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Kultur Tiefenbohrung mit Bellini
Nachrichten Kultur Tiefenbohrung mit Bellini
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17:05 29.01.2019
Mobbing im Klassenzimmer für eine Teenagerschwangerschaft. Quelle: Bernd Uhlig
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Berlin

Das von Anna Viebrock erstellte Bühnenbild verdeutlicht auf eindringliche Weise, dass das Schweizer Dorf, wo die Oper spielt, am Ende der Welt gelegen ist und kaum Kontakte nach draußen hat. Die klotzigen braunen Schränke in einem geräumigen Treppenhaus, die ungeleerten Briefkästen, die klobigen Sitzgelegenheiten und die gescheuerten Tische deuten darauf hin, dass die Welt der Dorfbewohner eine sehr enge ist und es genug Raum für Aberglauben, Vorurteile und strenge Moralvorstellungen gibt.

Unbewusste Schwangerschaft

Ein Mädchen, das nachtwandelnd im Bett eines fremden Mannes landet, kann da natürlich auf keinerlei Verständnis hoffen. Die Katastrophe ist komplett, als das Bettlaken auch noch blutverschmiert gefunden und allen Umstehenden gezeigt wird. Niemand aber kann ahnen, dass Amina – wie Kleists Marquise von O. – eine ihr selbst unbewusste Schwangerschaft hatte: ihre Ziehmutter zeigt dann auch den blutigen Fötus als Beweis herum.

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Verkomplizierung der Handlung

Wieler und Morabito greifen den ursprünglichen, dann aber von Bellini verworfenen Plan des Librettisten Romani auf, dass nämlich der Graf Rodolfo Aminas Vater ist, der die von ihm so schlecht behandelte Geliebte in dem jungen Mädchen wieder erkennt und nun von Reue und Gewissensbissen heimgesucht wird. Die gleich nach der Geburt von Amina verstorbene Mutter taucht mehrmals in einer stummen Rolle als Geist auf, zum Entsetzen des Grafen. Diese dem Libretto hinzugefügte psychologische Tiefenbohrung aber kompliziert die Handlung erheblich.

Lupenrein singende Amina

   In einer so engstirnigen Dorfgemeinschaft hat es ein sensibles Mädchen wie Amina schwer: Von Anfang an steht sie praktisch neben sich, ist verunsichert, verbirgt sich in Ecken und möchte eigentlich gar nicht so richtig wahrgenommen werden. Verena Gimadieva gestaltet den komplexen, schüchternen Charakter der Amina mit lupenreinem, schwerelosem Sopran und singt hinreißend schön.

Geläufige Tenor-Kehle

Auch Jesús León ist den Schwierigkeiten seiner Rolle als Elvino vollauf gewachsen. Seiner geläufigen Kehle entströmt schönster Belcanto, und die Spitzentöne seiner Partie nimmt er mit Bravour. Aus dem Liebesduett am Ende des ersten Aktes haben Wieler und Morabito eine halb komische, halb tragische Studie über verklemmte Sexualität gemacht: Die beiden möchten körperlich zueinander finden, wissen aber nicht „wie das geht“ und gebärden sich entsprechend grotesk.

Exzellente Personenführung auch im Chor

   Der voll tönende, profunde Bass des Ante Jerkunica eignet sich vorzüglich für die Rolle des Grafen Rodolfo, und Alexandra Hutton ist eine quicklebendige, mit allen Wassern der raffinierten Verführungskünste gewaschene Lisa. Die exzellente Personenführung bezieht auch den Chor mit ein und macht aus ihm eine Gemeinschaft individueller Persönlichkeiten.

Gekonnter Einspringer des Dirigenten

Stephan Zilias musste kurzfristig für den eigentlich vorgesehenen Diego Fasolis einspringen. Er hat Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin nicht nur sicher, sondern auch mit Feingefühl für die subtilen Klangvaleurs der Partitur geführt. Das Premierenpublikum spendete stürmischen Applaus, das Regieteam aber wurde mit einigen Buhs bedacht.

www.deutscheoperberlin.de

Von Christian Strehk

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