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Kultur Wildern in der Männerdomäne
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19:44 28.01.2019
Von Thomas Bunjes
Jeanne d’Arc der Comedy-Szene: Carolin Kebekus. Quelle: Axl Klein
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Kiel

Ich muss zugeben, dass ich vor einem Interview schon länger nicht ähnlich nervös war. „PussyTerror“, „AlphaPussy“, „PussyNation“ – da kann man als männlicher Fragesteller schon ein wenig in Sorge geraten. Man weiß ja nicht, was man alldem so entgegenzusetzen hätte, aber man wächst ja mit seinen Aufgaben ...

Carolin Kebekus: ... das Problem liegt ja dann bei Ihnen, wenn Sie denken, Sie müssten dem etwas entgegensetzen ...

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... richtig, vielleicht vorsichtshalber erst mal siezen?

Nein, bitte nicht, nein, nein!

Erlebst du denn angesichts deiner Themen Männer häufiger in einer vorauseilenden Defensive?

Ähm, privat jetzt oder beruflich?

Sowohl als auch.

Nee, also eigentlich nicht. Leute, die mich auf der Bühne kennen und wissen, was ich da mache, da habe ich jetzt noch nie von Männern gehört, dass die irgendwie Angst ... ja gut, doch, also eine selbstbewusste Frau kann ja schon mal eine gewisse Angst auslösen. Das gilt ja für beide. Ein selbstbewusster Mann kann auch mal eine Frau irritieren. Aber dass Männer vorauseilend defensiv wären ... also ich glaube, das würde man mir nicht zeigen.

Hat eigentlich schon mal jemand versucht, bei einem Interview witziger sein zu wollen als du? Falls ja, wie ist das ihr oder ihm bekommen?

(lacht) Jaaa, es gibt dann schon Leute, die sich angestachelt fühlen, schweinische Witze zu machen, die dann im Kontext aber ganz komisch kommen, dann wird das Interview ein bisschen seltsam. Versucht, witziger zu sein als ich? Vielleicht. Aber das ist natürlich niemandem jemals gelungen.

Hm, ja, klar. Aber das mit den schweinischen Witzen sind dann schon eher die Männer.

Ja, das stimmt. Ein bisschen stoße ich da ja dann schon eher in eine Männerdomäne vor. Wo einer dann denkt: Das gehört eigentlich mir, das hole ich mir jetzt zurück.

Ist das neue Programm „PussyNation“ eine Art thematische Fortschreibung? Auf terroristisch folgt beim Alpha-Geschöpf jetzt ganz etabliert der nationale Ansatz?

Genau. Erstmal Pussy-Terror in der kleinen Zelle, dann übernimmt die Alpha-Pussy die Macht und Pussy-Nation die logische Konsequenz des eigenen Staates. (lacht) Also, mir gefällt der Name einfach unheimlich gut. Ich finde aber auch, dass dieses ganze Frauenthema in den letzten Jahren unheimlich laut geworden ist, und die Probleme, die Frauen betreffen, werden jetzt wahnsinnig viel diskutiert. Deswegen hat es jetzt doppelt und dreifach gepasst. Ich finde, Pussy ist auch immer so’n Ausdruck für weich, für Leute, die sich nix trauen. Gar nicht unbedingt auf Männer bezogen, so weichei-mäßig, sondern auf eine Nation, die total weich geworden ist, nur noch rumheult und sich im Internet auskotzt.

Online im „Urban Dictionary“ findet sich als eine „Top-Definition“ für „Pussy Nation“ ein längerer Eintrag ...

Echt?

... da heißt es etwa: „A country where everyone acts emotional about shit like a bunch of fucking females.“ Irritierend angesichts der Trump-Administration ist dann folgender Nachsatz: „America is becoming a pussy nation.“ Wie siehst du das?

Das ist ja abgefahren! Wo steht das?

Im „Urban Dictionary“.

