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Kultur Netzförmige Gedanken
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15:00 29.05.2019
Von Ruth Bender
Humboldt-Expertin: Die Autorin Andrea Wulf begab sich auf die Spuren des Naturforschers und Universalgenies. Quelle: Andrea Wulf
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Kiel.

Hatte Andreas Wulf 2016 nicht nur die Lebensgeschichte des Naturforschers und Universalgenies erzählt, sondern auch, wie er Klimawandel und Umweltsünden voraussah und schon Anfang des 19. Jahrhunderts für einen pfleglichen Umgang mit der Natur plädierte, ist die neu erschienene Graphic Novel betörend schön, spannend lehrreich wie abenteuerlich. Für die anschauliche Aufarbeitung wurde sie gerade hoch ausgezeichnet mit der Lichtenberg-Medaille der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.

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Frau Wulf, Sie beschäftigen sich jetzt seit rund zehn Jahren mit Alexander von Humboldt – gibt es noch eine Frage, die Sie ihm heute gern stellen würden?

Das wäre eine Frage, die auch mir viele Menschen stellen und auf die ich keine Antwort habe: Ich würde Humboldt nach dem Klimawandel fragen und ob er dazu ein paar Ideen hätte. Schließlich ist er derjenige, der als erster von dem vom Menschen verursachten Klimawandel sprach.

Nicht nur damit scheint der Wissenschaftler im Denken seiner Zeit voraus gewesen zu sein. Das zeigen Sie in Ihrer Biografie wie auch jetzt in der Graphic Novel über seine Südamerika-Reise.

Humboldt greift Themen ab, die wir heute diskutieren. Das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, seine Vorbehalte gegen den Kolonialismus. Wichtig war mir beim Schreiben, dass alles historisch und wissenschaftlich korrekt ist. Auch wenn ich die Dialoge fiktionalisiert habe – die Fakten sind allesamt Humboldts Tagebüchern entnommen. Anfangs habe ich versucht, auch die Dialoge in den Sprechblasen direkt aus den Tagebüchern zu zitieren. Aber das klang so furchtbar gestellt, dass ich es doch modernisiert habe. Aber im Buch ist nichts erfunden. Zum Beispiel seine Besuche auf dem Pichincha-Vulkan: Beim zweiten Mal bebt die Erde unter Humboldts Füßen und in Quito wird gemunkelt, er habe Schießpulver in den Krater geworfen, damit er wieder Feuer spucke. Solche Anekdoten finden sich in seinen Tagebüchern.

Warum eignet sich Humboldts Leben so gut für eine Graphic Novel?

Ende 2013 hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz seine legendären Südamerika-Tagebücher erworben, ab Ende 2014 waren sie online verfügbar. Wenn man diese Bücher sieht, 4000 eng bekritzelte Seiten, mit unzähligen Zeichnungen, dann erkennt man schnell, dass Humboldt auch eine künstlerische Seite hatte. Und ich wollte ein Buch machen, dass diese Verbindung von Kunst und Wissenschaft zeigt.

4000 Seiten Tagebücher, Briefe, Kupferstiche, Pflanzenproben – was haben Sie aussortiert?

In „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“ geht es ja ausschließlich um die fünf Jahre von 1799 bis 1804 in Südamerika. Und es hat unheimlichen Spaß gemacht, sich darauf zu konzentrieren – weil es eben auch ein Abenteuer war. Humboldt war neben mir und Illustratorin Lillian Melcher quasi unser dritter Mitarbeiter.

Wie ging das?

Humboldt schreibt nicht einfach eine Seite voll, er klebt immer wieder Zettel mit neuen Ideen darauf: hier einer, da noch einer und so endet man in einer mehrschichtigen Collage seiner Gedanken. Daran sieht man auch, dass er nie linear, sondern immer netzförmig denkt. Für Lillian ist das die Inspiration für ihre Collagen geworden. Humboldts Manuskripte waren die Inspiration für ihre Bildsprache.

