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Kultur Begeistertes Publikum bei Geburtstagskonzert
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07:38 18.08.2015
Von Christian Strehk
Christoph Eschenbach dirigierte sein Geburtstagskonzert selbst. Quelle: Axel Nickolaus
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Neumünster

Um 23.40 Uhr Ortszeit, nach gut viereinhalb Stunden Konzertmarathon, ist er eindeutig der Frischeste unter den gut 4000 in der aufjubelnden Holstenhalle Neumünster: Christoph Eschenbach frappiert als Dirigent, Konzertsolist und Kammermusiker wieder einmal maßlos. Der selbstgelenkte Ehrenabend anlässlich seines 75. Geburtstags vom 20. Februar endet im Triumph – und das, nachdem die krankheitsbedingten Absagen der japanischen Geigerin Midori und vor allem des chinesischen Klaviertitanen Lang Lang zunächst bei vielen für tiefe Enttäuschung gesorgt hatten."
"Rein künstlerisch besehen gibt es in der leidlich gut geeigneten Mehrzweckhalle keinen Grund zur Klage, eher gute Gründe zum Staunen. Das Schleswig-Holstein Festival Orchester wird von Eschenbach sozusagen auf den Felgen, aber mit rasanter Walzer-Kurvenlage, vibrierendem Boxermotor und entsprechend gewaltigem Tusch ins Ziel gelenkt. Und das ist gerade bei der prachtvoll vielgestaltigen Rosenkavalier-Suite von Richard Strauss keineswegs einfach. Wie in der Leonoren-Ouvertüre zu Beginn (mit unbeirrt starker Fernfanfare der Trompete!) oder der Onegin-Polonaise mittendrin erreicht der Chef-Charismatiker trotz eng bemessener Probenzeit ein Maximum an Atmosphäre und ein allemal beachtliches Maß an technischer Präzision."
"Im Parkett sitzt Martin Grubinger und darf zwei Stunden zuvor registrieren, dass man auch auf einer Geige tollkühne Dinge mit Tönen und Rhythmus vollbringen kann. Peter Tschaikowskys Violinkonzert ist dafür genau das richtige Stück. Und der Geiger Erik Schumann, dessen enorme Begabung schon mit 14 Jahren von Eschenbach gefördert wurde, ist der rechte Mann dafür. Mit geballter Energie, trefflich satter G-Saiten-Grundierung und blitzsauberen Höhenflügen feuert er die berühmte Zirkusnummer mit den hinreißenden Melodien ins Tonnengewölbe, lässt im langsamen Mittelsatz Herzen schmelzen und im Schlussspurt Münder offenstehen."
"Angesichts der lupenreinen Klarheit, mit der die Sopranistin Michaela Kaune tiefe Einblicke in das Seelenleben von Tschaikowskys Tatjana oder in Richard Strauss’ Weltabschiedsgesänge gewährt, wäre das auch im vokalen Sektor des Marathons angebracht. Aber die Briefszene aus Eugen Onegin und vor allem der Zyklus Vier letzten Lieder passen einfach nicht ins Riesenrund, erzeugen naturgemäß keinen Jubeldruck – und wenn sie noch so intelligent und schön ausgestaltet sind."
"Apropos Jubeldruck. Kann man Lang Lang ersetzen? Nein, kann man aufgrund seines populistischen Wirkungsgrades garantiert nicht. Aber wenn man Eschenbach heißt, dann kann man einfach mal im Orchesterrund herumfragen, was denn zuletzt (mit Christian Zacharias nämlich) für ein Mozart-Exkurs zelebriert wurde. Und dann kann man sich innerhalb von 48 Stunden selber an das zauberhafte A-Dur-Klavierkonzert KV 488 erinnern, um es dann auswendig vom Flügel aus zu spielen und zu dirigieren. Das geschieht hier mit einer Selbstverständlichkeit und Eleganz, einer mozärtlichen Innigkeit bisweilen, die zum Hinhören und Genießen geradezu zwingt. So wie der stets milde lächelnde Maestro als Mittendrin-Zugaben mit Freund Erik Brahms-Kammermusik macht oder Schumanns Träumerei in Zeitlupe verschweben lässt."
"Zu schön, um wahr zu sein, wenn SHMF-Intendant Christian Kuhnt sich zu Recht für den Zahlendreher im Programmheft entschuldigt hätte und dieser große, nimmermüde Musiker tatsächlich noch 57 Jahre jung wäre.

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