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Kultur Beste Stimmung trotz Schlingerkurses
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12:53 29.06.2019
Von Thomas Richter
Bei der Kieler Woche: Classic Open Air mit Laith Al-Deen (rechts im Bild). Quelle: Thomas Eisenkrätzer
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Kiel

Der Rathausplatz war zum Bersten gefüllt, als Kiels 1. Kapellmeister Daniel Carlberg das Classic Open Air im Jack Sparrow Outfit mit „Fluch der Karibik“ eröffnete. Meisterhaft schmetterten die Kieler Philharmoniker die Filmmusik, mussten später als Begleitung von Stargast Laith Al-Deen allerdings kämpfen, um akustisch nicht unterzugehen.

Vokalensemble der Chorakademie auf hohem Niveau

Nachdem die rauschhafte Orchesterouvertüre über den Wassern der Förde verhallt war,  lieferte zunächst ein zwanzigköpfiges Vokalensemble aus der Chorakademie am Theater Kiel unter der Leitung von Kapellmeister Moritz Caffier eine fantastische Kostprobe ihres Könnens. Mit ewig funkelnden Perlen wie Queens „Bohemian Rhapsody“ oder „A Hard Day's Night“ von den Beatles hätten wohl auch weniger begabte Gesangsgruppen punkten können. Im Verbund mir den Philharmonikern allerdings musizierten diese Nachwuchskünstler auf besonders hohem Niveau.

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Was irritierte, war der Sound

Dann moderierte Fin Walden, Nachrichten-Redakteur bei NDR 1 Welle Nord, Headliner Laith Al-Deen an, und das musikalische Schiff namens „Soul meets Classic“ geriet ins Schlingern. Klar, der in Karlsruhe geborene, überaus sympathische Sänger und Songwriter war exzellent bei Stimme, die abwechslungsreiche Setlist aus alten und neueren Songs verfing, seine Band lieferte und auch das Orchester agierte tadellos. Jedes Element dieses Konzertes für sich genommen also war hochkarätig. Allein das Zusammenspiel wollte über weite Strecken nicht recht gelingen. Und das betraf nicht einmal die von Enrique Ugarte treffsicher gesetzten Arrangements, Was irritierte, war in erster Linie der Sound, der bei einem Open Air diesen Zuschnitts zugegebenermaßen auch eine echte Herausforderung darstellt. In dem meisten Fällen waren Al-Deens Musiker allerdings derart prominent ausgesteuert, dass das (wenn auch kleiner besetzte) Orchester kaum eine Chance hatte, sich zu behaupten.

Pop überlagert die Klassik

Bei Songs wie „Geheimnis“ oder auch dem betörenden „Dein Lied“ sorgten die Streicher der Philharmoniker noch für ein anschmiegsames Intro, bauten eine schöne Spannung auf, bevor dann die Band übernahm, und der Pop die Klassik überlagerte.  „Hör mal“, ruft eine Zuhörerin und offenbar Anhängerin der Kieler Philharmoniker während eines Liedes ihrer Begleitung zu, „der Schellenkranz wenigstens kommt von unserem Orchester“. Womit sie das klangliche Dilemma freilich auf den Punkt brachte. Im schmissigen „Für alle“ schafften es zumindest die Bläser kurzzeitig dem Song Opulenz und Tiefe zu verleihen. Beim starken „Heimathafen“ greifen die Klangkörper sogar ziemlich reibungslos ineinander, während  Al-Deens wohl größter Hit „Bilder von Dir“ als akustische Version ganz ohne Orchester auskommt.

Die Stimmung war großartig

Obwohl Letzteres zuweilen also eher als marginale Veredelung denn integraler Bestandteil einer sinfonischen Lesart von Al-Deens tollen Songs wirkte, kamen die Fans des Sängers mit der warmen, vollen Stimme ganz offensichtlich auf ihre Kosten. Die Stimmung vor der Bühne wenigstens war absolut großartig und mit den raumgreifenden „Wenn gestern heute wär“ und „Mit mir“ ließen die Philharmoniker dann beim Finale tatsächlich noch einmal deutlich von sich hören.