Na, so heißt es ja, Weiber sind die, die rumheulen, das sind die Pussys – gibt natürlich auch männliche Pussys. Das ist ja so eine Rollenverteilung, die gerade ein bisschen hinterfragt wird. Viele Dinge sind ja von Frauen auch einfach so akzeptiert worden die letzten Jahrzehnte. Per #aufschrei haben ja schon Frauen Geschichten ausgepackt, wie sie sexuelle Belästigung in ihrem Leben erleben, da sind ja schon Leute durchgedreht: Was, das gibt’s ja gar nicht! Und viele Frauen haben gesagt: Ja, meine Güte, willkommen in unserem Leben. Wie viel man da einfach gar nicht beachtet hat von diesen Momenten, die man als Frau hatte. Und jetzt ist es so, dass man sich Stück für Stück ein bisschen Gehör verschafft hat, dass man einfach sagt, jetzt stecken wir mal nicht zurück und nehmen diese weinerliche Position ein, sondern fordern jetzt einfach auch mal sozusagen die Hälfte von allem ein. Und das ist gerade, glaube ich, für viele ein bisschen schwierig.

Und dieser Trump-Kontext, den ich da angesprochen habe?

Ich weiß jetzt gar nicht, aus welcher Sicht das geschrieben ist, aber es klingt so’n bisschen wie ’ne Fox News.

Vor der Wahl Trumps hast du mal dessen Ehefrau Melania als folgsames, eitles Dummchen parodiert. Würdest du das heute immer noch so darstellen (angesichts gewisser ablehnender Gesten gegenüber deren Gatten bei offiziellen Anlässen und ihres kolportierten CNN-Konsums)?

Na ja, ich meine, was man an Widerstand von ihr mitbekommt, sind ja nur Interpretationen. Letztens gab es dieses Interview, in dem sie sagte: Nee, nee, ich finde schon alles super, was mein Mann macht und ich steh’ da total hinter dem. Also, so’n richtigen Widerstand sehe ich da nicht. Wenn wir wieder eine lustige Idee haben für Melania Trump, dann machen wir die sicher auch noch mal.

„Pussy Nation“ ist auch noch, was man im Netz alles so findet, der Titel eine 1995 gedrehten Films ausschließlich für Volljährige. Der dürfte bei der Namensfindung deines neuen Programms wohl keine Rolle gespielt haben ...

Was ist das, ’n Porno? Geil, abgefahren, das muss ich ja auf der Bühne erzählen! Und ist das so’n Militärporno?

Ich hab’ mir den nicht angeguckt ...

... dann muss ich das übernehmen, als Recherche.

Scheint zumindest recht prominent besetzt zu sein, heißt es, so ’ne Art Hollywood-Porno vielleicht ...

Hollywood-Porno? Gibt’s so was? Mit echten Gefühlen ...

Gibt’s in Hollywood echte Gefühle? Aber den kennst du also noch nicht?

Den kenne ich noch nicht. Ist aber ’ne ganz schöne Idee, auf die du mich hier bringst, was ich auf der Bühne erklären könnte.

Gerne. Folgt bei dir die offensive Verwendung des Wortes „Pussy“ für Frauen einer ähnlichen Strategie wie die von „Nigger“ bei Schwarzen oder „Kanaken“ bei Türken? Um durch eine positive Umwertung die Herabwürdigung zu brechen?

Natürlich, auf jeden Fall, das ist genau der Mechanismus, dann hat man den Gegner schon ausgehebelt. Wobei man sagen muss, dass bei mir zusätzlich auch das Wort Pussy schon immer im Sprachgebrauch vorhanden war, weil meine Freunde mich früher so genannt haben, weil ich mich nie getraut habe wie im Urlaub von so Klippen springen oder sich mit Skateboards an Autos hängen und so, da habe ich nie mitgemacht und dann war ich immer die Pussy. Ich war auch immer das einzige Mädchen. Aber dann haben die das so lieb gemeint, da war das dann mein Spitzname, und dann hießen alle meine Geräte Pussy-Phone, Pussy-Rechner. Dann lag das irgendwie doch näher, als manche Leute vermuten.

Hat dich das denn nicht irgendwann genervt, so auf diesen Begriff festgelegt zu werden?

Das war dann mit der Pubertät auch okay. Irgendwann haben die mich natürlich auch nicht mehr so genannt.

Gibt’s denn schon eine Idee für den nächsten Programmtitel? „PussyChaos“ oder so?