Sie haben bei der Recherche nicht nur im Archiv und am Computer gesessen – Sie sind auch auf Humboldts Spuren gereist…

Ja … ich muss diese Landschaften sehen, damit ich sie beschreiben kann. Mir ist es wichtig, dass der Leser Humboldt durch den Orinoco paddeln sieht oder auf den Chimborazo klettern. Aber ich wollte auch selbst möglichst körperlich begreifen, was Humboldt empfunden hat. Und mit jedem schweren Schritt auf den Chimborazo ist meine Bewunderung gestiegen. Ich hatte schließlich weder 42 technische Instrumente dabei, noch Probleme mit meinem Schuhwerk.

Wo sehen Sie heute seine Bedeutung?

Es ist seine vielseitige Begabung, die Humboldt heute so relevant macht. Seinen 100. Geburtstag hat man überall in der Welt groß gefeiert, aber später ist vergessen gegangen, wie wichtig er war. Er hat schon früh erklärt, wie Kolonialismus und die Zerstörung der Natur zusammenhängen, war lebenslanger Gegner der Sklaverei. Er hat sich als Weltbürger bezeichnet und ist der vergessene Vater des Umweltschutzes. Er hat sich nicht in eine Kategorie hineinpferchen lassen, wie wir das heute tun.

Wie meinen Sie das?

Heute werden die Kinder schon in der Grundschule eingeteilt: künstlerisch-intuitiv oder analytisch-logisch. So wird sehr früh festgelegt, wer wir sind. Ich aber halte es für sehr wichtig, dass diese Kategorien wieder aufgebrochen werden. Es gibt sie ja erst seit 150 Jahren. Leonardo Da Vinci hat sich schließlich genauso für Ingenieursprojekte wie für die Kunst und die Botanik interessiert. Goethe hat Theater und Lyrik geschrieben – besaß aber auch eine Steinsammlung mit 18000 Stücken. Und er schrieb über Optik und Farbenlehre.

Und warum brauchen wir heute diese Universalgenies?

Gerade im Klimawandel ist die Debatte viel zu stark von Geoingenieuren und Naturwissenschaftlern dominiert. Der Mensch kommt aus der Natur; das ist das Umfeld, in dem unsere Vorstellungskraft geformt worden ist. Humboldt hat da etwas angestoßen, das heute wieder stärker beachtet wird. Und da sollten auch Dichter und Künstler mitsprechen.

Mehr Kultur aus der Region auf www.kn-online.de/kultur

Hohe Auszeichnung für Andrea Wulf

Die Kultur- und Wissenschaftshistorikerin Andrea Wulf wird am 28. Juni von der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen mit der Lichtenberg-Medaille ausgezeichnet.

Nach mitreißend geschriebenen Büchern über englische und amerikanische Gartenbaukunst oder die weltweite Kooperation von Astronomen in den 1760er Jahren ("Die Vermessung des Himmels") widmet sie sich in "Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur" dem abenteuerlichen Leben und dem wissenschaftlichen Werk Alexander von Humboldts (1769–1859). Die Göttinger Akademie, so ihr Präsident Prof. Andreas Gardt, würdige mit ihrer Auszeichnung eine Autorin, die den Zusammenhang von Ideen- und Naturgeschichte sowie die Internationalität der wissenschaftlichen Forschung im Zeitalter der Aufklärung höchst anschaulich mache – für ein globales, auch nichtakademisches Publikum.

Nach ihrem vielfach preisgekrönten biografischen Bestseller legte Andrea Wulf anlässlich des bevorstehenden 250. Geburtstags des großen deutschen Naturforschers (14. September) ein farbenprächtiges, opulent illustriertes Buch über Humboldts berühmte Südamerikaexpedition vor. Angeregt von seinen Tagebüchern, Kupferstichen, Skizzen, Landkarten und präparierten Pflanzen, erzählt sie die Geschichte seiner Reise aus einer völlig neuen Perspektive: anhand Humboldts eigener Tagebuchaufzeichnungen, die erst vor kurzem zugänglich gemacht wurden.  Zeichnungen der New Yorker Illustratorin Lillian Melcher fangen Szenen der Expedition ein. 

Auszüge aus "Die Abenteuer des Alexander von Humboldt" von Andrea Wulf mit Illustrationen von Lillian Melcher