Corona: Die Deutsche Oper Berlin wagte sich sogar an Wagners Walküre heran
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Kultur Durchwachsen: Herheims Walküre in Berlin
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Corona: Die Deutsche Oper Berlin wagte sich sogar an Wagners Walküre heran

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13:49 29.09.2020
Von Jürgen Gahre
Nina Stemme (als Brünnhilde, l) und Lise Davidsen (als Sieglinde)
Nina Stemme (als Brünnhilde, l) und Lise Davidsen (als Sieglinde) Quelle: Britta Pedersen
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Berlin

Stefan Herheim ist ein großer Name in der Opernwelt. Der 1970 in Oslo geborene Regisseur hat mit seinen ebenso innovativen wie provozierenden Inszenierungen in den deutschsprachigen Ländern, den Benelux-Staaten und in Skandinavien für Furore gesorgt, so sehr, dass sein Name regelrecht als Gütezeichen für tief schürfende Regie-Sensationen gilt und ihm seine Fans nachreisen. Kein Wunder also, dass der Götz-Friedrich-Schüler bereits dreimal von der Zeitschrift Opernwelt zum Regisseur des Jahres gewählt wurde: 2007, 2008 und 2010.

Corona: Komplettes Orchester im Graben, Maskenpflicht für Zuschauer

 Die erforderlichen 89 Musiker waren im Orchestergraben untergebracht (also nicht auf der Bühne!), alle Rollen waren besetzt, hinzu kam eine ganze Heerschar von stummen Statisten und Statistinnen, und in zwei langen Pausen gab es eine nur minimal eingeschränkte Gastronomie. Lästig war allerdings, dass auch während der Aufführung Masken getragen werden mussten, obwohl nur weniger als jeder zweite Platz (770 der insgesamt 1860 Sitze) genutzt werden durfte.  Das Programmheft gab es nur auf der Webseite zum Durchblättern und als Download-PDF – dafür aber gratis. Das alles hatte zweifellos Modellcharakter und war deswegen weit über Berlin hinaus mit Interesse verfolgt worden.

Regisseur Stefan Herheim

   Wenn sich ein Opernhaus mit einem so großen Namen wie Stefan Herheim schmückt, dann darf auch Großes und Neues erwartet werden. Neues gab es in dieser Inszenierung zweifellos, aber ob das nun „groß“ war, darf bezweifelt werden. Herheim will aktuell sein und verkündet: „Als Reaktion auf die heutige, andauernde Flüchtlingskrise, spielt Flucht eine große Rolle in unserem Regiekonzept für den Ring. Er erzählt von einer inneren Flucht, auf der wir uns alle auf eine Art befinden, auch wenn wir in der Kunst Zuflucht suchen. Als Gefangene der Corona-Krise wissen wir nicht, ob wir realisieren können, was schon so lange gedeiht und wächst. Mich lähmt die allumfassende Ungewissheit und die Schizophrenie, so schnell wie möglich zu einem business as usual zurückkehren zu wollen, dessen Gier, Konsumwahn und Dauerbetriebsamkeit die Weltkrisen unserer Zeit verursachen.“

Menschen auf der Flucht

   Um diese Grundidee dem Publikum zu vermitteln, hat er als Regisseur und Bühnenbildner dafür gesorgt, dass ständig an Menschen auf der Flucht erinnert wird, sei es durch eine gigantische Anzahl von Koffern, die zu großen Haufen aufgetürmt sind und so ganze Kofferlandschaften bilden, sei es durch verzweifelte Menschen, die mit Sack und Pack und Kind und Kegel von einem zum anderen Ort fliehen. Diese Flüchtlinge tauchen in vielen Szenen auf – sie sind nahezu omnipräsent. Sie beobachten Wotans Auseinandersetzung mit Fricka, sie lauschen Wotans langem Monolog, sie bevölkern auch das Schlussbild, wenn Wotan Brünnhilde in den Schlaf küsst.

