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Kultur Vom Donner gerührt
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17:00 30.07.2013
Von Christian Strehk
Eine Klasse für sich: Elisabeth Leonskaja.
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Kiel

Zwar kennen sich die wunderbar charismatische Pianistin Elisabeth Leonskaja und der innerhalb weniger Stunden für den erkrankten Valery Gergiev eingesprungene russisch-ossetische Dirigent Tugan Sokhiev bereits. Das berühmte Opus 16 des Norwegers aber haben sie noch nie gemeinsam musiziert. Überhaupt begeistert das Gastspiel des enorm charaktervollen Mariinsky Theatre Symphony Orchestra aus St. Petersburg das Publikum im vollen Saal mit guten Gründen.

Sicher: Von berufenen Landsleuten wie Leif Ove Andsnes wird Griegs Konzert nordisch karger aufgefasst, auch verschrobener, wo sich die Trolle ihren Auftritt nicht nehmen lassen. Bei Elisabeth Leonskaja schlägt eher die russische Schule durch – und prompt beweist das Werk nahe Verwandtschaft zu Rachmaninow. Das aber geschieht überwältigend stimmig, vom ersten Moment an geradezu zwingend. Der sonst gerne etwas zickige Steinway-Flügel im Schloss entfaltet unter den Händen von Leonskaja elementare Wucht und tonliche Wärme. Tastendonner und Poesie befinden sich in perfekter Balance. So gibt es Rauschzustände und herrlich innige Momente – zum Beispiel den Dialog mit dem sonoren Solo-Cello.

Man kann immer noch nachempfinden, dass der Bezugspunkt für die seit 1978 in Wien lebende Pianistin Svjatoslav Richter geblieben ist, jener legendäre russische SHMF-Künstler und Seelenverwandte, der so gerne mit ihr musizierte und mit dem sie gemeinsam eine der schönsten vierhändigen Klavieraufnahmen realisierte: Mozarts Sonate KV 533 – in der romantisierten Fassung von Edvard Grieg! Deshalb rundet es den Auftritt beziehungsreich, wenn die Grande Dame des Klaviers als Zugabe in sanftmütigem Ernst das Adagio aus der F-Dur-Sonate KV 332 von Mozart zelebriert.

Wie sämig der „Mariinsky-Sound“ auch ohne Gergiev strömt, hat man schon in der eher schwerblütig aufgefassten Tannhäuser-Ouvertüre zu Beginn erlebt. Nach der Pause kann sich Tugan Sokhiev dann blind darauf verlassen, dass die Petersburger Elitemusiker alle denkbaren Register in Peter Tschaikowskys brillanter Symphonie Nr. 4 f-Moll op. 36 wie von selber ziehen – technisch souverän, enorm ausdrucksstark, ohne jede Larmoyanz. Sokhiev, als Nachfolger von Ingo Metzmacher steil aufstrebender Chefdirigent des Deutschen Symphonie Orchesters Berlin, greift mit bloßen Händen und stilistischer Ähnlichkeit zu seinem Lehrer Gergiev, in die Vollen der Vierten, modelliert hier, dämpft dort, befeuert da. Das Ergebnis? Tschaikowsky vom Feinsten, Jubel und (eine Spur wackliger) die Polonaise aus Eugen Onegin als Zugabe.