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Kultur Ehrenprofessur für Christoph Eschenbach
Nachrichten Kultur Ehrenprofessur für Christoph Eschenbach
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11:50 16.08.2019
Von Konrad Bockemühl
Der Dirigent und Pianist Christoph Eschenbach ist am Donnerstag von Ministerpräsident Daniel Günther in Kiel mit Ehrentitel "Professor" ausgezeichnet worden. Quelle: nick
Kiel/Büdelsdorf

Eschenbach, mit der Ehrenprofessur des Landes für seine herausragenden Verdienste um das Schleswig-Holstein Musik Festival gewürdigt, wohnt derzeit im Gartenhaus mitten auf dem Nordart-Gelände, gewissermaßen bewacht vom Wolf-Rudel des chinesischen Künstlers Liu Rouwang. Aber so richtig in Ruhe übers Kunstareal streifen konnte er noch nicht. Schließlich galt und gilt es in zwei Wochen drei Konzertprogramme mit "seinem" Festivalorchester zu erarbeiten. Ein Gespräch rund um die Musik, über das Gespür für Talente, die Treue des nach wie vor international aktiven Dirigenten zum SHMF und eine neue Herausforderung in Berlin.

Herr Eschenbach – Sie sind wieder da, wie von Anfang an. Was hat sich für Sie verändert beim SHMF?

Christoph Eschenbach: Vor allem hat sich aus meiner Sicht die Situation für das Festivalorchester sehr verändert, nach Salzau hier in Büdelsdorf. Ich finde es hier viel, viel schöner, und für das Orchester ist es auch besser. Die Ahlmanns haben für einen idealen Platz gesorgt. Und dann finde ich die bildende Kunst sehr inspirierend auch für die jungen Musiker. Da ist eine Synergetik, die spürbar von hohem Wert ist.

Bach ist das große Thema 2019 beim SHMF, aber wohl nicht unbedingt Ihr Schwerpunktkomponist. Mahler, dessen 6. Sinfonie Sie hier erarbeiten, schon eher ... 

Wir zeigen Bach hier ja unter verschiedensten Aspekten – wie sich Komponisten mit Bach auseinandergesetzt haben, ist schon ungeheuer interessant. Bach muss in jedem Musikerleben ein Schwerpunkt sein. In meinem war das auch von Anfang an so. Neben all den Klavierwerken habe ich auch Bachkonzerte auf der Geige gespielt und später ja auch studiert.

Sie haben, ganz im Sinne Leonard Bernsteins, Spaß an der Arbeit mit jungen Musikern. Und einen ausgeprägten Spürsinn für junge Talente. Woher kommt das?

Nun, ich habe unglaublich profitiert von zwei ganz großen Meistern, die mir ihre Erfahrungen weitergegeben, mich eingeladen haben, ihre Proben zu erleben und mit denen ich auch gespielt habe. Das waren Herbert von Karajan und George Szell. Jetzt will ich das auf meine Art in die Hand nehmen und jungen Leuten Erfahrungen meines musikalischen Lebens weitergeben. Ich finde das sehr wichtig, und ich spreche oft mit Kollegen auch meiner Generation darüber, das sie da noch mehr tun sollten. Deshalb war die Gründung des Jugendorchesters 1985 hier auch so ausschlaggebend. Damals gab es so etwas noch kaum.

Christoph Eschenbach (links) und Daniel Günther (CDU). Quelle: Frank Peter

Wie nehmen Sie Talente wahr - und wie verfolgen sie die Entwicklung ihrer musikalischen Entdeckungen?

Nun, es hat sich ein bisschen herumgesprochen, dass ich dafür ein offenes Ohr habe und einen offenen Sinn. Deshalb kontaktieren mich viele junge Leute, um mir vorzuspielen und mich zu treffen. Und da gibt es sehr viele interessante, große Entdeckungen. Das fing an mit Renée Fleming, dann Tzimon Barto, Lang Lang... und die ganzen Bernstein-Preisträger gehören auch dazu. Und wir halten den Kontakt. Ich lasse das Telefon eben nicht nur klingeln, sondern nehme es auch ab.

Lehrer im klassischen Sinne an einer Hochschule waren Sie nicht.

Nein, nur in Hamburg war ich zeitweise Gastprofessor, aber nicht nicht in einem festen Turnus. Dort habe ich seinerzeit ja auch studiert.

Ihr musikalisches Engagement, auch für den Nachwuchs, kostet viel Zeit, wie kriegen sie all das unter einen Hut?

Natürlich ist das eine Frage von Disziplin. Und guter Planung: Wie plane ich überhaupt Zeit in meinem Leben ein, für mich, aber auch für andere. Ich bin ja auch noch Dozent an der Kronberg Academy im Taunus. Mit Kian Soltani war gerade ein wunderbarer Cellist hier, auch der war in Kronberg, Mit ihm habe ich schon viele Konzerte gemacht. Es sind viele Leute, die mir so viel Spaß machen, dass ich mir auch Zeit nehme dafür. Dass ich dafür vielleicht eine Stunde weniger schlafe, das macht mir nichts aus ...

