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Kultur "Ich empfinde mich nicht als so schnell"
Nachrichten Kultur "Ich empfinde mich nicht als so schnell"
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19:15 20.02.2019
Von Thomas Bunjes
Foto: Hat als Impro-Schauspieler stets den Durchblick. Ralf Schmitz.
Hat als Impro-Schauspieler stets den Durchblick. Ralf Schmitz. Quelle: Robert Recker
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Kiel

Jetzt komme ich vielleicht mit einer ollen Kamelle, aber dann ist die wenigstens gleich am Anfang weg: Die E-Mail-Adresse www.ralfschmitz.com ist Ihnen ja offenbar von einem Immobilienhändler weggeschnappt worden, oder? Da waren Sie ausnahmsweise nicht fix genug ...

Ralf Schmitz: Ja, ich habe damals nachgeschaut, da war sie schon weg. Hab' ich eben www.schmitz.tv genommen. Ging auch. Jedenfalls habe ich mich nicht lange gegrämt.

Das sie schon weg war, hängt wohl auch mit Ihrem nicht eben exotischen Namen zusammen. Ist das mit ein Grund für die wortspielerischen Programmtitel wie jetzt aktuell „Schmitzeljagd“ oder zuvor „Schmitz komm raus“, „Verschmitzt“, „Schmitzophren“, „Schmitzenklasse“ und „Schmitzpiepe“?

Der Name Ralf Schmitz hat ja nun wirklich kein Alleinstellungsmerkmal. Als ich mir damals die ersten Programmnamen ausdachte, wurde mir klar: Mensch, Schmitz, das kann ja in der Wortspielerei extrem gut unterbringen! Sogar Witz reimt sich auf Schmitz, was im Humorfach ja auch nicht so schlecht ist. Und dann habe ich, das merkt man ja, durchaus Spaß dran gefunden, es ist ein kleiner Sport geworden. Ich bin da aber nicht der einzige, ich hab’s ja nicht erfunden, der Dieter Nuhr macht’s genau so.

Ihr fünftes Programm hieß allerdings „Aus dem Häuschen“. Was war denn da passiert?

Das war mal die Abkehr von der Regel. Das Buch, das ich damals schrieb, hieß „Schmitz’ Häuschen“, da habe ich gedacht, dann mach ich jetzt mal die Ausnahme. Auch weil es zeigt: Da ist jemand vielleicht nicht der ruhigste Vertreter.

Theater haben Sie ja schon in der Schule gespielt. Und da bereits Blut geleckt?

Meine erste Rolle war, Sie werden es nicht glauben, damals im Kindergarten. Ich habe den Zirkusdirektor gespielt, die Mädchen waren die Pferde und ich scheuchte sie durch die Manege. Ob das heute noch so gemacht würde, ich bezweifle es.

Nun ja, in Me-Too-Zeiten ...

Genau. Und ich hatte einen riesigen Zylinder auf, der rutschte mir immer auf die Nase, das war meine erste Rolle, und irgendwas muss damals geklickt haben, seit diesem Tag wollte ich’s immer werden. Das war nie ein Muss.

Nach Abi und Zivildienst folgte dann ja auch eine Schauspiel- samt klassischer Tanzausbildung plus Gesangsunterricht. Klingt nach Bühne und kein Plan B.

Richtig, ganz genau so war es auch. Meine Eltern haben natürlich die Hände überm Kopf zusammengeschlagen. Das war ganz klassisch. Mein Vater hat gesagt: Mein Gott, mach doch erstmal ’ne Ausbildung bei der Sparkasse – das ist nicht erfunden, das ist tatsächlich genau so gewesen – danach kannste alles machen, da haste was Solides. Der Gedanke liegt ja auch nahe, ich kann das auch nachvollziehen. Meine Mutter hat gesagt: Mach, was dich glücklich macht. Und tatsächlich habe ich alles auf diese Karte gesetzt, ich wollte nie was anderes machen. Ich habe gesagt: Und wenn ich mein Leben lang vor zehn Leuten spiele, dann ist es immer noch der Beruf, den ich will.

Ein wesentliches Bühnenrüstzeug, das Ihnen sicher auch heute noch gute Dienste leisten dürfte, holten Sie sich beim Bonner Impro-Theater Die Springmaus. Wie lernt man Impro-Theater? Kann man das überhaupt richtig lernen? Das frage ich auch mit Blick auf die rege Improtheater-Szene in Kiel.

Wirklich lernen kann man ein paar Mechanismen, ein paar naheliegende Regeln im weitesten Sinne. Dass man den ersten Gedanken nimmt und nicht lange überlegt. Dass man das, was der Kollege anbietet, auch direkt übernimmt, dass man nicht versucht zu werten, weil sonst jede Geschichte sofort tot ist. Das große Ja-Sagen ist ganz, ganz massiv entscheidend, ist das Allerallerwichtigste. Wichtig ist auch, dass Sie die Angst verlieren müssen, damit es funktioniert, und dann funktioniert es auch. Man muss den Sprung ins kalte Wasser wagen, ohne zu wissen, ob Wasser im Becken ist. Wenn man springt, ist Wasser drin – das ist das Schöne.