Wagners Flügel im Zentrum der Inszenierung

   Während der gesamten Oper steht ein großer Flügel im Zentrum der Bühne. Mal setzt sich Wotan, mal Sieglinde an ihn, um mit gestischem Spiel die Geschehnisse im Orchester anzudeuten. Das Klavier ist aber multifunktional und dient vor allem als der Ort, wo die Höhepunkte der Oper stattfinden: Siegmunds und Sieglindes Liebesnacht ebenso wie Wotans Ausruf: Eines nur will ich noch: das Ende! und sein Abschied von Brünnhilde, die dann auf wundersame Weise im Klavierflügel verschwindet. In dieses bemerkenswerte Musikinstrument aber hat Wotan nicht nur seinen Speer gerammt. Es dient auch als Hundehütte, aus der ein gefährlich aussehender Wolfshund springt und die verängstigte Sieglinde auf das Klavier treibt. Gelegentlich hebt das Tasteninstrument aber auch ab, um den einen oder die andere in schwindelnder Höhe zu wichtigen Aussagen zu bringen, wie Wotans Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreite das Feuer nie! Während dieser „Feuerzauber-Musik“ erscheint die den Siegfried gebärende Sieglinde auf dem Klavier, und ein hässlicher Zwerg mit Richard-Wagner-Barett entreißt ihr das Neugeborene. Spätestens hier wird die Funktionsvielfalt des Fortepianos zur Groteske und zum Ärgernis.

Sieglindes neuer Sohn: Hundingling

   Den gravierendsten Eingriff in die Handlung aber macht Herheim mit der Erfindung einer neuen Figur. Ein gewisser Hundingling ist von Anfang an in Hundings (aus Koffern gebauter!) Behausung anwesend. Er ist offenbar der von Hunding gezeugte Sohn, der von seiner Mutter Sieglinde, die ja einst zur Ehe mit Hunding gezwungen wurde, nicht geliebt wird. Er ist eine armselige, bedauernswerte Kreatur, der von Sieglinde in dem Augenblick die Kehle durchgeschnitten wird, wenn sie sich ihrem Bruder Siegmund in hemmungslosem Liebesrausch hingeben will. Das ist umso unverständlicher als sich dieser offenbar taube und zurückgebliebene, von seinem Vater brutal misshandelte junge Mann immer mehr den Liebenden zuwendet, weil er zum ersten Mal erfährt, was Zärtlichkeit und Liebe ist. Dass dieser kaltherzige Mord an ihrem Sohn die ekstatische Musik zu So blühe denn, Wälsungen-Blut! in ihrer unmittelbaren Wirkung stark beeinträchtigt, ist eines der großen Ärgernisse dieser Inszenierung. Ähnlich Frustrierendes geschieht natürlich auch, wenn zu der sich in Schmerzen windenden Sieglinde die herrliche Musik zu Wotans Abschied und Feuerzauber erklingt.

Fulminante Frauen: Nina Stemmes Brünnhilde und Lise Davidsens Sieglinde

   Musikalisch war die Walküre nicht gerade herausragend, trotz einiger großer Namen. Die schwedische Sopranistin Nina Stemme war natürlich eine fulminante Brünnhilde – dass sie nicht ihren sonst üblichen hohen Standard erreichte, lag gewiss an der intellektuell überfrachteten, oft ins Groteske abrutschenden Inszenierung. Auch John Lundgren hätte sich als Wotan besser entfalten können, wenn er nicht solche Mätzchen veranstalten müsste wie das Herauskriechen aus dem Souffleur-Kasten mitsamt der Partitur der Walküre. Brandon Jovanovich trumpfte mit kernigen Wälse!-Rufen auf, blieb ansonsten aber der Partie des Siegmund einiges schuldig. Als Sieglinde konnte Lise Davidsen einmal mehr zeigen, dass sie gegenwärtig eine der führenden Sopranistinnen ist, und als Hunding strotzte Andrew Harris mit seinem tiefschwarzen Bass geradezu vor Testosteron und Feindseligkeit. Die oft unterschätzte Rolle der Fricka war mit der Mezzosopranistin Annika Schlicht brillant besetzt. 

GMD Donald Runnicles mit Umsicht, aber ohne Zauber

   Donald Runnicles, der seit 2009 Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin ist, dirigierte das Orchester zwar mit Umsicht, musste aber den durch Corona verursachten Umständen offen hörbar seinen Zoll zahlen. Den Musikern der Deutschen Oper merkte man an, dass sie ihr sonst übliches hohes Niveau nur mit Mühe wieder finden konnten. Das Publikum bedankte sich bei den Sängern und den Musikern mit sehr freundlichem, aber keineswegs überschwänglichen Applaus und quittierte Herheims Inszenierung mit lauten Buhs.

Weitere Aufführungen: 1., 4., 8. und 11. Oktober. ww.deutscheoperberlin.de