Spricht für gute Organisation - dabei erlebt man Sie, ohne dass viele Menschen um Sie herum planen und wuseln ...

Die nehmen einem doch nur Zeit weg. Ja, ich mache viel allein. Dieser Tross um einen herum ist zeitraubend, anstrengend und langweilig. 

Wie viele Konzerte im Jahr muten Sie sich zu?

Habe ich nicht gezählt. Aber es sind viele. Das hält mich jung, parat und gibt mir Kraft. Ich sehe auch keinen Anlass, das zu reduzieren.

Wo setzen Sie derzeit ihre Schwerpunkte, musikalisch und örtlich?

Ich war 30 Jahre Musikdirektor in amerikanischen Orchestern, nun gut, manchmal hatte ich daneben noch ein zweites in Europa, wie das NDR- oder das Orchestre de Paris, aber bin jetzt sehr sehr froh, dass ich mich doch wieder entschieden habe, ganz nach Europa zurückzukommen – und wieder ein Orchester zu übernehmen: Das Konzerthausorchester in Berlin. Da bieten sich natürlich Repertoireschwerpunkte an, wir werden in Berlin einen Schostakowitsch-Zyklus machen, schon allein aus meiner Bewunderung und Referenz an einen meiner Vorgänger dort: Kurt Sanderling war ein großer Schostakowitsch-Kenner und -Verfechter. Wir beginnen die Saison am 30. August mit Mahlers 8. Sinfonie. Ich habe sie gerade erst vor drei Wochen zum 30-jährigen Bestehen des Pacific Music Festivals in Sapporo auf Hokkaido dirigiert: Damals noch, kurz vor seinem Tod, von Bernstein ins Leben gerufen, ist das auch eine Art Ableger des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Ich habe jetzt das aktuelle Jugendorchester mit Alumni der vergangenen Jahre geleitet – plus Professoren, die dort unterrichtet haben. 

Mit 79 Jahren eine neue Aufgabe als Chefdirigent in Berlin ...

Das ist Medizin für mich. 

Das Konzerthausorchester gilt im Vergleich mit anderen Klangkörpern, die sie geleitet haben, nicht als internationales Spitzenorchester - und hat in Berlin hochkarätig rege Konkurrenz. Was macht für Sie den Reiz der neuen Aufgabe aus? 

Nun, es ist ein sehr gutes, sehr innovatives Orchester, vom Management sehr gut geführt – mit Sebastian Nordmann übrigens von einen Mann, der aus Schleswig-Holstein kommt. Der sehr viel Sinn dafür hat, was ich mache, machte und machen will. Sebastian Nordmann war früher mal Fahrer beim SHMF. Wir haben damals schon oft über verregnete „Freischütze“ in Eutin gesprochen. Irgendwie war es schon eine gewisse Verbundenheit, dass ich mich zu dem neuen Engagement habe überreden lassen. Da traf sich vieles. Dazu kommt, das das Konzerthaus mit seiner wechselhaften Geschichte ein interessantes Gebäude ist – und einer der schönsten Säle in Deutschland, auch von der Akustik her. Die Situation in Berlin mit den vielen großen Orchestern finde ich interessant. Und ich finde, und weiß es auch von den Kollegen, es wird keine neidvolle Angelegenheit werden in Berlin: Jeder will seinem Orchester seinen Stempel aufdrücken und jeder will mitwirken an der Elite dieser Orchester

Wie sieht es mit dem Klavierspiel aus?

Ich hatte ja vor anderthalb Jahren eine Verletzung am Kleinen Finger und habe ein Jahr nicht gespielt. Dann habe ich wieder angefangen – mit dem ausgezeichneten Flötisten Stathis Karapanos gerade im Rheingau Festival und in Japan, und das ging sehr gut. Und jetzt spiele ich wieder. Solo ja schon seit Urzeiten nicht mehr, seit ich meine erste Musikdirektorenstelle vor genau 50 Jahren in Ludwigshafen angenommen habe. weil ich einfach keine Zeit mehr fand, neues Repertoire zu erarbeiten. Das fehlt mir auch nicht. Aber jetzt fange ich auch wieder an, Mozart-Konzerte einzustudieren, die ich dann vom Klavier aus dirigieren kann.

Justus Frantz hat neulich zu seinem 75. angekündigt, dass sie 2020 nach langer Pause wieder zusammen musizieren wollen.

Ja, das ist im Gespräch. Das wäre dann unser altes Steckenpferd, vierhändig zu spielen, oder auch an zwei Klavieren. Auch im Rheingau Musik Festival wollte man etwas mit uns machen. Und es gibt auch noch keinen festen Termin im SHMF. Aber ja, angedacht ist es.

