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16:51 02.05.2019
Von Ruth Bender
Im Schreiben entdeckte Axel Milberg eine ganz eigene Freiheit. Quelle: Jim Rakete Photoselection
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Kiel

Herr Milberg, Sie haben Ihr RomandebütDüsternbrook“ genannt, nach dem Kieler Stadtviertel, in dem Sie aufgewachsen sind. Welchen Klang hat das Wort heute für Sie?

Der Klang entsteht, je nachdem, wie man es ausspricht. Ob man die erste oder die dritte Silbe betont, Brook in die Länge zieht oder abkürzt. Anders als für Leute, die das Wort zum ersten Mal hören, ist es für mich ein sehr vertrautes, wie ein Familienname. Heimat sicherlich. Die ersten 20 Jahre meines Lebens habe ich dort gelebt und mich wohlgefühlt. Und ich bin nie darauf gekommen, dass darin auch Wort "düster“steckt.

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Aber ein bisschen spökig klingt es schon - Düsternbrook, da steckt ja Plattdeutsch das Moor drin. Wie sind Sie auf den Titel gekommen?

Ich habe vielleicht 20 Vorschläge in den Verlag geschickt – und dort haben alle gleich gesagt: Düsternbrook. Wahrscheinlich, weil es so schillert. Da ist ein bisschen Krimi drin, Dunkelheit, Versponnenheit, etwas Unheimliches. Man wird trotzdem hineingelockt in den Wald, der dem Stadtteil den Namen gab. Es ist, als wenn man als Kind einem Märchen zuhört.

Das steckt auch in Ihrem Roman drin; vor allem aber ist es Ihre Kindheitsgeschichte … Warum wollten Sie die erzählen?

Das kann ich gar nicht genau benennen. Es gab irgendwann den Kontakt zu dem sehr klugen Lektor und dann den Moment, in dem ich sagte: jetzt. Es hat mich selbst überrascht, weil ich dachte, ich quäle mich von Satz zu Satz – aber ich habe dann sehr schnell geschrieben. Auf einem Ipad, mit zwei Daumen.

Cover: "Düsternbrook" von Axel Milberg

Viele der Episoden klingen, als hätten Sie sie damals ins Tagebuch geschrieben und nun hervorgeholt.

Es gab etwa 30 Geschichten in meiner Erinnerung, die mir in sich gerundet erschienen. Mit einem Anfang, einer Überraschung und einem Ende. Die habe ich zunächst aufgeschrieben. Das war die Grundierung, die erste Schicht. Dieses authentische Material habe ich intensiviert, herangezoomt, die Perspektive gewechselt. Damit begann eigentlich das Handwerk des Schreibens.

Sie haben auch einen guten Fundus. Mit den adligen Großeltern auf Gut Quarnbek und einem Umfeld vom Kinobetreiber Szepanek bis zum Nachbarn, Herrn Schmeller, dem Direktor der Holstenbrauerei. War Ihnen damals schon bewusst, dass das ein eigener Kosmos war?

Nein, man nimmt das als Kind so hin, man kriegt es ja frei Haus geliefert. Ich fand es aber auch schön, an all diese Menschen zu erinnern. Das gilt für die Familie Sauermann in der Feldstraße genauso wie für den Schulfreund, der erfährt, dass er adoptiert ist und plötzlich zum guten Schüler wird. Oder Don Fernando, der Graf, der einen Wald erbt und aus Mexiko nach Kiel zurückkehrt. Der hat mich beeindruckt durch seine Kraft und seine ungebrochene Freude an Geschichten. Ich wollte, dass diese Menschen nicht vergessen sind.

Wie ist Ihnen das gelungen, in die Erinnerung zu tauchen?

Das ist vielleicht wie bei Stephen King, erinnern sie sich an "Stand by me“ oder anderen, die über Kindheit schreiben: Man geht vom Erlebten aus und erzählt das, was man nicht erlebt hat. Was ich vermisst habe und gern erlebt hätte. Auch wovor ich Angst gehabt habe. Daneben wollte ich auch das Erinnern selbst abbilden. Über die Sprache, die sich mit dem Älterwerden verändert; das Ich entwickelt sich ja durch den Spracherwerb. Das Erinnern bildet sich außerdem darin ab, dass es anfangs Inseln sind, die wie Snapshots aufschimmern. Erst mit Beginn der Schulzeit gibt es ein Erlebniskontinuum. Da sind die Geschwister, die Mitschüler an der Gelehrtenschule - und ein Ich, das seinen Platz bekommt in einer Gruppe.

War das Schreiben auch eine Selbsterkundung?