Dennoch erscheint es aus Laiensicht als das Grausamste beim Impro-Theater, wenn der spontane Gag so richtig unwitzig in die Büx geht. Gibt’s ein Patenrezept, wie man die Situation rettet?

Natürlich kann so was passieren. Dann sollten Sie offen damit umgehen, weil Sie das vorher nicht wissen können. Sie schreiben das Programm, die Rolle, den Text gerade selbst, während Sie ihn sprechen und überlegen, wie die Pointe sein könnte mit der eine Gehirnhälfte, mit der anderen spielen sie weiter, und da kann nicht immer alles ideal sitzen. Wenn’s mal daneben geht, ist der Zuschauer dabei. Das Wichtige daran ist: Nicht aufgeben! Ich an so ’ner Stelle würde immer die Flucht nach vorn antreten und die vielleicht ins Leere gelaufene Pointe nutzen, um eine andere draufzusetzen. Wenn das gelingt und – toi, toi, toi – das gelingt fast immer, und wenn sie das schaffen und das Publikum ist sogar am Prozess beteiligt – ach, guck mal, der kämpft, und am Schluss hat er doch gewonnen – dann haben Sie aus etwas vermeintlich Schlechtem sogar Gold gemacht. Und das ist das, was glücklich macht und süchtig.

Sie haben das im größeren Format auch im TV gemacht, in der Sendung „Schillerstraße“ ...

... das mach ich sogar jetzt wieder, „Hotel verschmitzt“, die erste Staffel ist durch, und Gott sei dank hat das sehr gut funktioniert.

Ist das ein großer Unterschied zur Kleinkunstbühne, da man weiß, dass da draußen am Bildschirm noch ein paar Leute mehr zuschauen?

Das ist, glaube ich, egal, das vergisst man in dem Moment. Wir hatten ja auch Publikum vor Ort bei der Aufzeichnung. Das brauchen wir auch, das ist ja der Gradmesser, ob das, was man sich da ausdenkt, funktioniert.

Im neuen Programm „Schmitzeljagd“ soll ja mindestens die Hälfe improvisiert sein. Wie einfallsreich sind Ihre Gäste denn so beim Stichwortgeben?

Sehr unterschiedlich. Es gibt Menschen, da habe ich das Gefühl, die haben sich vorbereitet. Die bringen eine Idee mit und wollen sie dann auch unterbringen. Und dann kommt die Idee und dann denkt man: Das passt aber jetzt nicht zusammen, ich versuche aber mal, das zu beherzigen. Ganz oft haben die Leute großen Spaß daran, spontan was rauszuhauen, was ihnen in den Sinn kommt. Das muss und soll ja auch gar nichts Besonderes sein, das soll ja ganz pur sein. Ob heute nur drei Leute was rufen und morgen rufen 300 gleichzeitig was, ist eigentlich auch egal. Ich nehme jetzt nicht immer den ersten Zuruf, das wäre gemein, wenn immer einer schneller ist als die anderen, aber einer muss es ja werden, und dann wird das auch bedient. Meine Aufgabe ist eben, aus alledem – ob viel oder wenig, ob kompliziert, ob sophisticated oder ganz schlicht – die Geschichte zu machen. Der Job, dass es lustig wird, den muss ich machen.

Und die andere Hälfte, woraus speist die sich?

Da bringe ich meine Hinweise auf der Schnitzeljagd, das ist mein Blick auf die Welt. Ich mag die Abwechslung. Da habe ich Physical Comedy dabei. Einen klassischen Stand-up, da versuche ich an die Fernbedienung zu kommen, obwohl meine Freundin mit dem Kopf auf meiner Brust eingeschlafen ist. Ich bring’ ein bisschen Schauspiel mit und schlüpfe ganz spontan in über 25 Charaktere von Männern bei einem Speed-Dating, das macht wahnsinnigen Spaß, denn das Thema Dating, Kennenlernen sollte langsam auch mal einer Show unterkommen – Speed-Dating hat ja gerade ’ne Renaissance neben Tinder. Ich erzähle von meiner Mutter, die früher mal schreckliche SMS geschrieben hat, mittlerweile macht sie aus Versehen Fotos mit ihrem Handy.

Frage zum Schluss: Haben Sie eigentlich schon immer so schnell gesprochen – natürlich abgesehen vom Babyalter?

Ja, tatsächlich. Ich empfinde mich gar nicht als so schnell, mein Reden nicht, mein Agieren nicht. Die Anderen sind ja langsam, ist immer ’ne Frage der Perspektive. Gerade bei der Improvisation ist es gar nicht so schlecht, wenn Sie schneller sind als die Anderen, dann haben Sie die Pointe schon. Für die anderen wirkt es so, als käme sie sofort und für mich liegt dazwischen eine kleine Zeitspanne, in der ich das nutzen kann. Ich versuche immer den Leuten zu sagen, dass das nichts mit Hektik zu tun hat. Ich renne nicht panisch durch die Gegend und verbreite ein Chaos.

Das würden Sie Ihrer Umgebung wohl anmerken.

Ich denke auch. Es ginge mehr zu Bruch.

Interview: Thomas Bunjes

Sonnabend, 23. Februar, 20 Uhr, Sparkassen-Arena-Kiel, Europaplatz 1