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Kultur Archaische Wucht
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20:41 08.11.2019
Von Thorben Bull
Die Atmosphäre im Saal macht einen elementaren Teil ihrer Kunst aus: die deutsch-dänisch-norwegische Nordic-Ritual-Folk-Band Heilung. Quelle: Michael Kaniecki
Kiel

Es beginnt mit friedlich anmutendem Vogelgezwitscher. Das weiche, grüne Licht simuliert die Natur. Minutenlang geht das so, bis ein Schamane erscheint und einen Räucherduft gen Zuschauer fächert. Alsbald zieht eine Gruppe weiterer Protagonisten auf leisen Sohlen zur Bühnenmitte. Die Gesichter verhüllt, lange Gewänder und Geweihe tragend. Im Kreis stehend halten sie ein Ritual ab. Dabei rufen sie Gedichtverse in den vernebelten Saal: „Remember that we all are brothers, all people.“

Wie Elfen, wie Wölfe...

Der Satz kann als Erinnerung an Menschlichkeit und Nächstenliebe verstanden werden und wird von einigen Gästen laut mitgesprochen. Plötzlich setzen wuchtige Schlachttrommeln ein, sodass die Stimmung mit dem ersten Stück In Maidjan kippt. Exemplarisch für die Kontraste, die die eigenwilligen Künstler in ihrem Musik-Erlebnis unterbringen. Das folgende "Alfadhirhaiti" ist von Maria Franz’ elfengleichem Gesang erfüllt, entführt vor dem geistigen Auge noch tiefer in längst vergessene Welten und Zeiten. Wolfsgleiches Geheul setzt ein, sechs Krieger mit Schilden und Speeren bringen sich in Stellung, werden mit steigernder Lautstärke und Tempo in Wallung gebracht. Da reißt es die ersten im gut gefüllten Kieler Schloss zujubelnd aus den Sitzen.

Harmonisch bis zornige Gesangparts

Der Kern von Heilung besteht zwar nur aus dem Gesangs- und Perkussion-Trio Maria Franz sowie den Bandgründern Christopher Juul und Kai Uwe Faust, doch zeitweise tummeln sich bis zu 14 Personen auf der Bühne. Heilung wollen mehr sein als nur eine Band – und das sind sie auch. Das Interesse für archaische Kulturen wie die nordeuropäische Eisenzeit oder die Periode der Wikinger eint das Front-Trio. Vor diesem Hintergrund zitieren sie in ihren Texten aus alten Runenschriften, altertümlichen Artefakten oder Gedichten und generieren daraus harmonisch bis zornige Gesangparts.

Ton, Text und Inszenierung frei von jedweden Konventionen

Heilung sind ein absolutes Live-Muss, die Atmosphäre im Saal nimmt einen elementaren Teil ihrer Kunst ein. Die Krieger begeben sich unter blutrotem Licht erneut in Reih und Glied, Flötentöne sorgen für mystischen Charakter. Das ist filmreif und die blühende Fantasie der Band-Regisseure überträgt sich auf die Rezipienten, wobei nicht zu erahnen ist, was als nächstes kommen mag. Ein Opfer-Ritual bei "Traust" lässt den Atem stocken, die wundersame "Auferstehung" wieder aufatmen. Das Kollektiv auf der geschmückten Bühne lässt sich zudem Zeit. Bis zu einer Viertelstunde kann eine Nummer andauern mit der Heilung sich in Ton, Text und Inszenierung völlig von jedweden Konventionen lösen.

Rufe aus dem Jenseits

Leider variiert die Machart der Musik nur bedingt. Die über alles und stets dominierende Wucht der Trommeln schlägt die Brücke zum Heavy Metal, die von den verschiedenen Gesangsstilen oder guten Ideen, wie etwa schauderhaft wirkende Rufe aus dem Jenseits, aufgebrochen wird. Der große Schlussakt "Hamrer Hippyer" bringt ein letztes Mal den mittlerweile stehenden Saal zum Beben. Bemalte Krieger mischen sich unters Volk, stacheln an, bis alles endet, wie es angefangen hat: mit friedlicher Stille.

Mehr Kultur aus der Region hier auf www.kn-online.de/kultur

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