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Kultur Ausstellung zum 100. Geburtstag von Golo Mann: Historiker mit Erzählerdrang
Nachrichten Kultur Ausstellung zum 100. Geburtstag von Golo Mann: Historiker mit Erzählerdrang
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11:08 11.05.2012
Lübeck

Er wählte nicht den Weg des Schriftstellers wie sein Vater Thomas, sein Onkel Heinrich und sein älterer Bruder Klaus, sondern den des Wissenschaftlers, der in Deutschland ab den späten 1950er Jahren als narrativer Historiker, brillanter Essayist und Publizist hervortrat. Das Buddenbrookhaus in Lübeck stellt Golo Mann zu seinem 100. Geburtstag jetzt erstmals in das Zentrum einer Ausstellung, die viel über das Werk und noch mehr über den Menschen erzählt und eine Fülle von Originaldokumenten präsentiert, von denen die wenigsten bisher öffentlich gezeigt wurden.

Viele braune Ordner und Kartons in Metallregalen bestimmen den ersten Eindruck beim Besuch der Ausstellung. Als

Archiv eines Lebens haben Holger Pils, Leiter des Buddenbrookhauses, und Kurator Tilmann Lahme, Autor einer im März 2009 im S. Fischer Verlag erschienenen Golo Mann-Biographie, die Schau konzipiert und gestaltet. Ein Leben, das übervoll ist an interessanten Fakten und Details, die Lahme, der unter anderem in Kiel Geschichte, Germanistik und Philosophie studiert hat, in umfangreichen Recherchen nachverfolgt hat.

1909 in München geboren, fühlt sich Angelus Gottfried Thomas Mann, wie Golo Mann eigentlich hieß, schon früh als Sonderling. Er ist homosexuell, wie der Schulleiter am Internat Schloss Salem am Bodensee entdeckt (und erst einem Psychiater und dann dem Vater mitteilt). Er versteht sich als Sozialist und ist enttäuscht, als er von den Nazis 1936 lediglich als Sohn seines Vaters und nicht aus eigenem Verdienst ausgebürgert wird. Er durchlebt die Entwurzelung des Exils, kehrt nur zögerlich nach Europa zurück, erlebt mit beinahe 50 Jahren endlich berufliche Anerkennung und hat vielleicht deshalb später immer wieder Schwierigkeiten, irgendjemandem etwas abzuschlagen, um sich stattdessen auf Wichtiges zu konzentrieren. Auch etwas naiv und gutgläubig muss Golo Mann wohl gewesen sein: Ein bekanntes Erotikmagazin, das ein Essay von ihm veröffentlichte, hielt er für eine „Akademikerzeitschrift“, und Franz-Josef Strauß gelang es, ihn für seinen Wahlkampf einzuspannen.

In sieben Stationen ist die Ausstellung unterteilt, die Anordnung mutet eher labyrinthisch an, was der Sache aber nicht schadet. Neben einer Fülle an Informationen vermittelt die Schau auch sinnliche Eindrücke, mit Hör- und Filmaufnahmen und zum Beispiel einem Schreibtisch nebst Rauchutensilien aus Golo Manns Nachlass. Wer dem Menschen und seinem Werk näher kommen möchte, ist im Buddenbrookhaus am richtigen Ort.

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