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Kultur Sprudelnder Quell der Erinnerungen
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14:00 23.05.2019
Von Thomas Bunjes
Ben Becker kennt die deutschen Balladen von geselligen weihnachtlichen Abenden in seinem Elternhaus. Quelle: www.faceland.com
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Neumünster

Auf dem Plakat zu der musikalischen Lesung rinnt eine Träne Ihre rechte Wange hinab. Was symbolisiert die?

Ben Becker: Die symbolisiert den „Ewigen Brunnen“. Und dass die meisten all dieser alten Geschichten und Balladen eine große Traurigkeit in sich tragen. Wir sind hier nicht bei Mario Barth. Egal, ob es „Der Zauberlehrling“ ist oder „Der Handschuh“ oder der Heine mit seinem Ritter Olaf oder „Der Heideknabe“ von Hebbel oder „Die Kraniche des Ibykus“: Es geht immer ans Existenzielle bei den Geschichten, die einen wirklich ergreifen. Das mag auch mal komisch sein, das trägt aber wie unser aller Leben eine große Traurigkeit in sich. Die haben „Die Geissens“ bei RTL 2 vielleicht nicht oder tragen sie momentan jedenfalls nicht zu Markte – deswegen interessiert mich das auch nicht so, gucke ich manchmal, aber eigentlich doof ... Große Literatur, ob das Dostojewski ist, ich gucke gerade auf meine Bibliothek, ob das Tschechow ist, ob das Joseph Conrad, mein Liebster von allen, ist: Es ist immer eine große Tiefe darin. Das Leben ist endlich, da haben alle Angst vor. Und das stimmt traurig. Ich lache wirklich gerne, auch an diesem Abend übrigens sehr, sehr viel, auf der anderen Seite werde ich dann wieder todernst und dann geht’s ans Eingemachte.

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Wie kam es zu der Idee zu dieser musikalischen Literatur-Performance?

Der Abend ist entstanden nach „Die Bibel“. Da haben wir so groß aufgefahren und sind in großen Stadien rum, und dann habe ich zu meinem langjährigen Freund und musikalischen Begleiter Yoyo Röhm gesagt: Lass uns mal was anderes machen, was Kleines, so wohnzimmermäßig. Wie man vor Freunden etwas vorführt. Und habe da zurückgegriffen auf meine Jugenderfahrung, was Weihnachten angeht. Das war es bei uns zu Hause Tradition, dass wie bei Tschechow viele Schauspieler zusammenkamen an einem großen Tisch, es gab was zu essen und Rotwein. Heute gucken die Leute RTL 2 oder so zu Weihnachten, wir haben uns damals gegenseitig Gedichte und Balladen vorgelesen aus eben Ludwig Reiners Gedichte- und Balladensammlung. Das habe ich aufgegriffen: Lass uns diese Gedichte lesen, die sie uns alle im Deutschunterricht aufdiktiert haben, wir sollen die bitte auswendig lernen. Wo wir gesagt haben: Ihr habt ’ne Macke! „Die Kraniche des Ibykus“. Wer zum Teufel ist Ibykus? Um zu ihnen ein ganz direkten Kontakt zu finden und um sie, wie es in irgendeinem Pressetext steht, zu entstauben. 

Bedürfen denn diese Balladen denn tatsächlich so dringend einer Entstaubung?

Nein, bedürfen sie nicht. Entstaubt werden muss, was auf ihnen liegt. Der Zwang, als kleiner Junge nach Hause zu gehen und „Die Kraniche des Ibykus“ oder so zu lernen – das ist ja furchtbar. Aber daran Spaß zu haben, den zu entdecken, das hat man mir als kleiner Junge so nicht mitgegeben. Also: Becker, Deutsch, 5! Das habe ich später erfahren. Und in der Form, über mein Elternhaus, habe ich mir gewünscht, es weiterzutragen. Und habe daraus einen Abend gemacht, der mir nach jetzt fast 100 Vorstellungen immer noch große Freude bereitet. Was man mir vorwirft ist, dass ich dazwischen sehr privat aus dem Nähkästchen plaudere, wo einige sagen: Das hat er nicht nötig, er liest so schön. Und ich sage: Nein, dann wäre es nicht mein Abend. Denn sie sind ja bei mir zu Weihnachten eingeladen. 

Wie lebhaft sind die Erinnerungen an diese Abende damals in Ihrem Elternhaus?

Oh, die werden mein Leben lang unvergessen sein. Da saß ja von Peter Falk bis hin zu seinem Freund John Cassavetes ... wer da alles am Tisch saß, das glauben Sie gar nicht – bis hin zu meinem Onkel Jonny Buchardt und den Großen, die damals unter Peter Stein gearbeitet haben inklusive ihm selber. Es wurde zwischendurch Klavier gespielt oder der Sohn von Bruno Ganz sang plötzlich „Father And Son“ auf der Gitarre. So artete ein solcher Abend aus, und mein Vater musste so oft in den Weinkeller, bis er nicht mehr konnte.

Vita

Der Schauspieler und Sänger Ben Becker wurde am 19. Dezember 1964 in Bremen geboren und lebt heute in Berlin. Er ist der Sohn des Schauspieler-Ehepaars Rolf Becker und Monika Hansen. Seine Schwester Meret Becker ist ebenfalls Schauspielerin wie es auch sein Stiefvater Otto Sander war. Ben Beckers Großmutter war die Komikerin Claire Schlichting, sein Onkel der Komiker Jonny Buchardt. Bereits als Kind hatte Ben Becker kleinere Filmrollen und sprach in Hörspielen. Nach Schauspielunterricht machte er am Theater Karriere, später auch noch im Film, etwa in Joseph Vilsmaiers „Schlafes Bruder“, in der Filmbiografie „Comedian Harmonists“ oder neben seiner Schwester Meret in dem Märchenfilm „Die kleine Meerjungfrau“. Er veröffentlichte vier Kinderbücher mit der Hauptfigur Bruno, ein Junge mit grünen Haaren. Große Erfolge feierte Ben Becker auch mit seinen Performances wie „Ich, Judas“ oder „Die Bibel – Eine gesprochene Symphonie“.

Nach welchen Kriterien haben Sie denn aus den über 1600 Balladen im „ewigen Brunnen“ ausgewählt? 

Nach denen, die mich in meiner Kindheit und frühen Jugend bewegt haben. Wenn ich zwischendurch in diesem Buch blättere, gucke ich immer, ob ich noch mal was Neues finde. Und man findet tatsächlich immer wieder etwas Neues, da gehen immer wieder Türen auf. Ich kann den „Zauberlehrling“ von Goethe nicht einfach so rausschmeißen und sagen: Da hab’ ich heute keinen Bock drauf!. Da gibt’s schon ein paar Sachen, die sind fester Bestandteil, aber manchmal tausche ich den einen Heine gegen den anderen Heine aus. 

Sie tragen auch neuere Lyrik vor, auch in Liedform wie bei Rio Reisers „Übers Meer“.

Das ist ja nun auch nicht mehr neu. Der Mann ist ja schon vor ein paar Jahren von uns gegangen, insofern ist „Übers Meer“ ein absoluter Klassiker.

Interview: Thomas Bunjes

Freitag, 24. Mai, 20 Uhr, Theater in der Stadthalle Neumünster, Kleinflecken 1.

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