Ja, bestimmt. Aber ich bin nicht der Axel Milberg in der Geschichte. Zum Beispiel erschien es mir für die Geschichte reizvoll, eher der Schüchterne, Zuschauende zu sein - der ich so nicht war. Ich war durchaus extrovertierter. Aber ich bin nicht das Ziel der Untersuchung, sondern das Kind gibt mir die Möglichkeit, durch seine Augen auf eine Welt zu schauen, die ihm zunächst unbekannt ist. Alles ist neu, nicht erklärt, hat noch keinen Namen, keinen Begriff, keine Funktion. Der Blick ist noch nicht eingeengt. Diesen Blick aber verlieren wir und nennen die Einengung dann Erwachsensein. Dagegen habe ich mich ein Leben lang gewehrt – im Beruf des Schauspielers ist das möglich.

So kann Ihr Ich-Erzähler die Menschen auch als Außerirdische sehen …

Ja, die Norddeutschen sind ja auch schwer zu unterscheiden von Außerirdischen …

Meinen Sie?

Das entdeckt jedenfalls im Roman ein Junge namens Axel. Und wer so viel über das Wetter spricht wie hierzulande, der bereitet wahrscheinlich einen sehr langen Rückflug vor ...

Durch die eigentlich unbeschwerte Kindheit ziehen immer wieder Schatten. Ein schlimmer Streit der Eltern, der kranke Mitschüler, der namenlose Mann, der sich den Kindern nähert. Hatten Sie eine behütete Kindheit? 

Das ist ein gutes Wort, behütet. Behütet aufgewachsen, das sagt man ja so. Alle Eltern wollen, dass die Kinder behütet aufwachsen. Überall auf der Welt. Und wir waren behütet in Düsternbrook. Aber das Interessante ist ja das Andere. Die Frage, wovor soll ich denn beschützt werden. Und dann entdeckt man Dinge, auch in Düsternbrook. Wie diesen dunklen Mann, der so hart und scheinbar zusammenhangslos in die Geschichte einbricht. Die Figur steht dafür, das etwas auf uns schaut am Rande von Düsternbrook, mit klebrigen Fingern in die behütete Welt hineingreifen will.

Der Ich-Erzähler beschreibt sich einmal als „weltfremd und auf scheue Art aggressiv“. Mir scheint, als hätten Sie darin auch Borowski beschrieben, Ihren Kieler Tatort-Kommissar?

Mhm. Das mag mancher Fernsehzuschauer so zusammenfügen – aber ich habe nicht eine Minute an Borowski gedacht. Für mich war das Schreiben eher ein Genuss von Freiheit. Dass ich der Urheber bin von allem und nicht der Interpret. Als Schauspieler interpretiere ich, reagiere auf etwas, was da ist – eine Partitur, einen Text, eine Figurenzeichnung. Beim Schreiben war das Vergnügen, vollständig frei zu sein.

Im Buch gibt es eine kleine Episode, in der Sie erzählen, wie Sie im Freilichtmuseum Molfsee einen kleinen Hammer haben mitgehen lassen. Haben Sie den noch?

(Pause). Den habe ich noch. Er liegt zu Hause in irgendeiner Schublade.

Sie sind also auch ein Sammler?

Ja, das bin ich. Ein Sammler von schönen Augenblicken.

Mehr zu Axel Milbergs Buch

Axel Milberg: Düsternbrook. Roman. Piper Verlag, 288 Seiten, 22 Euro

Zur Biografie: Axel Milberg

Als Kieler „Tatort“-Kommissar Klaus Borowski (NDR-Foto) ist Axel Milberg wohlbekannt. Zu Kiel aber hat der Schauspieler (Jahrgang 1956) auch eine sehr persönliche Beziehung. Zum Elternhaus im Forstweg, in dem er aufwuchs. Zu Gut Quarnbek vor den Toren der Stadt, wo die Großeltern lebten, oder Gut Projensdorf, wo die Patentante wohnte. Und in der Feldstraße in Kiel besuchte er die Gelehrtenschule.

Nach dem Abitur arbeitete Milberg als Paketsortierer und Stadtführer in Kiel, wo er außerdem Literaturwissenschaft und Philosophie studierte. Theater hatte er schon in der Schule gespielt; eine Begegnung mit Gert Fröbe im Sechseckbau der Kieler Uni war so etwas wie die Initialzündung. Trotzdem studierte Milberg in München zunächst weiter, bevor er sich an der Otto-Falckenberg-Schule bewarb. Nach dem Abschluss arbeitete er an den Münchner Kammerspielen mit Regielegenden wie Peter Zadek, Wolfgang Langhoff und Dieter Dorn. Im Fernsehen wurde er mit „Nach Fünf im Urwald“ und „Jahrestage“ bekannt. Mit „Düsternbrook“ legt er nun seinen ersten Roman vor.

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