Ich arbeite gerade an „PussyNation“. Wenn ich jetzt schon Ideen hätte für das nächste Programm, dann wäre ich Gott. Das ist so absurd. Ich weiß nicht, ob du dir das vorstellen kannst, wenn man so’n neues Programm hat, dann ist das wie eine Unendlichkeit. Jede Idee, die man hat, nutzt man für dieses aktuelle Programm. Da jetzt irgendwas nach hinten zu stellen für wann anders ist ab-so-lut utopisch.

Die „Frankfurter Rundschau“ hat kürzlich einen Artikel von dir veröffentlicht zum Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht“. Der liefert ganz sachlich Fakten und viele Zahlen. Und beinhaltet eine unleugbare Kernthese: „Die Welt ist für Frauen eine andere als für Männer.“ Der Text mündet trotz all der Probleme und Defizite, die du ansprichst, im Positiven. Was lässt dich denn hoffen? Die Erfolge im Kleinen, die du schilderst?

Ja, und ich finde, es ist ja eine Entwicklung, die sich, glaube ich, gar nicht mehr aufhalten lässt. Ich finde, dass niemand was dagegen haben kann, dass, so hochtrabend das klingt, die Welt ein besserer Ort wird. Wenn so viele Mädchen nicht zur Schule gehen können – ich war ja selber in Sambia und habe gesehen, wie viele Gefahren da auf dem Weg von diesen wahnsinnig hoch motivierten Mädchen lauern – da weiß man genau, jedes zweite Mädel von denen wird irgendwie verheiratet werden und ihre Energie überhaupt nicht ausleben können. Wenn man mal überlegt, was da an weiblichem Potenzial brachliegt. Wenn so ein Mädel einfach einen besseren Zugang hätte zu Bildung, studieren könnte und einen Beruf hätte, der dann was verändern könnte, dann würde nicht nur dieses Dorf davon profitieren, sondern auch die Stadt und das Land und am Ende würden alle davon profitieren. Da glaube ich total fest dran.

Deine „AlphaPussy“-Tour hat mehr als 300000 Besucher gezählt. Staunst du manchmal selber noch über den wachsenden Zulauf?

Ja, Wahnsinn. Ich steh’ da manchmal auf der Bühne vor 6000, 7000 Leuten und denke: „Mein Gott!“

Aber du müsstest da doch mittlerweile Routine haben. Oder doch noch Lampenfieber?

Na ja, sagen wir mal so: Das ist ja jetzt ein neues Programm, da bin ich das Lampenfieber in Person. Die erste Preview: Ich sterbe! Jeden Tag tausend Tode, weil man letztendlich noch nicht weiß: Wie wird das? Ich hab’ es noch nie ganz am Stück gespielt.

Ist dir das denn schon mal passiert, dass du so abgelost hast bei einer Vorpremiere auf der Bühne?

Na ja, ganz abgelost nicht, aber ich hab’ dann schon mal ein paar Sachen getestet, wo man dann merkt: Ja, die Idee ist gut, die Witze sind auch gut, aber es fehlt noch so’n bisschen das letzte Was-soll-das-eigentlich.

Nun, ein bisschen Sicherheit müsste es dir ja auch geben, dass du regelmäßig beim deutschen Comedy-Preis abräumst, in diesem Jahr zum sechsten mal in Folge als „beste Komikerin “, dazu noch diesmal für das beste TV-Soloprogramm.

Ja, ich freu’ mich wahnsinnig über jeden Preis, die einzige lustige Frau ... es gibt natürlich noch sehr viele andere, die sind aber nicht der breiten Masse zugänglich und finden nicht so im Fernsehen statt, wie sie es eigentlich verdient hätten. Weil dieser Kosmos auch so’n bisschen beschränkt ist, weil man immer denkt: Na ja, da ist ja jetzt ’ne Frau, mit mehr können wir beim besten Willen nicht umgehen. Eine reicht.

Ja, schon komisch, bei den männlichen Komikern ist das tatsächlich anders ...

... das wird aber passieren, da bin ich mir ganz sicher. Da kommt jetzt ganz viel an weiblichem Nachwuchs.

Interview: Thomas Bunjes

Termin: Freitag, 15. März, 20 Uhr, Sparkassen-Arena-Kiel (Europaplatz 1). Karten auch unter www.kn-tickets.de.

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