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Kultur „Das Leben wird deine Strafe sein“
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17:53 04.11.2019
Von Jürgen Gahre
Il primo Omicidio Quelle: Monika Rittershaus
Berlin

Seinem Forschergeist und seiner Neugierde auf rare, verborgene Schätze ist es zu verdanken, dass er in der Baseler Bibliothek auf Alessandro Scarlattis Oratorium "Il primo omicidio" stieß, das 1707 in Venedig uraufgeführt worden war. Bei der ungeheuren Anzahl seiner Werke – neben zahlreichen Serenaden und Messen schrieb er 117 Opern, 38 Oratorien und mehr als 700 Kantaten – nimmt es nicht Wunder, dass das eine oder andere Werk unbeachtet bleibt.  Der wieder entdeckte, auf der Genesis in der Bibel basierende Primo omicidio, (Der erste Mord) des sizilianischen Komponisten stand also am Anfang der Barocktage, in einer Koproduktion mit der Opéra National de Paris und dem Teatro Massimo Palermo.

Regisseur des Jahres Romeo Castellucci

   Der aus dem italienischen Cesena gebürtige, mit Preisen wie „Regisseur des Jahres“ verwöhnte  Romeo Castellucci – er ist auch sein eigener Bühnenbildner – hat sich für ein zweiteiliges Regiekonzept entschieden, das den ersten Teil scharf vom zweiten visuell unterscheidet. Damit verdeutlicht er, wie stark sich die Welt durch den ersten Mord an einem Menschen, durch Kains Mord an Abel, verändert hat.

Oratorium für die Bühne adaptiert

Während der ersten Stunde des Oratoriums sind alle Figuren nur schemenhaft hinter einem Gazevorhang zu sehen, der durch eine außerordentlich poetische Lichtregie (Castellucci und Benedikt Zehm) in den verschiedensten, an Gemälde von Mark Rothko erinnernden Farben leuchtet. Die Ermordung des Abel mit einem Stein sehen wir dann aber auf einem deutlich sichtbaren, sehr konkreten Acker, auf dem die Arbeit durch das auf ihm wachsende Gestrüpp außerordentlich beschwerlich ist. Nach dem Mord gehen die Sänger in den Orchestergraben und singen von dort.

Kind und Kindeskinder

Auf der Bühne aber erscheinen zunächst einige Kinder, die gestisch den Mord wiederholen und dabei den Gesang der Solisten durch Mundbewegungen simulieren. Die sich ständig vergrößernde Anzahl von Kindern illustriert, dass die schlimme Tat des Kain sich fortsetzt in der Menschheit. Kain muss mit seinem schlechten Gewissen leben, und so verkündet ihm Gott dann auch an entscheidender Stelle im Libretto: „Ich will deine Bestrafung, nicht den Tod, denn das Leben wird deine Strafe sein. Die Qualen des Todes sind nur kurz, doch die der Reue werden deine Hölle sein.“

Hoffnung auf Erlösung

Gegen Ende des Oratoriums aber hofft Adam auf Erlösung der Welt und sieht den Brudermord als einen Teil des göttlichen Plans. Und so können Adam und Eva am Schluss des Oratoriums hoffnungsfroh verkünden: „Venture future beateci il sen.“ / Künftige Ereignisse, beglückt unser Herz.

Aktualität der Handlung

   Alle sechs Gesangssolisten treten in heutiger Alltagskleidung auf, was auf die Aktualität der Handlung hinweist. „Kain sind wir“ sagt Castellucci lapidar in dem im Programmheft abgedruckten Interview. Thomas Walker setzt seinen soliden Tenor für einen recht bodenständig  wirkenden Adamo ein, während die norwegische Sopranistin Birgitte Christensen der Rolle der Eva besorgte Mütterlichkeit abgewinnen kann. Das Brüderpaar ist mit den beiden Mezzosopranistinnen Kristina Hammarström (Caino) und Olivia Vermeulen (Abele) blendend besetzt.

Gott und Luzifer - beide gut bei Stimme

Der Stimme Gottes (la voce di Dio) verleiht der Countertenor Benno Schachtner  balsamischen Wohlklang und der finnische Bariton Arttu Kataja gibt der Stimme des Luzifer (Voce di Lucifero) einen verführerisch-dämonischen Ton. Alle sechs Solisten werden, wenn sie im zweiten Teil aus dem Orchestergraben singen, auf der Bühne durch namentlich aufgeführte Kinder gedoubelt. 

René Jacobs lobt Ottobonis Libretto

   René Jacobs preist das von Antonio Ottoboni verfasste Libretto zu »Il primo omicidio« in höchsten Tönen. Auch dessen Sohn, der Kardinal Pietro Ottoboni war als Libretto-Schreiber für  Scarlatti  von großer Bedeutung und förderte außerdem den jungen Händel.

Erweitertes Orchester für den großen Raum

Ausgehend von  der in Italien üblichen Gewohnheit, dass die Instrumentierung im frühen 18. Jahrhundert immer der Größe des Aufführungsraumes angepasst wurde, hat René Jacobs sein auf historischen Instrumenten spielendes B‘Orchestra für die Staatsoper Berlin entsprechend um einige Instrumente erweitert. Je zwei Oboen, Blockflöten und Posaunen hat er hinzugefügt; außerdem benutzt er je zwei Orgeln, Cembali und Lauten nebst einer Harfe für das Continuo. Geräuschmaschinen für Sturm und Donner ebenso. Ob sich diese erheblichen Veränderungen rechtfertigen lassen, sei dahingestellt.

Schlicht und streng: die Musik von Il primo omicidio

   Im Unterschied zu den Opern jener Zeit ist die Musik zu "Il primo omicidio" betont schlicht und streng, manchmal klingt sie sogar steif. Das ist natürlich ganz bewusst so komponiert, um den Hörer zu Kontemplationen über die Schöpfungsgeschichte anzuregen. Da auf dramatische Effekte, wie in der Oper üblich, verzichtet wird, ist selbst der Brudermord praktisch auf das rein Faktische reduziert.

Spannungsbogen fehlt

René Jacobs setzt sich zwar mit dem für ihn typischen, großen Engagement für dieses Oratorium ein, kann aber keinen über zwei Stunden andauernden Spannungsbogen aufbauen. Auch nutzt sich der Einfall der Regie, immer mehr Kinder auf die Bühne zu bringen, schnell ab. Schließlich hat auch die Imitation des Gesangs durch die Kinder etwas ungewollt Befremdliches, wenn nicht gar Komisches. Sehr freundlicher, aber enden wollender Applaus für alle.

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