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15:41 19.10.2018
Vor der Kamera fühlt sie sich am wohlsten: Catherine Deneuve. Quelle: Foto: Gregor Fischer/dpa
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Berlin

Wer ihr begegnet, spürt ihren Ausnahmestatus sofort: Vor ein paar Jahren saß Catherine Deneuve in einer genauso riesigen wie hässlichen Suite eines Berliner Hotels, rauchte Zigarette um Zigarette – und weder das aufmerksame Personal noch der empfindliche Rauchmelder an der Decke wagten es, sie bei diesem Laster zu stören.

Man sagt einfach: die Deneuve

In Berlin bekam Deneuve den Europäischen Filmpreis fürs Lebenswerk. Die Auszeichnung empfand sie beinahe als Beleidigung: „Das ist keine schöne Bezeichnung: Ich bin noch am Leben. So ein Preis klingt immer ein bisschen gefährlich, aber ich werde gewiss auch künftig Filme drehen“, bemerkte sie im Gespräch zwischen zwei Zigaretten. „Vor der Kamera zu stehen, ist Teil meines Lebens.“

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Seit mehr als einem halben Jahrhundert steht sie, die am 22. Oktober ihren 75. Geburtstag feiert, nun schon vor der Kamera. Ihren Durchbruch erlebte sie 1964 mit Jacques Demys „Die Regenschirme von Cherbourg“. Heute gehört zu jenen ganz wenigen Schauspielerinnen, bei denen man den Vornamen getrost weglassen darf. Man sagt einfach: die Deneuve.

Vorbild für die „Marianne“

Erstaunlich früh begann die Deneuve, gegen ihr Image als Ikone mit makelloser Oberfläche anzuspielen – und riskierte dabei durchaus auch mal einen Skandal. In Roman Polanskis „Ekel“ (1965) mordete sie als introvertierte Angestellte eines Schönheitssalons voller Panik Männer. Ihre Arztgattin in Luis Buñuels „Belle de Jour – Schöne des Tages“ (1967) verwirklichte im Bordell masochistische Zwangsvorstellungen (nicht nur) ihrer männlichen Klientel. Für Lars von Trier verwandelte sie sich im Musical „Dancer in the Dark“ (2000) in eine Fabrikmalocherin mit Kopftuch. Und in „Acht Frauen“ (2002) machte sie umstandslos einen Schritt zurück in ein weibliches Ensemble.

Aber was hilft’s, wenn jemand so sehr hervorsticht wie sie: Als ihre Landsleute 1985 wieder mal ein Modell für die nationale Symbolfigur „Marianne“ suchten, fiel die Wahl auf Deneuve. Isabelle Adjani, Juliette Binoche oder andere, jüngere, hatten keine Chance.

Anfang dieses Jahr allerdings stieg Deneuve so überraschend von ihrem Monument herunter, dass manchem wohl lieber gewesen wäre, sie hätte dort oben schweigend verharrt: Deneuve bezog Stellung in der #MeToo-Debatte – und löste heftigen Widerspruch aus.

Das Recht, belästigt zu werden

In einem von 100 prominenten Frauen unterzeichneten Gastbeitrag der Zeitung „Le Monde“ beharrte auf dem Recht, belästigt zu werden: „Vergewaltigung ist ein Verbrechen. Aber hartnäckiges oder ungeschicktes Flirten ist kein Delikt“, schrieben die Frauen. #MeToo habe eine „Kampagne von Denunziation und öffentlicher Anschuldigung“ ausgelöst. Die Unterzeichnerinnen warnten vor dem „Klima einer totalitären Gesellschaft“. Heute würden Männer bereits „zur Kündigung gezwungen, deren einziges Vergehen es ist, ein Knie berührt oder einen Kuss erhascht zu haben“.

Wenig später ruderte Deneuve ein wenig zurück. In der „Libération“ bat sie „alle Opfer von verabscheuungswürdigen Taten“ um Entschuldigung, die sich durch ihre Einlassungen beleidigt gefühlt hätten. Zugleich verwahrte sie sich gegen den Vorwurf, keine Feministin zu sein. Sie erinnerte daran, dass sie 1971 mit Jeanne Moreau und Françoise Sagan zu den „343 Schlampen“ gehört habe, die Simone de Beauvoirs Manifest „Ich habe abgetrieben“ unterzeichnet hatten.

Tochter Chiara ist eine bekannte Schauspielerin

In Deneuves öffentlicher Entschuldigung findet sich auch dieser Satz: „Ich bin eine freie Frau.“ Daran hatte wohl nie jemand gezweifelt. Imponierend schon die unabhängige Art, in der sie sich ihren Kindern gewidmet hat: Den Sohn von Regisseur und Mentor Roger Vadim zog sie allein groß. Später hatte sie eine Tochter mit Marcello Mastroianni. Chiara ist heute ebenfalls eine bekannte Schauspielerin, die zusammen mit der noch berühmteren Mutter auf der Leinwand zu sehen war.

Die große Tragödie im Leben der Deneuve war der Tod ihrer ein Jahr älteren Schwester. Françoise Dorléac war ebenfalls Schauspielerin und 1967im Musical „Die Mädchen von Rochefort“ an der Seite Deneuves zu sehen. Noch im selben Jahr starb Françoise bei einem Autounfall. Danach stürzte sich Deneuve geradezu verzweifelt ins Filmemachen und wurde zu der Diva, als die sie heute gilt.

Könnte sein, dass sie diese Unnahbarkeit zumindest gelegentlich gern abstreifen würde. Wie sagte sie doch im Gespräch in Berlin: „Ich kann in meinem Beruf nicht einfach losziehen mit meinen Freunden, sondern muss auf mein Äußeres achten. Das ist in all den Jahren zum Reflex geworden.“

Von Stefan Stosch

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