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Kultur Bruce Springsteens Lebensbeichte im Fahrradkeller
Nachrichten Kultur Bruce Springsteens Lebensbeichte im Fahrradkeller
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07:10 15.12.2018
„Mr. Born to Run“: Bruce Springsteen. Quelle: Rob DeMartin
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New York

Bruce Springsteen ist der wohlhabende Held der Arbeiterklasse, der gute Mensch von Amerika – und nun auch ein Broadwaystar. Nach 236 Aufführungen endet heute „Springsteen on Broadway“, seine komplett ausverkaufte One-Man-Show im Walter Kerr Theatre in New York. Springsteens Plattenfirma und der Streamingdienst Netflix veröffentlichen derweil Mitschnitte, aufgezeichnet an zwei Abenden im Juli.

Das erste Wort, das der 69-Jährige auf der Bühne sagt, lautet „DNA“. Es klingt, als handele es sich um ein dunkles Versprechen. Springsteen erzählt von seiner Kindheit, von seinen Eltern, von der Stadt, in der er „von Gott und seiner Verwandtschaft umzingelt“ aufwuchs. Gegen seine DNA, die geerbten und anerzogenen Eigenarten, kämpft er bis heute an. Er weiß aber auch, dass sie ihn zu dem mitfühlenden Singer-Songwriter gemacht hat, der er ist.

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Sein Vater förderte ihn im Gegensatz zu seiner lebensfrohen Mutter nicht, sondern verweigerte ihm viele Jahre die Anerkennung. Häufig musste der Sohn den Vater aus der Kneipe holen, dessen „zweitem Zuhause“. Douglas Springsteen rauchte, soff und grübelte. Er war manisch-depressiv. Über seine Ängste konnte er nicht sprechen. Springsteen dagegen hat dies gelernt.

„Ich habe nie von neun bis 17 Uhr gearbeitet und nie fünf Tage in einer Woche“: Bruce Springsteen. Quelle: Rob DeMartin

Minutenlange Ansagen kennt man von seinen Konzerten. Am Broadway weitet er sie zu einem Monolog mit Musik aus. Die Show ist kein Theaterstück, auch kein Musical. Bisher gibt es nichts Vergleichbares.

Dass Springsteen eine ramponierte Seele hat, offenbarte er schon in seinen Memoiren „Born to Run“. Mit 32 begann er eine Therapie. Sie sollte 30 Jahre dauern. Die autobiografische Veranstaltungsreihe scheint das stolze Ergebnis der Selbstrettung zu sein – wie schon sein Buch, auf dem die Show basiert.

Das lukrative Springsteen-Konzept

Fans kommen dem Superrocker in dem nur knapp tausend Zuschauer fassenden Theater so nah wie selten. Auch finanziell ist die Show ein Hit. 111 Millionen Dollar hat sie bis Anfang dieser Woche eingespielt. Die Ticketpreise von 75 bis 850 Dollar waren auch für Broadwayverhältnisse relativ hoch. Der Aufwand war dagegen im Vergleich zu anderen Produktionen gering. Schließlich bestand die Besetzung nur aus einem Alleinunterhalter mit Gitarre und Flügel, der in einer Art Fahrradkellerkulisse auftrat. Am Broadway munkelt man, dass demnächst andere Musiker und Theater das lukrative Springsteen-Konzept kopieren werden.

Das Walter Kerr Theatr in New York. Quelle: Rob DeMartin

„Springsteen on Broadway“ ist tief bewegend, melancholisch und witzig. „Ich habe nie von neun bis 17 Uhr gearbeitet und nie fünf Tage in einer Woche“, sagt er und fügt hinzu: „Bis jetzt“, womit er die 236 Shows am Stück meint. Der 69-Jährige plaudert, das Publikum lacht. Er singe über hart arbeitende Menschen, ohne jemals den Fuß in eine Fabrik gesetzt zu haben. „Ich habe mir das alles ausgedacht. Darin bin ich gut.“ Warum er Lieder über Arbeiter schreibe? Weil sein Vater einer war. „Mein Vater war mein Held.“

Große Songs des Aufbruchs

Der Musiker lacht viel über sich selbst. Er erzählt, dass er, von Elvis erweckt, der Enge entkommen wollte, dass er, der selbst ernannte „Mr. Born to Run“, geboren sei, um abzuhauen. „Und heute lebe ich zehn Minuten von dem Ort entfernt, wo ich groß geworden bin.“ Springsteen spielt seine Erkennungsmelodie am Schluss. Er singt auch „Thunder Road“ und „The Promised Land“, seine anderen großen Songs des Aufbruchs

Abend für Abend (mit wenigen Ausnahmen) hatte er dieselbe Liederliste. Das ist für ihn ungewöhnlich, denn sonst tauscht er viele Stücke von Auftritt zu Auftritt aus. Die von ihm an der 48. Straße präsentierten 15 Titel sind wohl die Lieder seines Lebens. Zwei, „Tougher Than the Rest“ und „Brilliant Disguise“, singt er im Duett mit seiner Frau Patti Scialfa. Es ist die Liebe seiner Familie, das wird klar, die für ihn eine befreiende, heilende Wirkung hat.

Zwei Lieder singt Bruce Springsteen mit seiner Frau Patti Scialfa. Quelle: Danny Clinch

Zwei Songs haben sein Profil als besorgter Chronist, der die Kluft zwischen amerikanischem Traum und Wirklichkeit beleuchtet, besonders geschärft. „Born In the U.S.A.“, im Original eine Fanfare, wird am Broadway in der rohen, auf das Wesentliche reduzierten Fassung zum Protestsong gegen die zunehmende Spaltung Amerikas. „The Ghost of Tom Joad“ richtet er gegen die unmenschliche Trump-Politik, Familien an der südlichen Landesgrenze zu trennen. Auch „Land of Hope and Dreams“ singt er; es ist sein „Imagine“.

Springsteens Lebensbeichte kann auch das Publikum zu einer Bilanz inspirieren. Die Gabe, diese außergewöhnliche Verbindung zu seinen Fans herzustellen, nennt er seinen „magic trick“. Man fragt sich im Verlauf der Show selbst: Bin ich zufrieden? Vielleicht sogar glücklich? Welche Voraussetzungen hatte ich? Was habe ich aus meinen Möglichkeiten gemacht? Konnte ich mich befreien, selbst finden oder selbst verwirklichen? Springsteen hat das wohl geschafft.

Von Mathias Begalke/RND