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Kultur Ein letztes Foto von Mimì
Nachrichten Kultur Ein letztes Foto von Mimì
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15:48 29.01.2019
Von Jürgen Gahre
Jonathan Tetelman als Rodolfo und Nadja Mchantaf als Mimi. Quelle: Gregor Fischer
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Berlin

Rufus Didwiszus hat ihm ein Bühnenbild erstellt, das zum einen dem ärmlichen Milieu der vier in einem Dachboden hausenden Studenten entspricht, zum anderen aber auch eine ganz anrührende Poesie ausstrahlt. Im Hintergrund der Bühne ist eine undeutliche, verblasste Daguerreotypie einer jungen Frau zu sehen – ein eindrucksvolles Symbol für die schnelle Vergänglichkeit von Jugend und Liebe. Davor stehen schäbige, hohe, nach oben weisende Gerüste, die jegliches Gefühl von Geborgenheit oder Wärme verhindern. Ein einziger kleiner Kanonenofen ändert an dem frostigen Gesamteindruck nichts. Die Bohemiens können diese Dachkammer nicht durch eine Tür betreten, sondern müssen mühsam durch eine Lukentür klettern.

Rausch des Lebens im Café Momus

Innerhalb weniger Sekunden verwandelt sich das alles zu einer bunten Szene im Café Momus: In ihrer Rauschhaftigkeit und Exzessivität wirkt diese Szene wie ein wilder Traum von einem besseren Leben. – Eine trostlose Daguerreotypie von einer grauen Häuserwand lässt das muntere Treiben im Café Momus schnell vergessen.

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Unsentimentale Sterbeszene der Mimì

Die Sterbeszene der Mimì ist in Koskys Inszenierung von jeglicher Sentimentalität befreit und wirkt deswegen umso intensiver. Marcello, der hier kein Maler ist, sondern sein Geld mit Daguerreotypien verdient, macht von der aufrecht sitzenden Mimì ein letztes Foto. Rodolfo hat seine Hände liebevoll auf ihre Schultern gelegt und bemerkt lange Zeit nicht, dass seine Geliebte gestorben ist.

Liebenswerte Sängerriege

   Nadja Mchantaf ist eine liebenswerte, bescheidene Mimì, die aber durchaus auch weiß, was sie will: Innigkeit und Liebreiz verströmt sie in ihrer Arie „Mi chiamano Mimì“, und ihrem Abschied von Rodolfo (3. Bild) gewinnt sie in stetem Wechsel zwischen überbordendem Gefühl und Einsicht in die Notwendigkeit herzzerreißende Töne ab. In krassem Kontrast zu ihr steht die kesse Musette der quicklebendigen Vera-Lotte Böcker, die es manchmal mit ihren frechen Eskapaden zu weit treibt. Der junge amerikanische Tenor Jonathan Tetelman nimmt vom ersten Auftritt an für sich ein: Er sieht nicht nur blendend aus, sondern begeistert mit seiner vorzüglich fokussierten, geschmeidigen Stimme, deren Schmelz berückend ist. Es ist ein großes Vergnügen zu sehen, wie er in ausgelassener Laune allerlei Scherze mit Marcello (Günter Papendell), Schaunard (Dániel Foki) und Colline (Philipp Meierhöfer) treibt.

Clowneske Tobereien

Höhepunkt ihrer clownesken Tobereien ist die Imitation des Hausbesitzers Benoît, der die Miete eintreiben will. Abwechselnd übernimmt jeder von ihnen einen Teil seiner Partie bis er schließlich in Form eines Hutes durch die Luke hinaus befördert wird.

Frisches Dirigat

   Jordan de Souza, seit 2017 Kapellmeister am Haus, führt Chor und Orchester der Komischen Oper Berlin mit wundervoller Frische und Spontaneität durch die Partitur. Ihm gelingt ein spannungsgeladener Gesamtbogen, ohne den musikalischen Detailreichtum und die stimmungsvollen Klangvaleurs zu vernachlässigen. Das Premierenpublikum war begeistert!

Aufführungstermine

Weitere Aufführungen: 2., 8. und 14. Februar; 17., 22. und 30. März; 4., 19. und 28. April; 15. Mai; 29. Juni 2019. www.komische-oper-berlin.de

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