ohne zu eilen“ als Erinnerungsschauer vorüberschweben oder schärft die „sarkastischen Züge“ des dritten Satzes. Und dann freut er sich auf neue Proben im kommenden Jahr, garantiert mit ähnlich magischen Pianissimi.

Ergänzt wird das Programm, das von Sony Classical für CDs mitgeschnitten wird, durch zwei Mozart-Violinkonzerte mit dem 1989 in Taipeh geborenen Geiger Ray Chen, der 2009 den Concours Elisabeth in Brüssel gewonnen hat. Öffentliche Proben in der ACO Thormannhalle, Kunstwerk Carlshütte, Am Ahlmannkai, Büdelsdorf: Mittwoch 10-13 Uhr, 16-19 Uhr, 20.30-22.30 Uhr; Donnerstag 10-13 Uhr; 15-18 Uhr (aktuelle Informationen: www.shmf.de/oa) sowie 20 Uhr öffentliche Generalprobe (Restkarten). Konzerte am 19. und 20. Juli in Hamburg und Lübeck (Karten: 0431 / 23 70 70).