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Kultur Eine Inszenierung voller Rätsel
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15:52 14.08.2019
Von Jürgen Gahre
Die georgische Sopranistin Salome Jicia in der Titelpartie der Semiramis. Quelle: Studio Amati Bacciardi
Pesaro

 Einen „Durchgang“ hat man bereits hinter sich, und nun folgen neue Inszenierungen, die die Opern in wiederum neuem Licht erscheinen lassen – die Forschung geht halt auch immer weiter. Wer also Rossini in Pesaro sieht, kann gewiss sein, dass er den ursprünglichen Intentionen des Komponisten so nahe kommt wie nirgendwo sonst auf der Welt.

Rossini ungekürzt

   Ein ungekürzter Rossini nimmt es in Bezug auf die Länge durchaus mit Wagner auf, und so dauert dann auch die zweiaktige »Semiramide« viereinhalb Stunden, mit nur einer Pause. Das auf  einem Drama von Voltaire basierende Libretto von Gaetano Rossi handelt von der halbmythischen Gestalt der Semiramis, die im frühen 19. Jahrhundert durchaus bekannt und beliebt war.

Schon zu Lebzeiten verkannt

Aber schon zu Lebzeiten des Komponisten (1792 – 1868) verschwand die Oper von den Spielplänen. Zum einen, weil sich das Publikum nach romantischen Gefühlen sehnte, mit denen es sich identifizieren konnte, zum anderen, weil es keine Sänger mehr gab, die die Akrobatik der sublimen Virtuosität in lebendige, echte Emotionen zu verwandeln imstande waren.

Inszenierung: Graham Vick

   Der englische Regisseur Graham Vick, der in Pesaro mit seinen Inszenierungen schon mehrmals für Aufsehen gesorgt hat, kann dem 1823 in Venedig uraufgeführten „Melodrama tragico“ einige recht spektakuläre Effekte abgewinnen: Die beiden Augen eines sehr alten Mannes starren von einer gigantischen Stellage fast ständig im XXXL-Format ins Publikum, und wenn das Gestell auseinandergerückt wird, erblicken wir das gesamte Gesicht, aber eben ohne die Augen – die sind jetzt rechts und links auf der Bühne.

Die starren Augen von Pesaro

Ein derart viergeteiltes Gesicht in verschiedenen Proportionen ständig anschauen zu müssen, ist ausgesprochen unangenehm und soll es wohl auch sein. Schnell wird klar, dass es sich hier um den von Semiramis und ihrem damaligen Lover Assur ermordeten König Nino handelt, dessen omnipräsenter Geist auch fünfzehn Jahre nach seinem Tod das Geschehen verfolgt. Er muss mit ansehen, wie seine Frau, die babylonische Königin Semiramide, nunmehr den jungen Feldherrn Arsace liebt, ohne zu wissen, dass er ihr eigener Sohn Ninia ist, der bei dem damaligen Mordkomplott nicht umgekommen ist.

Blut und Rache

Die Blutflecken auf einem riesengroßen, immer wieder auftauchenden Teddybär lassen eine schreckliche Geschichte vermuten. Der tote König Nino erscheint sogar in Person, um von seinem Sohn Arsace Rache für den Mord zu verlangen. Ninia will Assur erstechen, trifft aber im Dunklen seine Mutter Semiramide. Der Mord ist gerächt, wenn auch versehentlich, und Ninia alias Arsace wird vom assyrischen Volk zum König ausgerufen.

Psychologische Ausdeutung

   Graham Vick versucht eine psychologische Ausdeutung der Geschehnisse um den Mord an dem König, indem er uns sozusagen hinter die Kulissen gucken lässt. Auf der Rückseite der Stellage mit den greisen Augen sehen wir die kindliche Malerei von einer Figur, die einen blutigen Dolch in der Hand hält; daneben liegt der hingestreckte Körper eines Königs, dessen Herz ein großer Blutstrom entquillt. – Ein Kinderbett ist praktisch ständig zu sehen, ohne dass dessen Funktion klar würde. Sollte hier der kleine Ninia ermordet werden, der aber im letzten Augenblick entkommen ist? –

Fragen über Fragen

Auch werden etwa zwanzig vollkommen gleich aussehende Frauen mit Babys gezeigt, denen eine weitere entgegenkommt. Soll das heißen, dass aus Versehen das falsche Baby ermordet worden ist? Fragen über Fragen. So wird eine komplizierte und unwahrscheinliche Handlung nur noch verwirrender. Oder spielt sich die gesamte Handlung lediglich im Kopf des alten Königs ab, als Alptraum?

Musikalisch eine Freude

   Musikalisch allerdings war „Semiramide“ eine einzige Freude, obwohl die Partitur den Sängern der Hauptrollen vokale Akrobatik der absoluten Topklasse abverlangt. Es gibt sie also wieder, die großen, wundervollen Rossini-Sänger, und das ist zu einem Großteil dem außerordentlich fruchtbaren Wirken der in Pesaro beheimateten Fondazione Rossini zu verdanken.

Glanzvoll besetzte Titelpartie

Die Titelrolle ist mit der georgischen Sopranistin Salome Jicia hervorragend besetzt, was schon gleich bei ihrer phänomenal schwierigen und wunderschönen Auftrittsarie „Bel raggio lusinghier“ deutlich wird. Verführerisch schön klingt sie, wenn sie um die Liebe des Arsace wirbt – sie ahnt ja nicht, dass sie sich in ihren eigenen Sohn verliebt hat.

Herrliche Harmonie

Dieser wird von der armenischen Mezzosopranistin Varduhi Abrahamyan interpretiert. Und später, wenn beide wissen, dass sie Mutter und Sohn sind, verschmelzen ihre Stimmen in herrlichster Harmonie. Das ist jedoch zu einem lesbischen Duett umfunktioniert, da Arsace sich sehr weiblich gibt, auch im Kostüm.

Kerniger Bass

Der aus Buenos Aires gebürtige Nahuel Di Pierro sorgt mit seinem kernigen Bass für eine profilierte Charakterzeichnung des Königsmörders Assur, ohne das Dämonische seiner Rolle zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Die Arien von Idreno haben zwar nur eine dramaturgische Randfunktion, verlangen aber einen Tenor, der halsbrecherische Koloraturen bewältigen kann. Der in Pesaro bestens bekannte und beliebte Antonino Siragusa bewältigt seine Rolle mit Bravour.

Russischer Geist mit starker Stimme

Lobend zu erwähnen sind auch noch Martiniana Antonie als liebenswerte Azema, Carlo Cigni als Oroe und Sergey Artamonov als Geist des Nino. Der Letztgenannte muss trotz seines kurzen Auftritts einen starken, den Verlauf der Handlung beeinflussenden Eindruck machen. Dem russischen Bass gelingt das vortrefflich!

Dirigent Michele Mariotti

   Der aus Pesaro stammende Michele Mariotti dirigiert das Orchestra Sinfonico Nazionale della RAI mit nie nachlassendem Engagement. Bereits in der Ouvertüre legt er großen Wert auf Feinschliff und klug austarierte Proportionen, was gelegentlich auf Kosten der Spontaneität und der Dramatik geht. Das Premierenpublikum hat nicht mit Applaus für die Sänger und Mariotti gespart, empfing aber Graham Vick mit lauten, wütenden Buh-Rufen.

www.rossinioperafestival.it

Das Festival dauert noch bis zum 22. August. Außer „Semiramide“ werden „Demetrio e Polibio“ und „L'equivoco stravagante“ gezeigt. Das Rossini Opera Festival 2020 findet vom 8. bis 21. August statt - unter anderem mit „Moïse et Pharaon“.

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