Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kultur Cannes eröffnet mit „The Dead Don’t Die“: Auch Zombies wollen Internet
Nachrichten Kultur Cannes eröffnet mit „The Dead Don’t Die“: Auch Zombies wollen Internet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:39 15.05.2019
Das Zombieteam an der Croisette: Chloe Sevigny (v. l.) , Adam Driver, Jim Jarmusch, Tilda Swinton, Bill Murray, Luka Sabbat und Carter Logan auf dem roten Teppich von Cannes vor der Premiere von „The Dead Don’t Die“. Quelle: imago images / UPI Photo
Cannes

Böse Zungen behaupten, Regisseur Jim Jarmusch habe Iggy Pop für seine Zombie-Komödie „The Dead Don’t Die“ vor allem deshalb gecastet, um Make-up-Kosten zu sparen. Der „Godfather of Punk“ würde auch ohne den Umweg in die Maske als Untoter durchgehen. Die Probe aufs Exempel fiel in Cannes auf dem roten Teppich leider aus: Ausgerechnet Iggy Pop fehlte bei der Eröffnung der 72. Filmfestspiele.

Frisch aus den Gräbern aufs größte Filmfest der Welt

Dafür wirkten die anderen Jarmusch-Stammkräfte – darunter Bill Murray, Tilda Swinton, Adam Driver sowie Chloë Sevigny – ziemlich lebendig an der Seite ihres Regisseurs. Okay, Murray nickte kurz weg, als der Zeremonienmeister auf der Bühne allzu salbungsvoll das Gemeinschaftserlebnis Kino beschwor, das zu verteidigen Cannes mit aller Entschlossenheit angetreten ist.

„The Dead Don’t Die“: Viele Wiedergänger in Cannes

Noch bösere Zungen sagen, Regisseur Jarmusch zähle selbst zu den Wiedergängern in Cannes, von denen das diesjährige Programm mit Ken Loach, den Dardenne-Brüdern, Pedro Almodóvar oder auch Terrence Malick nur so strotze. Wer einmal im Club aufgenommen ist, darf immer wieder vorbeischauen – sollen sich doch ander mit der Frage quälen, ob Streamingdienste und Smartphones dem Kino die Seele stehlen.

Zuletzt war Jarmusch vor drei Jahren mit gleich zwei Filmen vor Ort: mit der poetischen Busfahrer-Geschichte „Paterson“ (mit Adam Driver) und der Musikdoku „Gimme Danger“ über die Stooges. Ebenso liefen seine frühen Filme in Cannes, etwa „Stranger than Paradise“ (1984), „Down by Lay“ (1986), „Dead Man“ (1995) oder „Ghost Dog“ (1999).

2013 überraschte der Regisseur mit „Only Lovers Left Alive“: Der Autorenfilmer begab sich unter die Vampire. Tilda Swinton verwandelte sich in eine kultivierte Blutsaugerin in der zur Geisterstadt gewordenen Autometropole Detroit. Der Zuschauer wurde das Gefühl nicht los, dass die unangenehmeren Wesen wir Menschen sind – eine Spezies, die ihre eigene Lebensgrundlagen hemmungslos zerstört.

„The Dead Don’t Die“ – Seltsames passiert in Centerville

So einen individuellen Zugriff verfolgt Jarmusch nun auch bei seinen Zombies. Seltsame Dinge spielen sich in einem Kaff namens Centerville ab: Erst will die Sonne nicht untergehen, dann flüchten Kühe und Katzen in die Wälder, und schließlich steigen die Untoten aus ihren Gräbern, torkeln durch die Straßen und verbeißen sich in die Eingeweide der Einwohner. Die drei Dorfpolizisten (Murray, Driver, Sevigny) gehen dem Phänomen mit erstaunlichem Gleichmut nach, aber nie ernsthaft auf den Grund.

Der vor knapp zwei Jahren gestorbene Horrorkino-Pionier George A. Romero („Die Nacht der lebenden Toten“) würde sich bei diesem Film, nun ja, im Grab umdrehen – vor Überraschung: Jarmusch versucht, so wie es auch Romero stets tat, dem Genre einen gesellschaftspolitischen Subtext einzuziehen.

