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Kultur Ein Fest großer Stimmen in Pesaro
Nachrichten Kultur Ein Fest großer Stimmen in Pesaro
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16:12 15.08.2018
Von Jürgen Gahre
Rossini Opera Festival in Pesaro: Juan Diego Florez und Pretty Yende in "Ricciardo e Zoraide" von Rossini. Quelle: Amati Bacciardi
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Pesaro

Im Rahmen eines Rossini-Festivals in Wien 1822 war sie sogar eine der Hauptattraktionen. Jetzt also erlebt diese fast vergessene Oper in Pesaro, dem an der Adria gelegenen Geburtsort des Komponisten, eine geradezu phantastische Auferstehung, mit einer Besetzung, die weltweit ihresgleichen sucht. Das von christlichen Rittern, asiatischen Potentaten und afrikanischen Emissären handelnde Libretto ist entfernt mit Ariosts Rittergeschichten verwandt, hat also Liebe und Hass ebenso zum Thema wie Verrat, Missgunst und großzügige Vergebung. Rossini hat für das Liebespaar Ricciardo und Zoraide eine brillante Musik komponiert, die trotz halsbrecherischer Koloraturen und sensationeller Spitzentöne den Sängern auch herrlich lyrische Szenen mit zahlreichen Möglichkeiten für seelenvollen Belcanto bietet.

Tenorales Vergnügen: Juan Diego Flórez

   Was für ein Vergnügen, Juan Diego Flórez als Ricciardo zu hören, wenn er mit seinem absolut höhensicheren Tenor alle horrenden Schwierigkeiten seiner Rolle mühelos bewältigt und seiner Kehle betörende Töne von silbrigem Glanz entlockt! Die aus Südafrika stammende Pretty Yende als Zoraide kann auf diesem Spitzenniveau durchaus mithalten, verfügt sie doch über einen vorzüglich fokussierten, runden Sopran, dessen leuchtende Höhen immer wieder begeistern.

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Weitere Partien blendend besetzt

Aber auch die anderen Partien sind blendend besetzt: Sergey Romanovsky (König Agorante) setzt seinen schönen, flexiblen Tenor für einen durch und durch fiesen Charakter ein, und der Spanier Xabier Anduaga, der erst vor zwei Jahren in „Il viaggio a Reims“ seine ersten Lorbeeren in Pesaro ernten konnte, macht als Ernesto nachhaltig auf sich aufmerksam. Die seit ihrem Auftritt in Pesaro 2009 – ebenfalls in „Viaggio a Reims“ – international gefragte Mezzosopranistin Victoria Yarovaya kann als pathologisch eifersüchtige Gattin des Agorante überzeugen.

Vielversprechend: Dirigent Giacomo Sagripanti

   Der noch recht junge Giacomo Sagripanti, ein vielversprechender, in den großen Opernhäusern Europas längst angekommener Dirigent, leitet das gut aufgelegte Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI mit subtilem Gespür für Nuancen und den dramatischen Ablauf der Oper. Der von ihm aufgebaute, fein austarierte Spannungsbogen lässt die gelegentlich auftretenden Untiefen der umfangreichen, gut drei Stunden dauernden Oper fast vergessen.

Statische Inszenierung von Marshall Pynkoski

   Marshall Pynkoski hat in seiner Inszenierung von „Ricciardo e Zoraide“ darauf geachtet, dass das Bühnenbild (Gerard Gauci) mit seinen dezenten Mustern den orientalischen Flair eines nubischen Zeltes verbreitet. Das ist stets hübsch anzusehen.  Die Personenführung aber lässt so manches Mal zu wünschen übrig – zu oft stehen die Solisten, Choristen und Statisten einfach nur dekorativ auf der Bühne herum. Die von Jeannette Lajeunesse Zingg choreografierten Tanzeinlagen sorgen zwar für Auflockerung, können aber nicht wirklich über die etwas steif und uninspiriert geratene Inszenierung hinwegtäuschen. Für die Sänger – vor allen für Flórez und Yende – gab es enthusiastischen Applaus, für das Regieteam eine deutlich geringere Zustimmung und einige unüberhörbare Buhs.