Wie steht es bei alledem künftig mit Gastspielen, sortieren Sie andere Verpflichtungen jetzt neu?

Daran ändert sich eigentlich kaum etwas.

Sie sind so viel unterwegs, das man gar nicht weiß, wo Sie ihren Lebensmittelpunkt haben ...

Ich habe eine sehr schöne Wohnung in Paris, und daneben auch noch eine in Washington. In Hamburg habe ich sogar zu NDR-Zeiten nur im Hotel gewohnt, zumal wir da auch sehr viel gereist sind. In Berlin sehe ich das im Augenblick ähnlich, pendle also gewissermaßen von Paris

Wir können davon ausgehen, dass sie dem SHMF als feste Größe erhalten bleiben?

Mit dem größten Vergnügen! 

... und dann vielleicht ja auch mal wieder im Kieler Schloss auftreten?

Die Akustik ist da gar nicht so schlecht. Das Komische ist bei dem Saal, dass man den Eindruck hat, als ob bei der Planung die Bühne vergessen wurde. Man muss als Künstler aufpassen, dass man nicht auf die Füße von Zuhörern in der ersten Reihe tritt ... Ich habe den Saal in sehr positiver Erinnerung. Er ist nicht einer der schönsten der Welt, aber er hat eben diese wirklich vorteilhafte Seite, dass man ganz nah am Orchester, das heißt: im Klang, sitzt. Wobei auch der ja auch schon sanierte Saal in Lübeck sehr, sehr gut ist: Wir haben da die Schumann-Sinfonien mit dem NDR-Orchester aufgenommen. 

Und nun ist da noch die Elbphilharmonie ...

... die ich sehr, sehr gut finde. Die Leute gehen ins Konzert aus Neugierde, den Saal zu sehen – zu erleben, warum er so teuer geworden ist. Da kann man ihnen Stockhausen und was sonst auch immer vorsetzen. So kriegen sie ein großes Spektrum von Musik mit. Gewiss gewinnt man so neues Publikum. Ich finde den Saal sehr angenehm und das Elbphilharmonie Orchester bestätigt auch, dass man sich besser hört, dass es ein großer Fortschritt ist nach der Musikhalle, die natürlich vom Ambiente her sehr reizend ist. Aber dort musste man immer aufpassen, dass das Blech nicht zu laut war. Und die Streicher mussten forcieren ... Es war wirklich nicht einfach. Und jetzt fühlen sich die Musiker viel wohler und spielen hervorragend. Aufpassen muss man in jedem Saal. Mein erstes Konzert war dort mit der 6. Sinfonie von Mahler und einer Uraufführung von Matthias Pintscher. Da musste man ganz langsam ganz dünnes Papier zerreißen. Das hört man in dem Saal. Es spricht schon sehr für einen Saal, dass er das wirklich leben lässt, was subtil ist. Und die großen Fortissimo-Orchesterausbrüche sind nie lärmend. Nein, es gibt eigentlich kein Werk, dass ich hier nicht machen würde. Ich habe da nie Schwierigkeiten gehabt. Auch mit dem Konzerthausorchester werden wir in die Elbphilharmonie gehen in der nächsten Saison. Mit Kian Soltani – und Brahms’ Zweiter Sinfonie.

Christoph Eschenbach: Unermüdlich am Klavier und am Pult

Christoph Eschenbach, in Breslau geboren, verbrachte nach der Flucht einen Teil seiner Jugend im ostholsteinischen Neustadt. Schon als Kind spielte er die Orgel in der Basilika von Altenkrempe bei Neustadt. Als Pianist gewann er schon früh zahlreiche Preise. Populär sind seine Klavier-Aufnahmen mit Justus Frantz und dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt. Neben verschiedenen Engagements an US-Orchestern in Houston, Philadelphia und Washington leitete er von 1998 bis 2004 er in Hamburg auch das NDR Sinfonieorchester. Von 1999 bis 2002 war er zudem neben Rolf Beck der Künstlerische Leiter des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Seit 2003 ist er "Principal Conductor"  der Orchesterakademie. Im September wird Eschenbach nun die Leitung des Konzerthausorchesters Berlin übernehmen. Christoph Eschenbach ist der 53. Ehrenprofessor in Schleswig-Holstein. Der Titel wird seit 1967 vom Land verliehen.

Nach dem Einstand mit „Big Bach“ dirigiert Christoph Eschenbach „sein“ Festivalorchester am Freitagabend, 16. August, zur Verleihung des Leonard-Bernstein Award an die Mezzosopranistin Emily D’Angelo in Lübeck (Generalprobe Do., 15.8., 20 Uhr, in Büdelsdorf) sowie Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 6 zweimal, am 18. und 20. August, in der Elbphilharmonie Hamburg (Generalprobe am Sonnabend, 17.8., um 16 Uhr in der Büdelsdorfer ACO-Thormannhalle). Infos über www.shmf.de

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