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Kultur Ein Höhenflug vokaler Kunst
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17:29 07.08.2019
Bach in Perfektion, Anmut und Ausdruckskraft: Céline Scheen und Luciana Mancini mit dem Dirigenten Václav Luks und dem Collegium 1704. Quelle: Axel Nickolaus
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Hamburg

Schon die allererste und die allerletzte Akkordspannung und -auflösung hätte genügt, aus dem Beitrag des Prager Barockorchesters Collegium 1704 und des Collegium Vocale 1704 eine Sensation zum Komponistenschwerpunkt des SHMF 2019 zu machen.

Bachs vielgestaltige Messe

Über 2000 andächtigen Besuchern stockte nicht nur hier der Atem: Denn der allseits gefürchtete Einstieg in Johann Sebastian Bachs „Opus summum“ vokaler Kunst, in die grandios vielgestaltige h-Moll-Messe, sowie der eindringlich verschwebende Ausklang ihrer innigen Friedensbitte Dona nobis pacem gelang glasklar, dabei aber außergewöhnlich klangschön und kongenial eingepasst in die optimal geeignete Transparenz-Akustik der Elbphilharmonie.

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Barockspezialist Václav Luks

Ensemble-Gründer und Barockspezialist Václav Luks, der am Kieler Opernhaus 2017 die Leclair-Barockopernrarität Skylla und Glaukos dirigierte und im selben Jahr mit Monteverdis Il Ritorno d’Ulisse in Patria an der Staatsoper Hamburg begeisterte, bewies in Sachen Tempogestaltung und Ausdrucksfarben ein sagenhaft sicheres Gespür für die hinreißende Klangrede des reifen Thomaskantors. Die Streicher tönten seidig und anschaulich wie edle Bildweberei, die nach vorn gerückten Holzbläser kommentierten trefflich rhetorisch, Trompeten und Pauken sorgten für Glanzexplosionen.

Höchstes Niveau des Collegium 1704

Und man war ob der gebotenen Perfektion fast ein wenig beruhigt, als in Bachs extrem anspruchsvollem Gefüge der Konzertmeisterin im Laudamus ein allemal verzeihlicher Lapsus unterlief oder wenig später die Continuo-Bassgruppe kurzfristig den optimalen Kontakt einbüßte. Auf welchem Niveau hier ansonsten mit alten und nachgebauten Instrumenten agiert wurde, bewies auch das berühmte Naturhorn-Solo.

Collegium Vocale 1704

Das lediglich 25-köpfige Vokalensemble hielt vom raunenden Passionsschock bis zu hochvirtuos sprudelnden und pulsierenden Fugen-Kaskaden alles vor, was Chorkunst faszinierend macht: schwere- und schlackenlose Soprane, ein besonders glutvoll timbriertes Alt-Register und kraftvoll wendige Männerstimmen. Unter den sehr stilkundig organisch gestaltenden Solisten aus der Sängerriege ragte der Altus Benno Schachtner mit raumflutender Präsenz und bewegend inständiger Litanei („miserere nobis“) heraus.

Komponisten-Schwerpunkt Bach

Der ohnehin mit vielen hervorragenden Spezialisten besetzte Komponisten-Schwerpunkt des SHMF erlebte so in Hamburg einen ganz besonders prächtigen Höhepunkt. Knapp zwei Stunden lang war Bach einmal mehr unübertroffene Größe. Kein Wunder, dass da bei den beteiligten Musikern und Sängern immer wieder ein seliges Lächeln zu sehen war und Dirigent Luks aus dem enthusiastischen Tänzeln gar nicht mehr heraus kam.

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Von Christian Strehk