Der schlimmste Hinterwäldler (Steve Buscemi) trägt auf seiner Mütze den irren Aufdruck „Keep America White Again“. Das erinnert an einen anderen Amerikaner und dessen berüchtigsten Spruch „Make America Great Again“.

„The Dead Don’t Die“ – Schuld an der Zombieseuche hat der Mensch

Hintergrund für den Zombie-Aufstand ist die aus dem Ruder gelaufene Erdrotation, weil unser Planet jetzt auch an den Polen mit Fracking malträtiert wird. Das haben Wissenschaftler herausgefunden. Aber wer glaubt schon Wissenschaftlern? Das tun Trump-Wähler ja auch nicht, ganz egal, ob die Zeichen der heraufziehenden Klimakatastrophe unübersehbar sind.

Vor allem aber werden die Untoten von spezifischen Wünschen angetrieben - je nachdem, was sie schon zu Lebzeiten am liebsten getan haben. Nun ergeben sie sich endgültig dem besinnungslosen Konsum: Die eine verlangt bei ihrer Rückkehr nach Chardonnay, der andere nach Kaffee, und ganze Kohorten ziehen mit dem in der Nacht leuchtenden Handy in der Hand herum und suchen einen zuverlässigen Wifi-Anschluss. Diese Zeitgenossen kennen wir.

Zustimmendes Kopfnicken erntet Jarmusch mit diesem Film allemal. Kenner dürfen sich auch über die vielen filmischen Bezüge freuen. Und doch ist hier vieles nur bedingt witzig. Das gilt auch für die sich bis zur Ermüdung wiederholenden Dialoge um den Countrysong „The Dead Don’t Die“ von Sturgill Simpson, der ständig im Autoradio dudelt.

„The Dead Don’t Die“ – Jim Jarmusch gehen die Ideen aus

Jarmusch hat sich offenbar einen netten Spaß machen wollen. Dann sind ihm die Ideen ausgegangen. Irgendwann lässt er die Zombie-Jäger sogar das Drehbuch kommentieren und verabschiedet sich damit endgülltig von jeglicher inneren Logik.

Die Einzigige, die zielstrebig ihren Weg geht, ist die schottische Betreiberin des örtlichen Bestattungsunternehmens: Tilda Swinton schwingt elegant ihr Samurai-Schwert - und findet einen umso abstruseren Ausgang aus der sich verläppernden Geschichte. Sie könnten darauf hindeuten, dass sich Jarmusch schon wieder mit noch viel verrückteren Filmideen beschäftigt.

Von den alten Meistern in Cannes ist in den nächsten eineinhalb Wochen hoffentlich mehr zu erwarten als von diesem halbherzigen Jarmusch-Streich. Zombie-Freunde aber sollten sich den 13. Juni vormerken: Dann kommen die Untoten in die deutschen Kinos.

„The Dead Don’t Die“ – Filminfo

• Kinostart Deutschland: 13. Juni

• Regisseur: Jim Jarmusch

• Darsteller: Bill Murray, Steve Buscemi, Tilda Swinton

• Genre: Horrorkomödie

• Dauer: 103 Minuten

• FSK: noch keine Angabe

Von Stefan Stosch/RND

Das Gemälde von Claude Monet zeigt einen Heuhaufen in der Sonne – und zwar einen sehr teuren: Das Kunstwerk kam am Dienstag für einen Rekordpreis unter den Hammer.

15.05.2019

Es gibt Streit ums alternative „Fusion“-Festival in Mecklenburg. Die viertägige Veranstaltung mit Zehntausenden Besuchern bezeichnet sich gern mal als „Ferienkommunismus“ und will keine Polizei auf ihrem Gelände. Was sagen die Bewohner des Dorfs Lärz?

15.05.2019

Eine neunköpfige Jury entscheidet beim Festival in Cannes über die Siegerfilme. Deren Präsident Alejandro González Iñárritu scheint es vor dem 25. Mai zu grauen: Wenn seine Jury einem Film die Goldene Palme gibt – und 20 anderen nicht.

15.05.2019