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18:12 30.07.2014
Machte Mendelssohn zum Ereignis: Das Schumann Quartett Quelle: re 3.5.1
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Bordesholm

Anders als es böse Urteilsklischees – nicht erst und nicht nur in der Nazizeit – behaupteten, ist seine Musik nicht glatt, konventionell, konfliktarm. Nein, Mendelssohn war ein Neuerer, nicht nur auf den Feldern des Oratoriums, der Konzertouvertüre oder des Solokonzertes. Das kann man in diesem Sommer gut verfolgen.

Es arbeitet sich nicht nur am mittleren und späten Beethoven ab, sondern stellt selbst neue Quartett-Spielregeln auf. Da zittert man als tonartbewusster Hörer, ob das Finale mit seinem permanenten Drall nach c-Moll denn die Ausgangstonart Es-Dur überhaupt wieder erreichen kann. Dass dies gelingt, wird nach 100 Takten zwar dezent in Aussicht gestellt, doch erst auf den letzten Seiten ermöglicht das Hauptthema des ersten Satzes tatsächlich den Weg zurück nach Es-Dur: So endet der letzte Satz wie der erste – als könne es nicht anders sein.

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 Da bei Mendelssohn das Neue oft so selbstverständlich wirkt (obwohl es oft hart erarbeitet war), könnte man vom Undercover-Innovator sprechen. Dafür finden die Brüder Erik, Ken und Mark Schumann mit Bratschistin Liisa Randalu den rechten Ton: Formbewusstsein, ein intensives, aber nicht überzogenes Espressivo, enorme Lautstärke-Differenzierungen und gute Klangbalance trotz hallsatter Akustik machen den Mendelssohn-Start gleich zum Ereignis. Schade nur, dass die vier Musiker vorm Finale, das eigentlich nahtlos aus dem langsamen Satz hervorgehen soll, eine Pause einschieben.

 Gleiche Intensität hat Franz Schuberts Quartettsatz D 703, den das Schumann Quartett enorm dramatisch beginnt. Nie oder fast nie opfert man „schöne Stellen“ dem großen Zug. Und so kann man diesem Ensemble hohe emotionale Spielintelligenz bescheinigen – oder umgekehrt: hochintelligente Emotionalität. Da irritiert es auch nicht, dass man Anton von Weberns Fünf Sätze für Streichquartett op. 5 nochmals beginnen muss, weil dem Primarius gleich im ersten Stück eine Saite reißt. In hochkonzentriertem Spiel verschmelzen Abstraktion und Intensität.

 Robert Schumanns a-Moll-Quartett op. 41/1 gelingt ähnlich fesselnd: Ob es um die „sprechenden“ Akzente der langsamen Einleitung, die Spannung zwischen Melodieseligkeit und Motivarbeit im Kopfsatz, den Schwung des Scherzos (bei dem der Mittelteil eigentlich einen etwas schnelleren Puls als die Eckteile haben sollte, was nur wenige Ensembles beachten), die schöne nervöse Lyrik des langsamen Satzes oder den unbremsbaren Schwung des Finales geht: Das Schumann Quartett verbindet Jugend und Reife auf packende Weise. Davon zeugt noch die Zugabe: der langsame Satz aus Haydns Quartett op. 76/5.

Autor: Michael Struck