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Kultur San Francisco, ein Traum
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20:26 28.06.2019
American Dream: Daniel Hope mit Musikern des New Century Chamber Orchestra. Quelle: Marco Ehrhardt
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Büdelsdorf

Eines wissen Daniel Hope und seine brillanten Streich(l)er aus Kiels neuer Partnerregion San Francisco genau: Durch Perfektion wird selbst Kitsch zu Kunst. Dennoch verdient sich manches Schmankerl von Aaron Coplands Old American Songs oder aus Leonard Bernsteins West Side Story gerade in der soften Bearbeitung von Paul Bateman einen knallroten Punkt auf der Lebensmittel-Ampel: zu süß, zu fett ...

New Century Chamber Orchestra

Das wird noch deutlicher, wenn in Bernsteins Mambo endlich die Bongos rhythmisch mehr Rückgrat geben und das New Century Chamber Orchestra doch mal aus seiner sagenhaft großen Komfortzone rausfliegt. Da erinnert man sich sehnsüchtig daran, dass Lenny selber für seine legendäre Einspielung des Musicals bewusst einige Jazzer aus der New Yorker Szene unter die Klassiker mischte, um authentisch „funky“ fetzen zu können. Dafür begeistern die coolen Könner hier auf Anhieb mit Samuel Barbers Trauer-Hit Adagio for Strings. Aber das ist ja auch ein Streicher-Original.

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Minimal Music in Bestform

Das vorgezogene SHMF-Konzert zum Schulterschluss mit der US-amerikanischen Westküste hat in der voll besetzten ACO-Thormannhalle aber sehr wohl das Zeug, sich noch deutlich zu steigern – hineinzusteigern geradezu in die magisch pulsierenden Pattern von John Adams’ Shaking and Trembling für Streichorchester aus Shaker Loops oder Philip Glass’ Echorus für zwei Solo-Violinen und Streichorchester. Die Instrumentalisten von der Bay fesseln hier mit ihrer Homogenität und Wendigkeit.

Charmanter Rattenfänger Daniel Hope

Daniel Hopes vielgelobte Qualitäten als charmanter Rattenfänger in Wort und Guarneri-Ton bestätigten sich überall (nicht nur zum Mitsummen in Brahms’ Guten Abend, gut’ Nacht!). Im überall edlen Klanggewebe der Mitstreiter und im Dialog mit Iris Stone setzt er intensive geigerische Akzente. In Batemans raffiniert aufbereiteter, nur in Summertime allzu vordergründig prosaischen Suite von George-Gershwin-Songs steigert er sich nach und nach in den eigens heraufbeschworenen Stéphane-Grappelli-Modus hinein, löst sich immer mehr vom reinen Notentransport und findet zur Session. Mit The Man I Love und I Got Rhythm ist dann alles Akademische (fast) vergessen.

Siegreich: Kurt Weill mit seinem September Song

Trotzdem steckt der absolute Höhepunkt des begeistert gefeierten Konzerts in einer der Zugaben: Kurt Weills grandios hingezirkelter September Song bietet aber auch die Gegenperspektive – da wird nämlich mit kühl kalkulierter künstlerischer Strenge Kitsch genüsslich herbeizitiert. Ein herrlicher Gänsehaut-Effekt, den auch das virtuos winterliche Vivaldi-Geschrabbel in Max Richters „recomposed“-Version der Four Seasons nicht übertrumpfen kann.

Von Christian Strehk

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