Einakter "Adina"

   Mit der einaktigen 'Farsa' „Adina“ steht ein weiteres, so gut wie unbekanntes Werk auf dem Spielplan des diesjährigen Festivals. Der Maestro hat es im selben Jahr wie „Ricciardo e Zoraide“ komponiert, also 1818. Die Uraufführung hingegen fand erst acht Jahre später in Lissabon statt; eine solche Verzögerung war für Rossini sehr ungewöhnlich – er war es schließlich gewöhnt, dass man ihm die noch tintennassen Notenblätter für die kurz bevorstehende Aufführung mehr oder weniger aus der Hand riss, um den Zeitplan einhalten zu können. Bei „Adina“ aber handelt es sich um ein Auftragswerk eines reichen, in Portugal lebenden Mannes, der wahrscheinlich seine Geliebte, eine Sängerin, mit Rossinis Partitur beglücken wollte.

Parallelen zu Mozarts "Entführung"

   Wenn man beginnt, den Inhalt der „Adina“ zu lesen, erkennt man schnell die Parallelen zu Mozarts „Entführung aus dem Serail“: Der  Kalif von Bagdad möchte die junge schöne Sklavin Adina heiraten. Sie mag den Kalifen zwar, liebt aber Selimo, den sie allerdings für tot hält. Als dieser jedoch unmittelbar vor ihrer Hochzeit auftaucht, bittet sie um Verschiebung der Zeremonien, um genug Zeit für die Flucht zu haben. Der Kalif erfährt davon, lässt den Serail streng bewachen und verhindert so das Entkommen des Liebespaares. Der zum Tode verurteilte Selimo wird aber begnadigt, wenn sich herausstellt, dass Adina in Wirklichkeit des Kalifen Tochter ist. Ende gut, alles gut!

Einfallsreiche Regie

   Diese hübsche kleine Oper steht und fällt mit der Besetzung der Titelrolle und mit einer einfallsreichen Regie; beides ist in Pesaro auf geradezu ideale Weise gegeben. Rosetta Cucchi hat einen zauberhaften, von Tiziano Santi realisierten Einfall für das Bühnenbild gehabt: Eine gewaltige, drei Etagen hohe, mit reichlich Schlagsahne verzierte Hochzeitstorte dient als Spielort für ein turbulentes Geschehen, das durch allerlei hinzu erfundene Figuren in grellfarbenen Kleidern reichlich bunt geraten ist. Ganz oben auf der Torte steht symbolhaft ein Paar, das erst am Schluss zueinander findet. Cucchis muntere Inszenierung wirkt wie eine phantastische Geschichte aus Tausendundeiner Nacht. Der tragische Ernst, die Gefangennahme des Liebespaares und die drohende Hinrichtung, werden so fast vollkommen ausgeblendet, was musikalisch durchaus zu rechtfertigen ist. Gewiss, Vito Priante ist ein durchaus sympathischer Califo und Levy Sekgapane ein verliebter, zu allen Opfern bereiter Selimo, die Palme aber gebührt der wundervollen Lisette Oropesa in der Titelrolle. Ihr flexibler, bestens fokussierter Sopran überwindet alle Klippen ihrer mit Schwierigkeiten gespickten Partie, vor allem in der jubilierenden Schlussszene.

Venezuelanischer Dirigent Diego Matheuz

   Der aus Venezuela gebürtige Diego Matheuz entlockt dem Orchestra Sinfonica G. Rossini ebenso sanfte lyrische wie auch rasante, hitzige Rhythmen, die an den frühen Rossini erinnern. Das Publikum in dem schmucken Teatro Rossini war begeistert und spendete für alle viel Applaus.

www.rossinioperafestival.it

Das Festival dauert noch bis zum 23. August.

Das nächste Festival: 8. bis 20. August 2019. „Semiramide“ wird dann im Mittelpunkt stehen.